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Fateless
– Roman eines Schicksallosen
(eine
Berlinale 2005-Kritik)
Bisher
war der Wettbewerb, so weit ich ihn mitbekommen habe, mit ganz wenigen Ausnahmen
eine Tortur für die Geschmacksnerven. Auf einen Film wie "Fateless"
konnte man dennoch nicht recht gefasst sein. Es fing schon damit an, dass erst
"Heights" aus dem Wettbewerb (genauer gesagt aus der ohnehin widersinnigen
Rubrik "Wettbewerb außer Konkurrenz") gekegelt wurde, weil Glenn
Close ihren Besuch absagte. Aha, durfte man denken, so ist das also: Filme werden
hier eingeladen nicht etwa, weil sie interessant sind oder gut, sondern weil
man den Star haben will. Sagt der ab, wird auch der Film verabschiedet. Würdelose
Veranstaltung, aber wundern kann es keinen, der den Wettbewerb kennt.
Was
man tat: Man lud als Ersatz einen Film ein, den man bereits abgelehnt hatte.
Willkommen auf dem Basar, der Berlinale heißt. Kein geringerer als Imre
Kertész, Literaturnobelpreisträger, hatte sich beschwert, dass man
die Verfilmung seines "Roman eines Schicksallosen" nicht wollte. Immerhin
hat er das Drehbuch dazu geschrieben. Auf der Pressekonferenz, auf der er anwesend
war, erfuhr man auch warum: Ein bereits existierendes Drehbuch steuerte mit
viel Brimborium und Effekthascherei zielsicher in Richtung Boulevard. Kertész
wollte nicht mehr und nicht weniger, als das Schlimmste verhindern. Es ist ihm
nicht gelungen – wenngleich sein Drehbuch tatsächlich kaum die Schuld trifft.
Man
sollte vielleicht wissen, dass Kertész Romanvorlage die Geschichte eines
Jungen erzählt, der ins Konzentrationslager von Buchenwald deportiert wird.
Er überlebt. Was die Erzählung von seiner Deportation, von seinem
Leben im Lager, von seinem Überleben gelingen lässt, ist die Ich-Erzählperspektive.
Der Blick bleibt ganz und gar auf den des naiven Jungen eingeengt, der in keinem
Augenblick begreift, was ihm wirklich widerfährt. Das Unfassbare wird von
einem beschrieben, der es nicht fassen kann und durch seine Ahnungslosigkeit
geschützt bleibt. Von einem, der davon sprechen kann, dass es im Konzentrationslager
auch Momente des Glücks gegeben hat. Keinem als einem, der es erlebt hat,
steht ein solcher Satz zu.
Diese
Beschränkung auf ein Ich, das erzählt, und in seinem Erzählen
die Welt rein subjektiv schildert, ist in der Literatur möglich, im Film
ist sie es nicht, schon gar nicht einfach so. Der Zug des Bildes ins Objektive
zerstört die Grundvoraussetzung des Gelingens von Kertész' Roman.
Nur unter größten Anstrengungen, nur mit dem subtilsten Feingefühl
wäre eine ähnliche Beschränkung, eine der Sprache der Vorlage
ähnliche Einfachheit auch, vielleicht zu erzeugen. Ein gelegentliches Ich
als Stimme aus dem Off, der fortwährende Blick ins Gesicht der Figur, die
als objektives Bild an die Stelle des bloßen Ich der Sprache tritt, ist
nicht im mindesten ein Äquivalent dafür. Auch einem kompetenten, klugen
Regisseur hätte die Umsetzung schwerlich gelingen können.
Lajos
Koltai freilich ist alles andere als ein kluger Regisseur. Vielmehr gehört
er für das, was er mit "Fateless" angerichtet hat, verprügelt.
Bisher hat Koltai nur als Kameramann gearbeitet, immer wieder für Istvan
Szabo. Sein Film ist tatsächlich der Film eines Kameramannes. Er hat die
Kamera seinem jungen Kollegen Gyula Pados ("Kontroll")
überlassen, ihn aber dazu gedrängt, möglichst schöne Bilder
zu filmen. "Fateless" ist ein Holocaust-Film der schönen, und
zwar kitschig schönen Bilder. In Grau und Sepia, aber das gibt dem Ganzen
erst recht etwas Altmeisterliches. Untermalt werden die Tableaus aus Buchenwald
mit der schwelgerisch elegischen Musik von Ennio Morricone, der immer schon
alles vertont hat, was ihm vor die Feder kam, vom Softporno zum Holocaust. Klingt
alles ähnlich. Dank Lajos Koltai sieht es jetzt auch ähnlich aus.
Die
vom Regisseur auf der Pressekonferenz gewählte Ausflucht, es handle sich
bei dem, was man sieht, eben um den Blick des Jungen, ist hanebüchen. Die
Bilder, die man zu sehen bekommt, sind als schwelgerische, von elegischer Musik
unterlegte Bilder objektive Bilder. Man muss kein Medienwissenschaftler sein,
um das nicht nur zu sehen, sondern auch sehr unmittelbar zu spüren. In
einer der sadistischen Quälereien im Lager müssen die Gefangenen in
Wind und Regen auf dem Hof stehen, bis sie umfallen. Wer umfällt, stirbt.
Wie hübsch das anzusehen ist in "Fateless". Und wie pittoresk
der Schnee flockt, wie eindrucksvoll die nackten Leichen ins Bild gesetzt sind.
Wie heimelig es im Lager zugeht. Noch die Maden im Knie des Helden sind ästhetisch
ansprechend fotografiert. Das durchgehende Stilmittel der sanften Schwarzblende,
das die schönen Bilder des Grauens zäsuriert, ist von einer Eleganz,
die einem kalte Schauer über den Rücken jagt.
Zynismus
ist nicht angebracht. "Fateless" ist ein Desaster, das man im besten
Fall durch Dummheit entschuldigen kann. Imre Kertész, der den Film verteidigt,
ist der Vorwurf zu machen, dass er von der Ästhetik des Kinos nichts versteht.
Nun gut, er ist Literat und hat vom Film wohl ohnehin keine hohe Meinung. Auch
er hat leider das Schlimmste nicht verhindert. Lajos Koltai gehört das
Handwerk gelegt. Ein Festivalleiter aber, der einen solchen, den Holocaust aufs
unwürdigste verharmlosenden Film in seinen Wettbewerb einlädt, ist
durch nichts zu entschuldigen. Der Regisseur Christian Petzold hat in einem
gestern erschienenen Interview an Dieter Kosslick dessen umfassende Gleich-Gültigkeit
gerühmt. Es gibt aber Fälle, in denen interesseloses Geltenlassen
in Verachtung für die Mindest-Maßstäbe der Kunst wie der Moral
umschlägt. "Fateless" ist ein solcher Fall.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Fateless
- Roman eines Schicksallosen
Ungarn
/ Deutschland / Großbritannien 2004 - Originaltitel: Sorstalanság
- Regie: Lajos Koltai - Darsteller: Marcell Nagy, János Bán, György
Gaszó, Judit Schell, Áron Dimény, Daniel Craig - Prädikat:
besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 134 min. - Start: 2.6.2005
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