FEMALE
PERVERSIONS
Zu
den obsessiven Sexualpraktiken gehört der Einsatz einer Rasierklinge in
aufregender Nähe zu besonders delikaten Körperteilen. Aber wer sich
vom Filmtitel verleiten läßt, genau dies im Kino zu erwarten, ist
genasführt. Denn pervers ist das Klischee von der Normalität des Weiblichen,
so jedenfalls die These des Buches "Female Perversions: The Temptations
of Emma Bovary" von Louise Kaplan. Ein literarischer Blick auf Flauberts
berühmteste Heldin. Eine Literaturverfilmung und gleichzeitig ein eigenes,
filmisches, psychoanalytisches Experiment. Susan Streitfeld nutzt in ihrem feministischen
Debütfilm die vorgegebenen Distanzen (Flaubert, Kaplan), um mit dem gebotenen
therapeutischen Abstand einen exemplarischen Fall vorzustellen.
Die
schöne Karrierefrau Eve (hervorragend gespielt von der Jarman-Heroine Tilda
Swinton in ihrem ersten amerikanischen Film) kontrolliert in der kalten blaugrünen
Farbenpracht ihres Top-Appartements den Sitz des durchsichtigen Body-Dessous.
Der Gouverneur will sie zur Richterin ernennen, und sie will, daß in diesem
Beförderungsspiel die Details stimmen. Wir studieren auf diesem vorsätzlich
sterilen Versuchsfeld, wie gekonnt, wie perfekt oder wie verfehlt weibliche
Macht eingesetzt wird. Die Swinton führt sich selbst als Fassade vor. Rigoros
eingeübt ist jeder Blick, jeder Gang, jede Geste. Der rosafarbene Rock,
die grünen Pumps, die blaue kurzärmelige Bluse - sie signalisieren
die Perfektion einer vorbildlichen Schaufensterpuppe. Ihren akademisch standesgemäßen
Sexualpartnern ist der demonstrative Einsatz von Requisiten und Accessoires
verdächtig. Weder John, der Erdbebenforscher, noch Renee, die Psychiaterin,
sind zu weiteren Liebesspielen bereit. Eve verliert sich in obsessive Alp- und
Tagträume: hastig vergräbt sie ein Baby, "die monatliche Menstruation",
wie der Dialog nachhilft.
Das
Hinabtauchen in tiefere Bewußtseinsschichten - das ist die Stunde des
Films. Und er nutzt sie. Es mag sein, daß in den aufbrechenden Bilderfluten
die Grenze zwischen Kunst und Kitsch nicht immer respektiert ist. Das Ziel,
Eves bedrohlich eskalierenden neurotisch-hysterischen Zustand zu analysieren,
wird von den häufig geradezu avantgardistisch anmutenden Bild-Sequenzen
jedenfalls erreicht. Freilich war hierfür das Studium der Dissertation
nötig, an der ihre freie, souveräne, aber kleptomanische Schwester
Madelyn (Amy Madigan) schreibt: über die machofreien, unabhängigen,
starken mexikanischen Frauen.
Eve,
so das therapeutische Ergebnis, hatte verzweifelt versucht, frühkindliche
Schuld abzubauen. Wir sehen mit der Schwester zusammen einen alten Familien-Super-8-Film:
Die kleine Eve hatte damals der vom Vater gedemütigten Mutter die geschuldete
Frauensolidarität verweigert. Gelebt hatte sie aber bis in die Richterkarriere
hinein mit dem (falschen) Bild einer intakten glücklichen Familie. Jetzt
aber wird es anders. Sie zieht einen schwarzen kurzärmeligen Rollkragenpulli
an. Haus und Landschaft füllen sich mit satten Erdfarben, hinter den Felsen
geht die Sonne auf, und Eve ist zum erstenmal in ihren Leben zu einer spontanen
und dazu richtigen Handlung fähig.
Man
wird einwenden können, daß der kathartische Prozeß ein wenig
zu durchsichtig angelegt ist, auch daß es dem Film an den belebenden Ambivalenzen
fehlt, die sich bei diesem Thema angeboten hatten. Und doch sind wir deutlich
entfernt vom humorlosen und sterilen Genre, wie wir es in unseren TV-Zeitschriften
in der Rubrik Problemfilm finden. Die experimentellen Bildeinschübe des
Films bringen die häßliche, fette, passive Urmutter mit der standesgemäßen
Bovary von 1996 zusammen. Die Attraktivität dieser Querverbindungen und
-verweise ist es - neben der Darstellungskunst der gut geführten Protagonisten
-, die FEMALE PERVERSIONS eindrucksvoll aus dem Einerlei der Selbstfindungsfilme
hervorhebt.
Festzuhalten
ist auch, und das weist dem Film einen besonderen Stellenwert zu, daß
er über den Stand der früheren Frauenfilme und über den Stand
der feministischen Philosophie, wie er noch vor kurzem galt, hinausgeht: FEMALE
PERVERSIONS orientiert sich nicht am Feindbild Mann. Zwar wird Eves Vater im
historischen Super-8-Film als Macho vorgeführt, Eves Problem wird jedoch
als ihr eigenes vorgestellt. Und hierzu gehört nicht nur die mangelnde
Solidarität von einst, sondern auch die aktuelle Kompensation durch den
in vorauseilendem Gehorsam imaginierten Männerblick. Das Frauenproblem
gebietet eine, jetzt aber sehr solidarische, Frauenlösung. Es ist nicht
nötig, rot zu werden und zu stammeln, wenn der Gouverneur die Frage stellt,
warum man nicht verheiratet ist. Aber es ist nötig, stark genug zu sein,
den Schmerz auszuhalten, der einem zugefügt wird. "Wenn man es richtig
sieht, handelt der Film über den Schmerz", sagt Regisseurin Streitfeld,
"den Schmerz, Frau zu sein, und das ist nicht viel anders als vor 4000
Jahren." - Wir sahen sie im Film: das Urweib der "Female Perversions".
Dietrich
Kuhlbrodt
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
FEMALE
PERVERSIONS
USA
1995. R: Susan Streitfeld. B: Susan Streitfeld. Julie Hebert (nach dem Roman
"Female Perversions; The Temptations of Emmy Bovary" von Louise J.
Kaplan). P: Mindy Affrime. K: Teresa Medina. Sch: Curtiss Clayton, Leo Trombetta. M: Debbie Wiseman. A: Missy
Stewart. Pg: October Film/MAP Film/TransAtlantic Entertainment. V: Kinowelt.
L: 116 Min. St: 21.11.1996. D: Tilda Swinton (Eve). Amy Madigan (Madelyn), Karen
Sillas (Renee). Laila Robins (Emma), Clancy Brown (John), Frances Fisher (Annuncata),
Paulina Porizkova (Langley). Dale Shuger (Ed), Lisa Jane Persky (Margot).