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Faust
– Eine deutsche Volkssage
Nach seinen Meisterwerken
„Nosferatu“ und „Der letzte Mann“ wendete F. W. Murnau sich dem Faust-Stoff zu und schuf einen der
aufwändigsten und technisch innovativsten Filme des deutschen Expressionismus.
Szenen wie Fausts Teufelsbeschwörung, die Verwandlung des alten Faust in
einen Jüngling, die apokalyptischen Reiter oder die Reise auf dem fliegenden
Mantel bedeuten für die damalige Zeit nie gesehene tricktechnische Innovationen.
Murnau leistet auf diesem Gebiet Pionierarbeit.
Die optische Umsetzung
des Stoffes ist brillant, das Spiel mit Licht und Schatten beherrscht Murnau
wie kein anderer. Vor allem in den Anfangs- und Schlussbildern des Films, in
jenen Szenen, wo die Atmosphäre der mittelalterlichen Stadt heraufbeschworen
wird, gelingen Murnau Bilder, die sich einprägen. Die Angst der Menschen,
das Treiben der Pestärzte und fanatischer Bußprediger wird auf faszinierende
Weise lebendig.
Auf der inhaltlichen
Ebene bleibt der Film jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Murnau
greift in Ansätzen auf die historische Faustsage des Volksbuches zurück,
folgt aber in den Hauptteilen seines Films der Ausgestaltung Goethes. Den Rahmen
bildet die Wette des Teufels mit Gott: Wenn es dem Teufel gelingt, das Göttliche
in Faust zu zerstören, dann soll die Erde ihm gehören. Hier wäre
weniger mehr gewesen. Denn indem Murnau dem gehörnten Teufel einen Engel
mit Schwert, ganz im Stil traditioneller Heiligenbilder gegenüberstellt,
bringt er einen zu märchenhaften und frommen Ton in sein Werk ein.
In einem entscheidenden
Punkt weicht Murnau von seinen Vorlagen ab. Im Film schließt Faust (Gösta
Ekman) seinen Pakt mit Mephisto (Emil Jannings) deshalb, weil er im Kampf
gegen die Pest verzweifelt. Seine Hilflosigkeit am Bett einer Sterbenden gibt
den Ausschlag. Nur einen Tag möchte er aus dieser Ohnmacht heraus. Fausts
Teufelspakt wird damit altruistisch motiviert. Er wird zu einem irregeleiteten
Gottsucher. Das Symbol Fausts als Inkarnation neuzeitlicher Hybris wird damit
verschenkt und die eigentliche Bedeutung der Faust-Figur wird nicht ausgeschöpft.
Faust will Wissen um jeden Preis, er will gestalten, die Natur beherrschen,
er erkennt keinen Gott an und lässt sich keine Grenze setzen. Darum geht
es auch in Goethes Faust. Aus seiner Hybris heraus wird Faust schuldig. Indem
Murnau diese Dimension ausblendet, wird die Figur Fausts bei aller Tragik, die
der Film enthält, doch verkürzt.
Mephisto, den Emil
Jannings in selbstzufriedener Boshaftigkeit verkörpert, lockt Faust mit
dem Versprechen der Jugend. Den verjüngten Faust bringt er an den Hof der
Herzogin von Parma. Er entführt die Herzogin ihrem Bräutigam, um sie
Faust zu geben und als dieser sie gerade umarmen will, ist der vereinbarte Probetag
vorbei. Der lustentflammte Faust willigt sofort ein, den Pakt auf ewig zu verlängern.
Murnau muss auf eine solch dünne Motivation ausweichen, da er auf das ursprüngliche
Motiv für den Pakt verzichtete.
Der weitere Verlauf
des Films folgt weitgehend der Fassung Goethes. Faust, der das Leben durchgekostet
hat, möchte zurück in seine Heimat. Er sieht Gretchen (Camilla
Horn) in der Ostermesse und will nur noch sie.
