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Findet
Nemo
Nachdem
meine Tränen der Rührung getrocknet und die vollgeschneuzten Taschentücher
im Papierkorb gelandet sind, kann ich die Worte auf meinem Bildschirm schlierenfrei
lesen und meinen Bericht zum neuesten Streich aus dem Hause Pixar zum Besten
geben. Denn Pixar rules, und das wird mit "Findet Nemo" ein weiteres
Mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Begonnen
hat es mit "Toy Story", weiter ging's mit "Das große Krabbeln",
dann die Fortsetzung der lebenden Spielzeuge und zuletzt die "Monster AG".
Ein ums andere Mal übetrafen sich die Macher selbst, die Animation wurde
immer besser, lebendiger, echter, und die Geschichten, man glaubt es kaum, verflachten
kein bißchen, eher im Gegenteil.
Meine
These lautet ja nach wie vor, daß bei Pixar nur Verrückte und Durchgedrehte
am Werke sind. Wahrscheinlich schließen die sich zum großen Brainstorming
regelmäßig auf einer einsamen Berghütte ein, nehmen jede Menge
Drogen mit und überlegen sich dann, wenn's am lustigsten und buntesten
ist, wie ihr nächster Film aussehen könnte. Heraus kommt dann sowas
wie "Findet Nemo". Ein Film voll bunter Farben, skuriller Figuren,
witziger Dialoge und rasanter Action. Ein Film, der all das verkörpert,
was Kino für mich ausmacht: Er entführt in und zeigt eine Welt, die
nichts mit dem gemein hat, was ich jeden Tag in meinem eigenen, kleinen Leben
zu Gesicht bekomme. Das soll Kino tun: Mir Dinge zeigen, die ich so niemals
sonst sehen könnte. Die so unglaublich schön sind, daß es mir
kalte Schauer über den Rücken jagt.
Es
scheint, als könnten die Damen und Herren bei Pixar keine schlechten Filme
machen, denn "Findet Nemo" ist für mich, ebenso wie seine Vorgänger,
Kino, wie es perfekter kaum sein kann.
Erzählt
wird die Geschichte von Clownfisch Marlin und seinem kleinen Sohn Nemo. Nachdem
Marlin seine Fischdame samt des umfangreichen Nachwuchses an einen bösen
Räuber der Meere verloren hat, hat er sich und seinem Sohn (einziger Überlebender
der Nachkömmlinge) geschworen, immer und überall über das Wohlergehen
des jungen Fisches zu wachen. So ist Marlin zu einem übervorsichtigen Vater
geworden, der den Filius am liebsten niemals aus den glubschigen Augen lassen
würde - zumal Nemos rechte Flosse unterentwickelt ist und deswegen von
beiden liebevoll als Glücksflosse bezeichnet wird.
An
Nemos erstem Schultag treibt Marlin es dann auf die Spitze mit der väterlichen
Fürsorge. Daraufhin büchst Nemo kurzentschlossen aus - und landet
in den Fängen eines Tauchers, der im wahren Leben Zahnarzt ist und den
kleinen Clownfisch kurzerhand dem praxiseigenen Aquarium zuführt.
Im
Folgenden erlebt der entzückte Zuschauer die wahnwitzige Suche Marlins
nach seinem Sohnemann, bei der er von der vergesslichen aber deshalb umso liebenswerteren
Doktorfischin Dorie unterstützt wird. Gemeinsam durchqueren sie das Meer
und begegnen dabei so manch unheimlichem Meeresbewohner. Doch auch Helfer und
Freunde kreuzen ihren Weg, und so kommen sie irgendwann im Hafen von Sydney
an, wohin es Nemo verschlagen haben soll.
Und
Nemo... der teilt sich das Aquarium mit einer liebenswerten Truppe von Fischen,
von denen nur der Tropenfisch Khan, ebenso wie Nemo, aus den Weiten des Meeres
kommt. Gemeinsam schmieden sie alsbald einen Plan, der ihnen allen zur Freiheit
verhelfen soll - eine Art Gefängnisausbruchfilm unter Wasser also.
Und
der Zuschauer fiebert mit und drückt beiden Clownfischen die Daumen, daß
es mit dem Wiedersehen möglichst bald und unversehrt klappen möge...
...aber
zu bald nun auch wieder nicht. Denn zu schön, zu fantastisch, zu atemberaubend
sind die Bilder, die Pixar uns auf die Leinwand zaubert... nein, die wollen
wir möglichst ausgiebig genießen dürfen.
Vor
wenigen Jahren noch galt es als beinahe unmöglich, Wasser, Feuer sowie
tierisches Fell im Computer zu animieren. Zwei dieser drei Unmöglichkeiten
haben Pixar inzwischen möglich gemacht, das Fell von Sulley in der "Monster
AG" sieht aus wie... ja, echtes Fell. Bis auf die Farbe vielleicht. Und
die Sache mit dem Wasser hat sich nun mit "Findet Nemo" wohl auch
erledigt. Die Unterwasserwelt, die sich hier bietet, läßt keine Wünsche
offen und ist einfach wunderbar animiert worden - ein einziger Kinobesuch reicht
kaum aus, um sich daran satt zu kucken.
Jedes
Lebewesen, das uns im Film begegnet, wird mit einer eigenen Persönlichkeit
ausgestattet. So dumm es klingen mag, aber wenn man z.B. die Mimik von Dorie
und Marlin genau betrachtet, dann hat man das Gefühl, man habe es mit wahren
Schauspielern zu tun. Jede Gefühlsregung, und davon gibt es im Verlauf
des Films wahrlich eine Menge, läßt sich in ihren Gesichtern problemlos
ablesen. So wachsen sie einem sofort ans Herz und man fiebert und fühlt
mit ihnen mit, ganz so, als sähe man einen Realfilm.
