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Sajat
Nova -
Die Farbe des Granatapfels
Der Film von Sergej Paradshanow ist ein Film der
Superlative. 1969 in Armenien gedreht, ist er einer der schönsten und künstlerisch
entschiedensten Filme, die in der Sowjetunion entstanden sind. Und er ist, fünfzehn
Jahre später, für unsere westliche Postmoderne ein einsames und nicht
annähernd erreichtes Beispiel dafür, wie man mit Bildern und Geräuschen
etwas zeigen kann, ohne dem Zwang der fortlaufenden Erzählung zu verfallen.
Ernsthaft und spielerisch zugleich - das heißt lustvoll und mit subtilem
Vergnügen - läßt Paradshanow die Welt des armenischen Dichters
Aruthin Sayadin entstehen: ein gegenwärtiges 18. Jahrhundert, in rätselhaften,
poetischen, modern-surrealistischen, liebevoll-ironischen Bildern: Ikone, freundschaftlich
belebt von einem Zeitgenossen der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Das Sprachengewirr (türkisch, altarmenisch,
aber niemals russisch) verwebt sich zu einem prächtigen Klangteppich. Die
Dialoge - Monologe meist, Zitate aus Sajat Novas Gedichten, Metaphern und atmosphärische
Bezüge - bleiben auch in der neuen Verleihfassung der Freunde der Deutschen
Kinemathek unübersetzt. Untertitelt sind lediglich die Inserts, nämlich
die acht Kapitel, die über die Lebensstationen des Dichters und die dazugehörende
poetische Metapher Auskunft geben. (Bisher waren sie, zum Beispiel in den Aufführungen
des Hamburger Metropolis-Kinos, mehr oder weniger adäquat deutsch eingesprochen
worden.) Die musikalischen Strukturen der Sprache sind nicht gestört; das
Verständnis des Wort-Sinns bleibt jedoch ausgeschlossen. Die Kapitel-Inserts
geben jetzt immerhin die poetische Richtung an: „3. Kapitel.
Der Dichter am Hofe des Fürsten.
'Worte sind hilflos vor dir!
Wie ist dein rosiges Antlitz zu beschreiben?' "
Oder: „8. Kapitel.
Der Dichter stirbt, doch seine Muse ist unsterblich.
'Ob ich lebe oder nicht mehr bin,
Die Menge wird mein Lied doch erwecken!
Ich gehe, doch von dem Tage an
Wird kein Haar weniger in der Welt!'
Sajat-Nova".
Die Dinge sprechen ihre eigene Sprache: Auf dem Dach
des Klosters Haghbat liegen aufgeschlagen die dicken Folianten des Etchmiadzin:
der Wind blättert in den Seiten, und das Geräusch macht die Musik
(Paradshanow hat Gesang studiert, bevor er zum Moskauer Filminstitut kam). Die
Kirche füllt sich mit Hunderten von Schafen: gottergeben lassen sie sich
Stufen und Treppen hoch pressen. Marktweiber preisen Schlachtfleisch an: in
einer geläufigen, aber wohl nur noch musikalisch faßbaren Sprache
(dem Armenischen des 18. Jahrhunderts). Und im durchbrochenen Spitzenornat posiert
eine Schar schöner Knaben, deren Gliedmaßen vorteilhaft zur Geltung
kommen. Der sozialistische Realismus, freilich, scheint nirgendwo vor.
1969 lief der Film (Titel: »Sajat Nova«)
nur kurze Zeit in sowjetischen Kinos. Er wurde zurückgezogen und zwei Jahre
später von Jutkewitsch bearbeitet und um zwanzig Minuten gekürzt.
Unter dem Titel »Die Farbe des Granatapfels« war der Film dann wieder
zu sehen, wiederum nur kurz. Dann wurde er endgültig verboten. Doch Paradshanows
Ruhm verbreitete sich unterderhand. 1977 kam die Jutkewitsch-Fassung nach Frankreich.
Man vermißte erotische Szenen, Schlachtriten und, wie Gertrud Koch berichtet
hat, eine Einstellung, in der der Saft der Granatäpfel, blutrot auf ein
weißes Tuch fließend, die Gestalt des alten armenischen Reiches
annimmt. - Vom Ausland aus erhob sich damals eine Sympathiewelle für den
Regisseur, der zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre lang in einem sowjetischen
Gefängnis saß. Er war wegen Homosexualität und Devisenvergehens
zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Paradshanow saß fünf
Jahre lang in Strafhaft.
Mit seinem Film »Schatten vergessener Ahnen«
(Filmverleihtitel auch »Feuerpferde«) war er 1965 noch Liebkind
der sowjetischen Filmkritik gewesen. Gregor zitiert: „Der Reichtum der optischen
und akustischen Partitur; die symbolischen Gestalten, die durch den ganzen Film
gehen, die Montageübergänge, die der assoziativen Bewegung des dichterischen
Gedankens dienen, erschließen neue Möglichkeiten poetischer filmischer
Ausdruckskraft." Heute will es scheinen, daß - zwanzig Jahre später
- seine Arbeit, das kollektive armenische Gedächtnis intakt zu halten,
zumindest in Georgien/Armenien nach wie vor geschätzt wird. Auch von der
Filmbürokratie. Paradshanow, 60 Jahre alt, gebürtiger Georgier armenischer
Abstammung, hat im Januar 1984 einen neuen Film fertiggestellt: „Die Festung
von Surami“, eine armenische Historie, die von denen, die den Film in mehreren
internen Aufführungen in Georgien gesehen haben, als „neues Paradshanow-Wunder“
bezeichnet wird; sein neuer Film sei „besser noch als die vorigen". - Damit
werden die Superlative des „Granatapfel“-Films noch übertroffen. „epd-Film"
Nr. 7 [1984, die fz-Redaktion] brachte die AFP-Meldung, daß „Die Festung
von Surami“ jetzt in Moskau „ohne Schwierigkeiten mit den Behörden"
uraufgeführt worden ist. Ein Grund mehr, sich mit der Besichtigung von
»Sajat Nova - Die Farbe des Granatapfels« auf die Zukunft der Filmpoesie
einzustimmen.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 11/84
Zu diesem Film gibt es im archiv
der filmzentrale mehrere Texte
Sajat
Nova - Die Farbe des Granatapfels
CVET
GRANATA / SAJAT NOVA
UdSSR
1969. Regie, Buch,
Schnitt: Sergo Paradžanov. Kamera: S. Shachbazian. Musik: T. Mansurian. Produktion:
Armenfilm. Länge: 73 Min., OmU. Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek.
Kinostart: Herbst 84. Darst.: Sofiko Ciaureli, M. Aleksanian, V. Galstian, G.
Gegechkori.
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