zur
startseite
zum
archiv
Der
Fall Paradin
Hitchcock
selbst hielt Gregory Peck und Louis Jourdan, letztlich auch Alida Valli für
Fehlbesetzungen in dem 1947 gedrehten Film über die Verquickung von Liebe
und Mord. Peck spielt einen noblen englischen Anwalt, doch das Noble liegt dem
Amerikaner überhaupt nicht. Laurence Olivier und Ingrid Bergman wären
wohl Hitchcocks Favoriten für die Hauptrollen im Paradine-Fall gewesen.
Und tatsächlich will sich das Mysteriöse um die Mörderin in diesem
Film nicht richtig entfalten, wenn man es in bezug setzt (und aufgrund der Fallkonstellation
der Geschichte setzen muss) zur Leidenschaft, die Pecks Anwalt Keane für
die des Mordes bezichtigte Frau entwickelt.
Die
Geschichte ist knapp und kurz erzählt: Anthony Keane (Gregory Peck), ein
aus besten Kreisen stammender Londoner Anwalt, Mitglied der Kanzlei von Sir
Simon Flaquer (Charles Coburn), verheiratet mit Gay (Ann Todd), wird beauftragt,
Maddalena Anna Paradine (Alida Valli) zu verteidigen, die ihren wesentlich älteren
blinden Mann ermordet haben soll. Mrs. Paradine, von be(d)rückender Schönheit,
erweist sich als nymphomanisch und durchtrieben. Aber bevor Keane hinter ihr
Geheimnis kommt, verliebt er sich in die Angeklagte, was seine Verteidigung
zunehmend erschwert. Als er entdeckt, dass seine Mandantin ein Verhältnis
mit dem Stallknecht ihres Mannes Andre Latour (Louis Jourdan) hatte, und Keane
Latour zur Rede stellt, kommt es im Prozess zu einem Eklat. Als Keane Latour
in die Ecke treibt und ihn des Mordes beschuldigt, bezichtigt der Maddalena
und nimmt sich selbst das Leben. Keane muss erkennen, dass ihn die Liebe zu
seiner Mandantin nicht nur blind gemacht hat, sondern dass er dadurch einen
Unschuldigen in den Tod getrieben hat ...
Die
Ausgangskonstellation des Falls Paradine allerdings ist etwas verwickelter.
Denn nicht nur Keane treibt sich selbst in eine „blinde Ecke“. Der Richter Thomas
Horfield, wieder einmal grandios gespielt von Charles Laughton, verachtet Keane,
nicht zuletzt, weil er bei dessen Frau Gay nicht landen konnte. Während
eines Empfangs hatte sich Horfield vor den Augen der anwesenden Gäste an
die blonde Schönheit herangemacht – und war abgeblitzt. Horfield hat zudem
– im Gegensatz zu seiner Frau Lady Sophie (Ethel Barrymore) – nicht den Funken
Mitleid mit der später zum Tode verurteilten Mrs. Paradine. Schlechte Ausgangsvoraussetzungen
für eine Verteidigung.
Schlechte
Ausgangsbedingungen hat aber auch der Film selbst. Während Barrymore und
Laughton hervorragende Leistungen zeigen, wirkt Gregory Peck zu offensichtlich
wie ein Amerikaner, der in einen englischen Frack gesteckt wurde. Ann Todd als
seine Frau bleibt blass, wirkt oft kalt. Hitchcock erkannte dies durchaus treffend.
Louis Jourdan strapaziert die Rolle des psychisch angeschlagenen, unglücklich
verliebten Diener seines ermordeten Herrn in allzu theatralischer Tendenz. Alida
Valli als aus armen Verhältnissen stammende Schönheit allerdings empfand
ich nicht als Fehlbesetzung. Eher wurde die Schauspielerin in dieser Rolle unterbeschäftigt.
Sie vermag es durchaus, das Geheimnisvolle dieser zurückhaltenden, mehr
schweigenden, denn redenden Frau auf den Punkt zu bringen. Da jedoch die Leidenschaft
Keanes der Paradine gegenüber mehr äußerlich, an ihrer Schönheit
verhaftet bleibt, als sich auf das Geheimnisvolle wirklich fühlbar zu erstrecken,
bleibt auch dieses Mysteriöse in seiner möglichen Wirkung sozusagen
auf der Hälfte stecken.
Die
Gerichtsszene, die ungefähr die Hälfte des Films einnimmt, ist im
großen und ganzen stimmig inszeniert und entbehrt sicherlich nicht einem
hohen Maß an Tragik und Spannung. Trotzdem spielt Gregory Peck Keane allzu
sehr als einen verliebten Trottel, der der Realität nicht ins Auge schauen
will. Im Vergleich etwa zu Billy Wilders „Zeugin der Anklage“ (1957, mit Marlene
Dietrich, Tyrone Power, Charles Laughton) sieht „The Paradine Case“ eindeutig
schlechter aus.
Wertung:
6 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
(29.06.2003)
Dieser Text ist zuerst erschienen bei Posdole
Der
Fall Paradin
(The
Paradine Case)
USA
1947, 125 Minuten
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
James Bridie, nach dem Roman von Robert Hichens
Musik:
Franz Waxman, Paul Dessau
Director
of Photography: Lee Garmes
Schnitt:
John Faure
Produktionsdesign:
J. McMillan Johnson, Thomas N. Morahan, Emile Kuri, Joseph B. Platt
Darsteller:
Gregory Peck (Anthony Keane), Ann Todd (Gay Keane), Alida Valli (Maddalena Anna
Paradine), Charles Laughton (Lord Thomas Horfield), Charles Coburn (Sir Simon
Flaquer), Ethel Barrymore (Lady Sophie Hordfield), Joan Tetzel (Judy Flaqeur),
Louis Jourdan (Andre Latour), John Golsworthy (Lakin), Leo G. Carroll (Sir Joseph),
Lester Matthews (Inspektor Ambrose)
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/Title?0039694
zur
startseite
zum
archiv