zur
startseite
zum
archiv
The
Fan
Topprofessionell,
dieser Film von Tony Scott („Top Gun“), und ein prächtiger Rahmen für
die perfekten Leistungen von zwei Schauspielern: Idol ist der glamouröse
Baseballstar Wesley Snipes, sein Fan ist der biedere Hieb- und Stichwaffen-Vertreter
Robert De Niro. Der Film nimmt sich Zeit, die beiden Charaktere zu porträtieren
und zu kontrastieren. So viel Liebe zum Detail hat man lange nicht mehr gesehen.
Die Parallelmontagen der ersten zwei Filmdrittel dienen ausschließlich
dazu, die beiden Helden auseinanderzuhalten. Keiner trifft auf den anderen.
Um so mehr obliegt es uns, aus dem exemplarischen Vergleich der beiden Lebensweisen
die gebotenen Schlüsse zu ziehen.
Die
Entscheidung fällt nicht schwer. Geradezu mustergültig ist die moralische
Dramaturgie des Films. Gut ist, wer ein guter Vater ist. Jeder der beiden Protagonisten
hat einen zehnjährigen Sohn. Der Baseballstar beschenkt ihn mit einem niedlichen
kleinen Welpen - das treibt nicht nur dem kleinen Bengel die Tränen in
die Augen. Dem Vertreter fällt seiner Sozialisation entsprechend dagegen
nur Fast-food und Dosengetränk ein. Das ist unbekömmliches Zuwendungssurrogat,
auch hämmert die geschiedene Ehefrau böse an die Tür. Wir sehen
es in immer neuen Variationen: Das eine Kind weint vor Glück, das andere
vor Verzweiflung. Was lang entbehrte epische Breite hätte sein können,
erweist sich denn doch als handwerklich anspruchsvolle Dekorationskunst, hinter
der sich inhaltliche Leere verbirgt. Gut, es ist eine große Szene, in
der Idol und Fan zum erstenmal zusammenkommen. Der Zufall will es, daß
De Niro den Sohn seines Idols aus den brausenden Wellen rettet. Aber er muß,
da in diesem Film die Redundanz der emotionalen wie gestalterischen Absicherung
das Sagen hat, seine Bemühungen mit dem inzwischen ziemlich ausgereiften
Welpen teilen. Auch wird in einer langen Schnittfolge eine Unterwasserkamera
solange unter und über Wasser eingesetzt, bis auch der letzte Zuschauer
den künstlerischen Stellenwert bemerkt.
Vielleicht
mag Regisseur Tony Scott es gespürt haben, daß es eines besonderen
Einsatzes bedurfte, die allzu voraussehbare Linearität, mit der die Charaktere
von Idol und Fan sich entwickeln, optisch zu flankieren. Denn dazu hätte
auch ein Kurzspielfilm gereicht: Der Baseballspieler wählt in einem Moment
der Besinnung den Sohn und läßt den Beruf sausen. Der Fan identifiziert
sich besinnungslos mit dem Idol, trennt sich vom Sohn, greift zur Stichwaffe
und läuft den Weg Richtung Schizophrenie.
Wie
bei jeder Straight-on-Dramaturgie haben es die Schauspieler, die in diesem Film
gewiß ihr bestes geben, schwer, sich gegen die ästhetische Überdeterminierung
zu behaupten. Wenn das Idol die Umkleideräume der Arena der California
Angels im Anaheim-Stadion, Los Angeles, betritt, erfaßt uns der Schauder,
mit dem wir uns in die Tiefe einer Krypta wagen; mystisch gesetztes Licht und
der überirdische Flüsterchor suggerieren ein Weihespiel. Faßt
unser Held jedoch abergläubisch an seinen Fetisch (die Zahl 11 ), werden
wir akustisch mit Voodoo-Tönen versorgt. Tritt er gar auf das Spielfeld,
werden zum Beweis dafür, daß Sport harte Arbeit ist, offenbar sämtliche
Regenmaschinen in Betrieb gesetzt, die in Hollywood verfügbar sind.
Freut
sich De Niro seines Fan-Seins, dröhnt sogleich (wir haben 1986) Mick Jagger
in die Szene, als ob das Schauspiel des Kommentars bedürfte (wer auf die
Rolling Stones steht, quält nicht nur, wie wir deutlich sehen, das eigene
Kind, sondern endet mit Schrecken).
Too
much also, und es ist schade drum. Denn sicher wäre es einen Film wert
gewesen, etwas über Mörder-Fans, die sich an ihren Idolen John Lennon
(warum dann aber Mick Jagger auf der Tonspur?) oder Monica Seles vergingen,
zu erfahren. Ja, das war der Vorsatz des Films. Aber was machen wir nun, aufnahmebereit,
wie wir nach der besagten Flüsterstimmenmusik sind, aus der Reflexion:
„Ja, der Fan ist wie eine Frau. Wenn du oben bist, liebt sie dich, wenn du unten
bist, spuckt sie auf dich"? Oder urteilen wir moralisch korrekt, wenn uns
Ellen Barkin vorgeführt wird, wie sie ein ums andere Mal die Hände
entsetzt vor den Mund schlägt? Reicht es denn nicht, wenn der entartete
Normalbürger De Niro den Baseballspieler Juan Primo (Benicio Del Toro)
ersticht? Muß in dieser Szene ästhetisch so hoch gepowert werden,
daß sie eines unvermittelten Experimentalsolos würdig ist?
Wir
sehen: Wer an Fan-Wahn leidet, haut auch den Nächstbesten tot, und zwar
mit dem Baseballschläger. Und wer infolgedessen blutbespritzt ist, wird
mitten auf dem Spielfeld von einer Hundertschaft Polizei erschossen. Sehr malerisch,
immerhin.
Dietrich
KuhIbrodt
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in: epd film
10/96
THE
FAN
USA
1996. R: Tony Scott. B:
Phoef Sutton (nach dem Roman von Peter Abrahams). P:
Wendy Finerman. K: DariuszlNolski. Sch: Christian Wagner, Claire Simpson. M:
Hans Zimmer. A: Ida Random, Mayne Berke. Ko: Rita Ryack, Daniel Orlandi. Pg:
Tristar Pictures/Mandalay Entertainment. V: Constantin. L: 117 Min. St: 3.10.1996.
D: Robert De Niro (Gil Renard), Wesley Snipes (Bobhy Rayburn), Ellen Barkin
(Jewel Steril), John Leguizamo (Manny), Benicio Del Toro (Juan Primo), Patti
D'Arbanville-Guinn (Ellen Renard), Chris Mulkey (Tim).
zur
startseite
zum
archiv