Faust wirbt um Gretchen wie ein verliebter Knabe und Mephisto bemüht sich
derweilen in burlesker Parallelhandlung um Marthe Schwerdtlein (Yvette
Guilbert). Diese ganze Szenenfolge ist eine Illustration
der entsprechenden Passagen aus Goethes „Faust“. Doch im Drama findet die Entwicklung
durch den Dialog statt, was ein Stummfilm naturgemäß niemals einholen
kann. In seinen besten Werken, v. a. im „Letzten Mann“ und in „Sunrise“ gelingt es Murnau mit den Mitteln
des Stummfilms Lebenstragik und die innersten Empfindungen seiner Personen auszudrücken,
wie es kein anderes Medium und kein Dialog in gleicher Weise könnten. Hier
im Faustfilm haben wir den umgekehrten Fall: Die Mittel des Stummfilms können
den intendierten Inhalt nicht vermitteln. Die Beziehung zu Gretchen wirkt dadurch
flach. Das eigentliche Motiv bei Goethe: ein lebenssatter Intellektueller, der
von Zweifeln an Gott und der Welt zerfressen ist, und der Ablenkung bei einem
unschuldigen, naiven Mädchen sucht, geht verloren. Es bleiben etwas harmlose
Bilder vom Fangen-Spielen und Ringel-Reihen.
Die Tragödie
erreicht jetzt rasch ihren Höhepunkt. Faust besucht Gretchen nachts, während
Mephisto ihren Bruder Valentin (Wilhelm Dieterle)
provoziert.
Beim Kampf vor Gretchens Haus wird Valentin getötet und ihre Mutter (Frida
Richard) stirbt, als sie Gretchens vermeintliche
Schande erblickt. Gretchen endet, von allen verachtet, am Pranger.
Der Schluss ist der
Höhepunkt des Films. Hier erzählt Murnau rein filmisch und hier sehen
wir ihn auf der ganzen Höhe seines Könnens. Die zuletzt gezeigten
Ereignisse liegen Monate zurück und wir sehen das völlig verarmte
Gretchen, das an Weihnachten mit seinem Baby durch den Schnee irrt und vergeblich
um Unterschlupf bittet. Die Bilder sind an die biblische Weihnachtsgeschichte
angelehnt und beziehen von daher zusätzliche Resonanz. Der Film vermittelt
hier meisterhaft die Tragik der unschuldig Verstoßenen, die nur noch verzweifelte
Mutter ist. Sie bricht im Schnee zusammen und sieht im Fieberwahn eine Wiege
vor sich, in die sie ihr Kind legt. Die vermeintliche Wiege entpuppt sich als
Schneewehe. Gretchen hat ihr Kind getötet.
Faust, der jetzt bereut,
findet Gretchen auf dem Scheiterhaufen, wo sie von Schaulustigen verhöhnt
wird. Er sagt sich von Mephisto los und drängt sich durch die Menge nach
vorne. Da Mephisto den Zauber aufhebt, verwandelt Faust sich in einen Greis
zurück. In dieser Gestalt bittet er Gretchen um Vergebung und stürzt
sich zu ihr in die Flammen. Mephisto der zu triumphieren glaubt, wird vom Engel
zurück gewiesen, denn ein Wort macht seinen Pakt zu Nichte. Es ist das
Wort „Liebe“, das funkelnd die Leinwand erfüllt.
Murnau hat mit seinem
Faust einen beeindruckenden Film hinterlassen, der mit seinem unentschiedenen
Schwanken zwischen religiöser Erbauung und Goethe-Verfilmung etwas hinter
seinen Möglichkeiten zurückbleibt.
Siegfried König
Faust
– Eine deutsche Volkssage
Deutschland
1926, Regie: F.W. Murnau, Buch: Hans Kyfer nach J.W. Goethe und C. Marlowe,
Kamera: Carl Hofmann. Mit: Gösta Ekman, Emil Jannings, Camilla Horn, Yvette Guilbert, Frida Richard, Wilhelm Dieterle.
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