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Fahrstuhl
zum Schafott
"Schicksalsschläge"
"...Wir werden frei sein,
es muss sein."
(Florence zu Julien)
"Der Film von morgen wird
ein Akt der Liebe sein."
(François Truffaut)
Der Mord ist akribisch bis ins letzte geplant. Der
Ex-Soldat Julien (Maurice Ronet), angestellt bei einem französischen Konzern,
der mit Waffen handelt, sagt seiner Sekretärin kurz vor Büroschluss,
er habe noch Wichtiges zu erledigen und möge nicht gestört werden.
Er schließt sich in seinem Zimmer ein, nimmt ein Seil mit einem großen
Widerhaken, öffnet das Fenster, wirft das Seil hoch an das Sperrgitter
im nächsten Stockwerk des Hochhauses, klettert hinauf, dringt so in das
Zimmer des Konzernchefs Carala (Jean Wall) unter dem Vorwand ein, eine Expertise
abgeben zu wollen, tritt neben seinen Chef und schießt ihm in den Kopf
- mit dessen eigenem Revolver, den er von Caralas Frau Florence (Jeanne Moreau)
bekommen hat. Dann drückt er dem Toten die Mordwaffe in die Hand, um die
Tat als Selbstmord erscheinen zu lassen, hangelt sich über die Geländer
wieder hinab in sein Arbeitszimmer und verlässt mit der Sekretärin
das Gebäude.
Ein klassischer, scheinbar perfekt geplanter Mord,
ein klassischer Auftragsmord, Auftraggeberin die schöne Florence, mit der
Julien ein Verhältnis hat. Julien geht zu seinem schicken Auto, beobachtet
von der Blumenverkäuferin Veronique (Yori Bertin) und deren Freund Louis
(Georges Poujouly), einem jungen, ungestümen Draufgänger, der den
flotten Schlitten von Julien bewundert. Alles könnte perfekt für Julien
laufen, doch er hat etwas Wichtiges im Büro vergessen, kehrt um, betritt
den Fahrstuhl - und kurz darauf stellt ein Mann vom Wachpersonal den Strom im
Gebäude ab. Julien bleibt stecken.
Währendessen wartet Florence auf Julien. Und
Louis beschließt, dessen Nobelkarosse für eine lange Spritztour mit
Veronique zu "leihen". Louis fährt los, und Florence sieht den
Wagen an sich vorbeischießen, denkt, Julien sitze am Steuer, neben sich
eine junge Frau.
Das Unglück nimmt seinen Lauf. Während
Florence nichts weiß, nicht einmal ob ihr Mann tot ist, und ziellos in
der Stadt umherirrt, um an einschlägigen Orten nach Julien zu fragen, rast
Louis aus Paris heraus, aufs Land - bis er einem Mercedes begegnet und mit diesem
ein Rennen über die Autobahn veranstaltet.
Louis Malle inszenierte mit "Ascenseur pour
l'échafaud" 1958 einen in jeder Hinsicht düsteren Film, der
Paris in einer kalten, berechnenden Atmosphäre erscheinen lässt, einen
Film, den man getrost schon zur nouvelle vague rechnen kann, mit Anklängen
an den film noir und den amerikanischen Gangsterfilm vor allem der 40er Jahre.
Nicht nur Julien und Florence - Jeanne Moreau in
ihrer ersten großen Rolle, die sie weltberühmt machte - erscheinen
(zunächst) als ausschließlich berechnende, kaltschnäuzige Killer,
sondern ebenso praktisch alle anderen Personen, vor allem Louis und Veronique,
die auf ihrer Spritztour bei einem Motel landen, wo sie der Fahrer des Mercedes,
ein Deutscher namens Becker (Ivan Petrovich) und seine Frau (Elga Andersen)
zum Essen einladen. Becker interessiert sich im Grund nicht für Louis und
seine Freundin, beide sind für ihn lediglich eine Art Zeitvertreib - und
rasch hat er herausgefunden, dass Louis nicht jener Ex-Soldat Tavernier ist,
für den er sich ausgibt, um den Diebstahl von Taverniers Auto zu kaschieren.
Durch einen darauf bald folgenden Doppelmord werden
Inspektor Cherier (Lino Ventura) und ein publicitysüchtiger Staatsanwalt
(Hubert Deschamps) in das Geschehen verwickelt. Sie meinen - durch Zeugenaussagen
bestärkt -, Tavernier als Doppelmörder ausgemacht zu haben. Der jedoch
steckt noch immer im Fahrstuhl des Bürogebäudes und versucht vergeblich,
aus der Falle zu entkommen, während Florence bei einer nächtlichen
Razzia als vermeintliche Prostituierte festgenommen wird
...
Malle lässt die scheinbare Perfektion der Verbrechen
wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Die Kaltschnäuzigkeit der Handelnden
hindert weder Florence und Julien, noch Louis und Veronique daran, ihren scheinbar
nur skrupellosen Weg weiterzuverfolgen. Wenn Florence durch die nächtlichen
Straßen und Gassen, Kneipen und Hotels von Paris zieht - begleitet von
der betörenden Musik Miles Davis -, so hat sie nur eines im Sinn: Wo ist
Julien? Hat er ihren Mann getötet? Ihre Gefühlskälte korrespondiert
mit jener paradoxen emotionalen "Betroffenheit" in den Momenten, in
denen ihr bewusst wird, dass sie ihr Ziel möglicherweise nicht erreichen
wird. Diese - durch Jeanne Moreau exzellent dargebotene -, fast schon depressive
Traurigkeit fängt Henri Decaë mit seinen fast ebenso "depressiven",
und doch so faszinierenden Bildern von Paris beeindruckend ein.
