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Die Farbe des Granatapfels
Es ist gar nicht so einfach, auf
einen Film zu stoßen, der so fremdartig, sonderbar und eigentümlich
ist wie dieses Werk aus Armenien von Sergej Paradschanow.
Inhalt
So etwas wie Story, Dialoge oder
Charakterzeichnung darf man natürlich nicht erwarten. Vielmehr gibt es
eine ca. 70-80minütige Folge von surrealen Tableaus, die angereichert sind
mit den Utensilien eines fiebertraumartigen armenischen Paralleluniversums und
nur vage assoziativ zusammenhängen. Die Bilder sind sorgsam und streng
komponiert und ihr Inhalt erstrahlt in den Farben von Blut, vom Pergament alter
Buchseiten und von wogenden Wandteppichen. Dazwischen starren müde, hypnotisierte
Gesichter von der Leinwand herunter; die Körper der Schauspieler dehnen
und zerren sich in rätselhaften Posen; und es erklingen Klagegesänge
und karge Geräusche aus Handwerk und Natur.
Gesprochen wird kaum, und wenn,
dann meist in kryptischen voice overs. Das Meiste an Worten findet sich in den Zwischentiteln, die
(wenn man nicht das Pech hat, mit der gleich noch zu erwähnenden russischen
Fassung konfrontiert zu sein) in ihrer lyrischen Unklarheit kaum einen inhaltlichen
Sinnzusammenhang hervorbringen. Dafür gibt es allerlei stets wiederkehrende
Elemente: verfallene Klosterruinen; zerfledderte alte Bücher; Waschungen,
Schlachtungen, Nahrungsaufnahme; alte christliche Bräuche; Schmerz und
Tod; Sinnlichkeit sowohl in der Kunst als auch in der Brutalität des elenden
Lebens; Heiligenbilder; etc.
Tatsächlich kann man sehr
wohl eine gewisse Linie erkennen: Grundlage des Dargestellten soll Leben und
Werk des armenischen Troubadours Sajat Nova sein. Doch diese biographische Linie
lässt sich nur sehr undeutlich erschließen. Zwar verfolgt man offensichtlich
eine Hauptfigur, die am Anfang Kind und am Ende Greis ist; und die Texttafeln
scheinen autobiographische Andeutungen zu geben; doch selbst in jener russischen
Schnittfassung, in der sowjetische Zensoren sich um klar biographische Kapitelüberschriften
bemühten, lassen sich die Bilder durch die gezeigten Hinweise nur sehr
vage interpretieren.
Wirkung
Es scheint, als hätte ein
Sammler eine untergehende Kultur besucht und einen multimedialen Katalog an
Farben, Formen, Bildern, Klängen und Bewegungen zusammengestellt, die er
vorm Vergessen bewahren wollte. Dann wirbelte er sie durcheinander und montierte
sie so neu zusammen, dass sie der katalogischen Ordnungsstruktur entbehrten.
Und das ist durchaus reizvoll.
Denn ansonsten werden (oft genug auch im Kunstkino, durch eine allzu aufdringliche
Aufladung mit spezifischer “Bedeutung”) die einzelnen Sinneseindrücke stets
unter eindeutige (meist psychologisch-dramaturgische) Zusammenhänge geordnet
– und so entwertet. Ihrer eigenen Schönheit, Assoziationen usw. beraubt.
In “ Die Farbe des Granatapfels ”
nun werden all diese Sinnzusammenhänge – auch die der Zeit, der Logik,
der Sprache, der Bewegung – einfach ignoriert. Das, was man sieht und hört,
wird von dem, was normalerweise sein rationaler Hintergrund und Kontext ist,
entfremdet, abgeschnitten – und steht nun für sich allein mit seinem Inneren
und Eigenen, seinem Irrationalen, seinen unbewussten Assoziationen, untereinander
nur verbunden über geheimnisvolle Netze, die keine säkularisierende
Analyse umfassend aufdecken könnte.
So erscheint alles im Film einerseits
fremdartig, andererseits aber auch auf eine Weise altbekannt, die nicht so recht
benannt werden kann, weil sie nämlich das an den Dingen hervortreten lässt,
was normalerweise über den “Sinn” und die “Logik” verdeckt wird. Dieses
Gefühl anderer Wirklichkeit, die im Kino sonst nur angedeutet wird, ist
hier derart durchgängig gegeben, dass “ Die Farbe des Granatapfels ”
als eigenständige Wahrnehmungsform geradezu süchtig machen kann.
Christian Heller
Dieser Text
ist zuerst erschienen in:
Zu diesem Film gibt es im archiv
der filmzentrale mehrere Texte
Die Farbe des Granatapfels
NRAN GOUYNE
SAJAT NOVA
ZWET GRANATY
UdSSR - 1969 - 73 min. Erstaufführung: Herbst 1984/29.6.1988
BR
Regie: Sergej Paradschanow
Buch: Sergej Paradschanow
Kamera: Suren Schachbasjan
Musik: Tigram Mansurjan
Schnitt: Sergej Paradschanow
Darsteller:
Sofiko Tschiaureli (Der Poet)
M. Aleksanian (Der Poet als Kind)
V. Galstian (Der Poet als Mönch)
Georgi Gegetschkori (Der Poet als Alter)
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