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Das
Fenster zum Hof (Rear Window)
Voyeuristische Short-Cuts
Zwischenbetrachtung zu Hitchcocks REAR WINDOW,
aus Anlass seiner Wiederaufführung
Das Leben ist ein Pan-Opticum: Nichts bleibt der Herrschaft der Blicke
entzogen, denn das Auge ist das gierigste unserer Sinnesorgane. Und trotzdem
genügt es nicht, alles zu sehen.
Kein Film hat die Ohnmacht des Voyeurs, die zugleich die Ohnmacht
des Kinozuschauers vor dem Leinwandgeschehen ist, und seine Allmacht, seine
Gewalt über eine Welt, die in gewissem Sinn immer nur sein Arrangement
bleibt, derart in den Mittelpunkt gestellt, wie dieser. Alfred Hitchcocks REAR
WINDOW (1954; zu deutsch: FENSTER ZUM HOF) der jetzt in einer restaurierten
Fassung wieder in die Kinos kommt, ist nicht nur einer der perfektesten Filme
dieses Meisterregisseurs. Längst ist er zum Klassiker der Filmgeschichte
geworden, zum Archetyp bestimmter Situationen, die sich immer wiederholen -
auf der Leinwand, im Leben, das ist einerlei, denn dass beide ziemlich nahe
beieinanderliegen, ist eine der Thesen dieses Films.
Die Geschichte - nach einer Short Story von Cornell Woolrich - ist
komplexer als sie sich anhört: Der Fotojournalist Jeff (James Stewart tatsächlich
in einer seiner Glanzrollen) liegt durch einen Beinbruch zuhause ans Bett gefesselt.
Aus Langeweile beobachtet er das Haus auf der gegenüberliegenden Hofseite.
Schnell entpuppt sich das Gebäude als Behausung paradigmatischer Lebenssituationen:
Alte und frischverheiratete Ehepaare leben da, und Einsame: eine alte Jungfer,
eine "Lebedame", ein erfolgloser Künstler. Mehr und mehr vom
Leben der Anderen fasziniert, kommt Jeff einem Mord auf die Spur - auch das
Verbrechen gehört zum Leben. Unterstützt wird Jeff nur von seiner
Freundin Lisa (Grace Kelly). Anfangs skeptisch wird sie selbst von Schaulust
und Neugier gepackt, und findet zugleich im gemeinsamen Abenteuer das Mittel,
um den überzeugten Junggesellen doch noch - fast wider Willen - zur Heirat
zu bringen. Um "die Idee der Ehe", das bemerkte bereits Francois Truffaut
in seiner damaligen Kritik, dreht sich nahezu alles in diesem Film.
1967 wurden die Filmnegative bei einem Brand zerstört. Aus den
besterhaltensten Kopien und Soundtracks mixten jetzt Robert A. Harris und James
C. Katz, die für die Universal-Studios schon LAWRENCE OF ARABIA und VERTIGO restaurierten (Und bei letzterem durch sinnloses, Hitchcocks und
Bernard Herrmanns Intentionen missachtendes und grob verfälschendes Dolby-Stereo-Aufmotzen
der Tonspur einen Gutteil des Films ruinierten. - Die artechock-Red.), ein neues
"Original", das der Urfassung in Bild- und Tonqualität gleichkommt.
Die Farben sind kühler und intensiver, als in allen Kopien, die man seit
den 50ern in Kino und TV sehen konnte - schon dies allein lohnt das Wiedersehen
mit dem Meisterwerk.
Noch wichtiger aber ist natürlich der Film selbst: In Hitchcocks
Händen wird aus der Thrillerhandlung ein virtuoses Spiel über das
Sehen und das Gesehenwerden, ein Essay über Voyeurismus. Nun ist Jeff bestimmt
kein primitiver Spanner. Er ist mehr das Medium, ein fleischgewordenes Kameraauge.
Ständig sitzt ihm sein Regisseur im Nacken. Durch ihn werden wir Zeuge
des Privatlebens der Menschen im Haus gegenüber, all der Indiskretionen
und kleinen menschlichen Schwächen der Figuren des Films. 40 Jahre vor
Altmans SHORT CUTS wird hier eine Vielzahl von Geschichten montiert, die ihre Wirkung
erst als Gesamtheit entfalten. Ein garstiger, "böser Blick" ist
Hitchcock eigen, "misanthropisch" hat ihn wiederum Truffaut genannt
- aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen steht eine musikalische Leichtigkeit,
ein heiterer Grundton des Films, der im Sommer spielt, vor offenen Fenstern
aus denen Musik und Lebenssattheit dringt. Wie alle Hitchcock-Filme ist REAR
WINDOW auch eine Komödie.
Zugleich inszeniert Hitchcock das Beobachten des Beobachters. Er zeigt,
was der Blick auslöst, seziert die Reaktionen des Betrachters - und führt
uns damit unsere eigenen Reaktionen vor. Ein Film der den Betrachter in sich
hinein zieht, und mitunter an einem hochkomplexen Wechselverhältnis von
Subjekt und Objekt der Beobachtung strickt - in diesem Sinn auch das autobiographischste
Werk Hitchcocks, der Film, der das Verhältnis von Autor und Werk in den
Mittelpunkt stellt, sozusagen Hitchcocks "Las Meninas".
Man kann sich Jeff, je nachdem, als solipsistisches Subjekt oder als
Gott oder als Laplaceschen Dämon vorstellen, der sich jedenfalls seine
ganz eigene Welt erschafft. Auch als Wärter von Gefängniszellen. Oder
die Wohnungen gegenüber als Fernsehschirme, zwischen denen der Betrachter
hin- und herzappt.
So oder so, das "Fenster zum Hof" öffnet sich in beide
Richtungen: als Eingang zur Welt, wie in die Seele des Menschen.
Rüdiger Suchsland
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: artechock
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Das Fenster zum Hof (1954)
REAR WINDOW
USA - 1954 - 112 min. - Verleih: Paramount, Universal
(Video) - Erstaufführung: 8.4.1955/2.11.1988 DFF 2/18.11.1999 Video - Produktionsfirma:
Paramount - Produktion: Alfred Hitchcock
Regie: Alfred Hitchcock
Buch: John Michael Hayes
Vorlage: nach einer Erzählung von Cornell Woolrich
Kamera: Robert Burks
Musik: Franz Waxman
Schnitt: George Tomasini
Special Effects: John P. Fulton
Darsteller:
James Stewart (L. B. Jeffries)
Grace Kelly (Lisa Carol Freemont)
Wendell Corey (Tom Doyle)
Thelma Ritter (Stella)
Raymond Burr (Lars Thorwald)
Judith Evelyn
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