Mal
lustig, mal traurig, für jeden ist was dabei. Clownfisch Marlin hat wohl
schon länger keinen Clown mehr gefrühstückt, und so scheitern
seine Versuche, einen Witz zu erzählen, kläglich - ganz zum Amusement
des Kinopublikums. Dories Verwirrtheit hingegen ist ein einziger running gag,
so daß man, sobald sie den Mund aufmacht, aus dem Lachen nicht mehr herauskommt
- bis sie dann gegen Ende der Reise Marlin ihre Freundschaft so bewegend bekundet,
daß man nicht anders kann, als ein Tränchen zu verdrücken.
Die
drei Gesellen aus der Abteilung böser Hai, die sich ganz nach dem Vorbild
der Anonymen Alkoholiker in einer Selbsthilfegruppe (Anonyme Fischesser, kurz
AF) organisiert haben, um ihre Fleischfresssucht in den Griff zu bekommen, sind
ein weiteres Highlight des Films. Entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen
machen Erkan & Stefan ihre Sache als hilfebedürftige Haie Hammer und
Hart ziemlich gut, so daß es ein riesiger Spaß ist, ihrem Mantra
zu lauschen, welches da lautet: "Ich bin ein lieber Hai und keine hirnlose
Fressmaschine!". Freut uns zu hören - auch, wenn man wenig später
Zeuge eines bedauerlichen Rückfalls des Gruppenvorsitzenden Bruce wird,
der für Marlin und Dorie fast tödlich endet.
Apropos
Synchronisation: Ein leidiges Thema. Führt zwar nicht zum Punktabzug, da
ich Pixar dafür nur bedingt verantwortlich mache, ärgerlich ist es
aber dennoch. Zwar ist die Auswahl der deutschen Stimmen weitgehend gut gelungen,
besonders, was die 'Hauptdarsteller' des Films angeht. Doch passieren auch bei
"Findet Nemo" wieder ein paar Ausrutscher, die schon fast typisch
sind für die dt. Fassungen von Pixar-Filmen. Wohl in Anlehnung an die amerikanische
Version, in der sicherlich verschiedene amerikanische Akzente auftauchen, hat
man es sich für die deutsche Fassung nicht nehmen lassen, den Zuschauer
mit verschiedenen Dialekten zu beglücken: Das Fischvieh redet bayrisch,
österreichisch, ostfriesisch... das ist machmal noch ganz witzig, nervt
aber insgesamt dann doch. Besonders Freund Crush, die Wasserschildkröte,
mag man am liebsten von der Kinoleinwand runterpulen und ganz fix in den nächsten
Mülleimer stopfen. Er redet mit unsäglichem, amerikanischem Akzent,
wobei seine beiden Lieblingswörter 'dude' und 'cool' sind. Klingt jetzt
wahrscheinlich harmlos, ist aber im Kinosaal absolut abtörnend. In der
Originalfassung ist das bestimmt sogar ziemlich 'cool', aber in der Synchro...
nee, geht gar nicht. Und es ist mir ein Rätsel, wie die Schildkröte
zu dieser Stimme kam... kucken sich die Verantwortlichen den fertig synchronisierten
Film nicht an? Wenn doch, haben sie dabei Tomaten auf oder vielleicht Shrimps
IN den Ohren?? Fragen über Fragen... dann doch lieber die OV mit den Stimmen
von Albert Brooks, Willem Dafoe und Ellen DeGeneres.
Davon
abgesehen aber: Bravo, Pixar! Mit Thomas Newman ("American
Beauty",
"Die Verurteilten", "Erin Brockovich") habt ihr einen Komponisten
verpflichtet, der mit seiner Musik bereits die ersten Minuten so schön
unterlegt, daß man am liebsten sofort losheulen möchte. Ganz vorzüglich
paßt Newmans sphärische Musik zu diesem Unterwasserkunstwerk - und
außerdem ist es erfrischend, mal jemand anderen als Randy Newman die Musik
zu einem eurer Filme machen zu lassen.
Und
wieder schafft ihr es, sowohl Kinder als auch Erwachsene hervorragend zu unterhalten.
Mögen auch manche Szenen für besonders junge Sprösslinge ein
wenig unheimlich sein, so habt ihr ansonsten einen wie immer überzeugenden
Mittelweg gefunden, um sowohl Alt als auch Jung 100 Minuten lang an den Kinosessel
zu fesseln.
Die
Message darf natürlich auch nicht fehlen. Einigermaßen erträglich
lautet sie in diesem Fall: Eltern müssen ihren Kindern Freiheiten lassen,
damit diese ihre eigenen Erfahrungen sammeln können - auch, wenn das mit
Schmerz verbunden sein kann. Unter Umständen sind die lieben Kleinen nämlich
zu viel mehr fähig, als die weisen Eltern das vermuten würden. Und:
Freunde sind wichtig, und man sollte ihnen vertrauen.
Na,
hat doch gar nicht weh getan, oder?
Und
nun: Ab ins Kino! Eine wunderbare Welt wartet dort auf Euch!
Petra
H. Knobel
Diese
Kritik ist zuerst erschienen unter bei: www.ciao.de
Findet
Nemo
FINDING
NEMO
USA
2003.
Regie:
Andrew Stanton. Buch:
Andrew Stanton, Bob Peterson, David Reynolds. Kamera: Sharon Calahan, Jeremy
Lasky. Schnitt:
David Ian Salter. Musik:
Thomas Newman. Produktion:
Graham Walters, John Lasseter. Länge: 100 Minuten.
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