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Die
Farbe der Lüge
MacGuffin à
la française
Ein Mord in der Provinz fällt mehr auf, aber
Neurosen und Perversionen pflegen überall zu gedeihen. Außerdem muss
sich die Provinz in gar nichts rechtfertigen, denn sie ist ein Genre und damit
etabliert. Die Verteilungen sind anders, es gibt die ganze Sozialpalette, aber
die Anerkennungen sind verschieden von denen der Stadt. Der Künstler ist
nicht der Star, sondern eher das verletzliche Wesen, das es in der Stadt nicht
geschafft hat oder mit sonstigen Blessuren behaftet ist. Die Provinz ist aber
nicht nur ein permanenter Rückzugsraum gescheiterter oder fragiler Existenzen,
sondern auch Ort der Erholung oder der intensiven, ungestörten Arbeit derjenigen,
die die Stadt zur Stadt machen.
Zum Beispiel der Journalist Desmot, der nebenbei
auch noch Romane schreibt. Er hat Kolumnen in politisch äußerst entgegengesetzten
Blättern, empfängt bekannte Kulturträger in einer Fernsehshow
(wen haben Sie demnächst als Gast? Oh, es kommen Sollers und
und
), zitiert gerne zynische Weisheiten von Drieu la Rochelle, die er gerne als
eigene Aphorismen ausgibt und spielt überhaupt gerne mit Menschen. Das
lässt sich natürlich auf dem Bildschirm immer schön zeigen, und
deshalb bleibt der dumpfe perverse Triebtäter, über den es eben nicht
viel zu sagen gäbe, konsequent im Hintergrund. Wer auf kleine Mädchen
steht und schließlich eins umbringt, muss nicht unbedingt mit einer Sozialbiografie
versehen werden, denn daraus lässt sich bekanntlich nichts lernen, wenn
es überhaupt noch betroffen macht. Der Tod des kleinen Mädchens ist
also der Anlass, der sich Türen der Provinzhäuser etwas weiter öffnen
lässt, und sei es, weil eine Kommissarin den Fuß in die Tür
stellt.
Diese Welt ist klein, Bezichtigungen machen die Runde,
Selbstbezichtigungen werden diskret weitergegeben. Irgendwann hat die Kommissarin
so viel Material gesammelt, dass sie sagen kann, dass sie nicht weiterkommt.
Der Vergewaltiger hat keine Spuren hinterlassen weil er zu klug war, oder
weil er nicht konnte? Auf dieser Folie hat dann ein zweites Drama angefangen,
mit mehr Text, mehr Emotion, mehr klassischer amouröser Konstellation,
und diese Beziehung zwischen dem Journalisten, dem Künstler, der sich nicht
traut oder gerade wieder anfängt, auf bewährte Muster und verkäufliche
Kanevas zurückzugreifen, und seiner Frau, einer Ärztin, dreht sich
ganz aus den Anfangsverdächtigungen heraus und stellt mit den zu erwartenden
Irritationen, Verdächtigungen, Eifersüchteleien ihr eigenes Maß
an kriminalistischer Würde her.
Der Höhepunkt dieser Triangulation, bei der
es keiner der Beteiligten geschafft hat, den Strick bis zum gewünschten
Anschlag zuzuziehen, ist ein Abendessen bei dem Ehepaar, bei dem die verhinderten
und vereitelten Aktionen verbal übersetzt und damit verzerrt werden, was
nichts anderes heißt, dass die körperlich-seelischen Eroberungen,
die nicht stattgefunden haben, als Invektiven inszeniert werden, wobei der eine,
der Künstler, hilft, die Schranken der Höflichkeit durch exzessive
Alkoholabfuhr schneller zu überwinden, und der andere, der Journalist,
diese Stütze gerne aufnimmt, um seine Recherche in Sachen Roman mit einer
Begleichung von Rechnungen und einer finalen Positionierung von Stadt und Land
zu verbinden.
Die Frau ist, wie immer bei Chabrol, das Objekt.
Am Ende steht ein Plan, dessen Ausführung aber vermutlich genauso kontingent
ist wie die Vergewaltigung und Ermordung des Mädchens. Und der Entzug des
Mädchens steht auf einer Stufe mit einem Zuviel an Text, der, weil er eine
unerträgliche Waffe ist, nur mit einer anderen Waffe zum Schweigen gebracht
werden kann. Zwei Ausnahmesituationen, die beide nicht gezeigt wurden, weil
sie sich nicht darstellen lassen. Die eine auch aus Dezenz, die andere, um Spannung
beizubehalten. Aber beide Situationen sind solche, die plötzlich nicht
mehr abgebrochen werden können, und es wäre müßig, den
point of no return finden zu wollen. Chabrol ist ein Regisseur, der den Ausbruch
sucht, den faszinierenden Eklat, der überall einen Dauerschlummer schläft
und mit relativ einfachen, aber immer wieder spektakulären Mitteln zum
Ausbruch gebracht werden kann. Und das Genre will es, dass diese Nähe zwischen
Schein und Sein, zwischen Bedächtigkeit und Gefährlichkeit nirgends
irritierender verknüpft ist als auf dem Lande, das in Sachen unterschwelliger
Brutalität immer noch unüberbietbar ist.
Dieter Wenk
(07.03)
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Die
Farbe der Lüge
AU
COEUR DU MENSONGE
Frankreich
- 1998 - 112 min. - FSK: ab 12; feiertagsfrei - Verleih: Prokino, Highlight
(PHE) (Video) - Erstaufführung: 12.8.1999 / 13.4.2000 Video - Fd-Nummer:
33783 - Produktionsfirma: MK2/France 3 Cinema
Produktion:
Marin Karmitz
Regie:
Claude Chabrol
Buch:
Odile Barski, Claude Chabrol
Kamera:
Eduardo Serra
Musik:
Matthieu Chabrol
Schnitt:
Monique Fardoulis
Darsteller:
Sandrine
Bonnaire (Viviane)
Jacques
Gamblin (René)
Valéria
Bruni-Tedeschi (Frédérique Lesage)
Antoine
De Caunes (Germain-Roland Desmot)
Bernard
Verley (Inspektor Loudun)
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