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Fantastic
Four
Funken
über der Stadt
Ein
Comic-Kraftpaket, bestürzend erwachsen: Endlich kommen die legendären
"Fantastic Four" ins Kino.
Hollywood
ist dankbar. Die amerikanische Filmindustrie erlaubt sich ein paar Momente erleichterter
Sentimentalität. 56 Millionen Dollar hat am vergangenen Wochenende der
Film "Fantastic Four" in den USA eingespielt, und damit kräftig
dazu beigetragen, dass insgesamt etwa zwei Prozent mehr "Einspiel"
zu verzeichnen ist als in der gleichen Woche im Vorjahr. Der Abwärtstrend,
den die Branche seit zwanzig Wochen bejammert, ist gestoppt, man mag sogar auf
eine neue Bewegung aufwärts hoffen. Ja, Hollywood ist dankbar, sagt Paul
Dergarabedian, Chef der Box-Office-Forschungsfirma Exhibitor Relations.
Man
tut sich schwer, diese Momente von Erleichterung und Rührung und Freude
nachzuvollziehen. Das mit der Abwärtsbewegung ist eben eine Frage des Standpunkts,
auch Hollywood folgt da der kapitalistischen Grundkonzeption, dass wirtschaftliche
Gesundheit nur durch unaufhörliches Wachstum garantiert sei, durch regelmäßige
Zuwächse von Jahr zu Jahr. Für diese sollen seit einigen Jahren fast
ausschließlich die Megafilme sorgen - und die sichersten Faktoren in diesem
Spiel sind, neben den Regie-Superstars George Lucas oder Spielberg oder dem
obligatorischen Harry
Potter,
seit einigen Jahren Leinwandversionen der klassischen amerikanischen Comics.
Batman wurde eben reaktiviert in "Batman
Begins",
und ein neuer Superman ist in Produktion, dazu hatte es "Elektra"
mit Jennifer Garner gegeben, "Constantine" mit Keanu Reeves oder "Hellboy"
von Guillermo del Toro.
An
vorderster Front, wenn auch nicht immer so finanziell ertragreich wie erhofft,
finden sich die Glanzstücke aus der Marvel-Produktion, die X-Men und
der Hulk, der
Punisher und
Daredevil, nun
die Fantastic
Four
- fehlt eigentlich nur noch der Silver
Surfer.
Der Comic-Genius Stan Lee ist an jeder Produktion persönlich beteiligt
- und übernimmt gern eine kleine Rolle. Und alle Filme haben starkes Fortsetzungspotential.
Die Erfolgsformel scheint simpel, aber die Ausführung erweist sich dann
doch als ziemlich kompliziert - die kreative Dynamik des Kinos läuft völlig
anders als die des Comics. Kreativität ist direkt messbar im neuen "Fantastic
Four", ab Donnerstag in den Kinos.
Immer
dann wenn nachts auf den Spitzen der Wolkenkratzer von New York merkwürdige
Lichtkaskaden aufzucken, wie ein irres Wetterleuchten, weiß man, die verrückten
Forscher sind wieder an ihrem Werk, versuchen die genetischen Deformationen,
die sie bei einem Ausflug ins All in einer radioaktiven Wolke erlitten, zu erforschen
und wieder rückgängig zu machen: Reed Richards (Ioan Gruffudd) mit
seinen Gummiarmen, seine Kollegin/Geliebte Sue Storm (Jessica Alba) mit ihren
Unsichtbarkeitskraftfeldern, ihr hitziger Bruder Johnny (Chris Evans), der als
Human Torch, als Fackel figuriert, und Reeds Kumpel Ben Grimm (Michael Chiklis),
der zum unförmigen Kraftpaket The Thing wird.
Inzwischen
hat es sich herumgesprochen, dass das Kinoangebot dieses Sommers nicht wirklich
überwältigend ist. Auch die "Fantastic Four" haben nicht
die wahre Blockbuster-Aura. Keine wirkliche Starbesetzung, eine wirre Handlung
mit unentwegtem Hin und Her, in der die Helden vorwiegend mit sich selbst beschäftigt
sind, statt die Welt zu retten, konfuse Action und Effekte. Die Analysten hatten
dem Film nicht besonders viel zugetraut, gerade mal dreißig Millionen.
Die Kritiker haben sich spöttisch und sarkastisch, boshaft und vernichtend
über den Film geäußert.
Die
Kraft, die der Film zeigt, kommt anderswoher, und weil auch unerwartete Eigenbewegungen
Teil der gesamten Entwicklung sind, könnte man den Erfolg durchaus als
Akt einer Solidarität sehen. In ihm wiederholt sich gewissermaßen
der überwältigende Erfolg der Comicserie der "Fantastic Four",
die Stan Lee 1961 schuf - die zur Legende wurde und den Comicmarkt kräftig
neu belebte und Marvel zum Topverlag der Sechziger machte. Auch die Intellektuellen
liebten Lee sofort, Resnais hätte wahnsinnig gern einen Spiderman gemacht
und hat mit Lee Drehbücher geschrieben. Früh hat Bernd Eichinger sich
die Rechte an den Fantastic Four gesichert, aber zwanzig Jahre keine Verfilmung
zustande gebracht. (Um seine Option nicht verfallen zu lassen, hat er angeblich
sogar 1994 bei Roger Corman einen Fantastic-Four-Film in Auftrag gegeben, aber
nur eineinhalb Millionen dafür herausgerückt. Und die Beteiligten,
die sich leidenschaftlich für dieses Projekt engagierten, nicht wissen
lassen, dass der Film nie ernsthaft für eine Auswertung gedacht war.)
Die
Solidarität der Fans hat die Marvel-Helden zum Kult gemacht: die Fantastic
Four
sind family. Auf diese Treue kann auch das Kino zählen - sie mobilisiert
das nötige Publikum fürs entscheidende erste Wochenende. "Ich
schreibe meine Comics für die Zwölfjährigen", hat Lee immer
wieder behauptet - aber seine Bücher zeigten ein ums andere Mal, dass dem
nie so war. Die amerikanischen Comics sind immer bestürzend erwachsen gewesen,
wenn sie der Einsamkeit der Großstadtjugend ein scharfes Profil gaben,
die ja auch den Großteil des Kinopublikums ausmacht. Lees Helden kommen
aus den unteren Klassen, ihnen fehlt jede mythische Aura, und in ihrer physischen
Deformierung findet das Publikum einen Reflex der eigenen sozialen Misere. Auch
Frank Miller, Lees Enkel im Geiste, wird das demnächst vorführen,
mit der Leinwandversion seines "Sin City". In dieser Gemeinschaft
der Ausgestoßenen auf und vor der Leinwand vollzieht sich eine merkwürdige
Massenkommunikation. In ihr könnte das gebeutelte Kino seine Zukunft sehen.
Fritz
Göttler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung
FANTASTIC
FOUR,
USA/D 2005 - Regie: Tim Story. Buch:
Michael France, Mark Frost. Nach den Comics von Jack Kirby, Stan Lee. Kamera:
Oliver Wood. Schnitt:
William Hoy. Musik:
John Ottman. Mit: Ioan Gruffudd, Jessica Alba, Chris Evans, Michael Chiklis,
Julian McMahon, Kerry Washington, Stan Lee. Constantin, 108 Minuten.
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