Auch das junge Pärchen denkt in einer rigorosen
Weise nur an sich, eigentlich nicht an sich, sondern jeder an sich selbst -
ein Pärchen, das nach außen als jugendlich ungestüm, unvernünftig,
manchmal fast spielerisch erscheint in seinem jugendlichen Leichtsinn, hinter
dem sich allerdings in Wirklichkeit eine enorme Selbstsüchtigkeit verbirgt.
In gewisser Hinsicht feiert die nouvelle vague diese Selbstsüchtigkeit.
Und so realistisch auch Malles Film im nächtlichen, regnerischen, und am
nächsten Morgen nebligen Paris erscheint, so überhöht ist doch
- künstlerisch gesehen - der Effekt, den er damit erzeugt.
Die Stadt ist natürlich Thema dieses Films,
und Malle lässt Paris als einen Moloch sondergleichen erscheinen, in dem
die Handelnden wie Figuren auf einem Schachbrett erscheinen - in jeder Hinsicht
eingenommen durch die Anonymität der Stadt und die damit einhergehende
Gleichgültigkeit. Selbst das Mordopfer Carala, einer der gern am Krieg
verdient, "übt" sich bis kurz vor seinem Tod in überheblich
zur Schau gestellter Gleichgültigkeit - selbst in dem Moment, als Julien
ihm die Waffe an die Schläfe hält und Carala "nur" fragt,
woher er seinen Revolver habe. Und Julien? Er sitzt nicht etwa im Fahrstuhl
und verzweifelt, sondern überlegt kaltschnäuzig, wie er dieser Falle
entkommen kann. Als man morgens den Strom wieder anstellt, verlässt er
das Gebäude in der ebenso kaltblütigen Sicherheit, sein Ziel doch
noch erreicht zu haben.
Was zu bleiben scheint, ist die Liebe von Florence
zu Julien. Gerade die Schlussszene, in der ihr bewusst wird, dass sie Julien
nie wiedersehen wird, dass sie in getrennten Gefängnissen einsitzen werden
müssen. Gerade im Rückblick auf die vorhergehende Handlung erscheint
die Sinnlosigkeit dieser Liebe, dieser Verschwörung zum Mord; aber - und
das muss gerade im Rückblick auf den Film gesehen werden - es bleibt eben
auch paradoxerweise ein gewisses Mitgefühl für das ertappte Paar,
dessen Zuneigung sich fast unmerklich, schleichend durch den Film zieht. Und
es ist Jeanne Moreau, die dies in ihrer unnachahmlichen Art zum Ausdruck bringen
kann, beispielsweise in einer Szene, als sie im strömenden Regen bei einem
Hotel ankommt und den Portier, der einen großen Regenschirm über
sie hält, nach Julien befragt. Der verneint. Wie in einer Art Trancezustand
zieht Florence durch den Regen weiter. Es ist gerade diese von Malle immer wieder
gezeigte Suche Florence nach ihrem Glück innerhalb der Gleichgültigkeit
der Stadt, die den Eindruck erwecken könnte, nur das Verbrechen könne
dieses Glück garantieren.
Die düstere Sicht auf Schuld und Sühne,
Liebe und Misstrauen in einer Welt, die immer undurchschaubarer wird, in der
Schicksal und Verhängnis eins zu werden scheinen, erhöht in einem
künstlerischen (nicht wirklichen), oft existentialistisch angehauchten
Sinn Tod (auch Mord) und Selbsttötung als Fixpunkte, die zu Freiheit respektive
Glück führen (sollen). Sie impliziert innerhalb der nouvelle vague
aber auch das Scheitern dieses Drangs. Und hier genau liegt die besondere Bedeutung,
die Art und Weise, wie die Regisseure der nouvelle vague das Kino der Zeit veränderten
- nicht nur in Bezug auf die filmischen Mittel (Schnitttechnik, Handkamera u.a.),
sondern auch im Hinblick darauf, dass sie dem klassischen Erzählstil und
der erzählerischen Plausibilität entgegenarbeiteten (z.B. der von
Louis und Veronique geplante Selbstmord sowie dessen Scheitern, weil sie nicht
etwa zu wenig, sondern zu viel Tabletten geschluckt hätten).
Malle kombiniert diese drei Handlungsebenen - Julien
im Fahrstuhl, Florence auf der Suche nach ihm, die Autofahrt Louis und Veroniques
-, die, ohne dass es die Beteiligten wissen, man kann sagen: schicksalhaft miteinander
verwoben sind, derart gekonnt, dass enorme Spannungseffekte auftreten. Das Verhalten
der Beteiligten in einer dieser Handlungsebenen hat umgehend Auswirkungen auf
die anderen Ebenen, was sich besonders in dem Moment zuspitzt, als die Polizei
in das Geschehen eingreift und nach und nach die Verflechtungen aufdeckt.
Wertung: 10 von 10 Punkten.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: follow me now
Fahrstuhl
zum Schafott
(Ascenseur
pour l'échafaud)
Frankreich
1958, 88 Minuten
Regie:
Louis Malle
Drehbuch:
Noël Calef, Louis Malle, Roger Nimier
Musik:
Miles Davis (Trompete), mit Barney Wilen (Tenorsaxophon), Rene Urtreger (Piano),
Pierre Michelot (Kontrabass), Kenny Clarke (Drums)
Kamera:
Henri Decaë
Schnitt:
Léonide Azar
Darsteller:
Jeanne Moreau (Florence Carala), Maurice Ronet (Julien Tavernier), Georges Poujouly
(Louis), Yori Bertin (Veronique), Jean Wall (Simon Carala), Micheline Bona (Genevieve),
Hubert Deschamps (Staatsanwalt), Ivan Petrovich (Horst Becker), Elga Andersen
(Frau Becker), Lino Ventura (Inspektor Cherier)
©
Ulrich Behrens 2005
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