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Flags
of Our Fathers
Wer von euch
will berühmt werden?
Gnadenlos, kompromisslos und wütend: Clint
Eastwoods Kriegsfilm "Flags of Our Fathers" erzählt von der Erschaffung
amerikanischer Helden - und Verlierer.
Eine Ungeduld ist zu spüren in diesem Film,
von der ersten Minute an, eine Unruhe geht von ihm aus, die bei jedem Sehen
beklemmender wird. Am Anfang sieht man einen alten Mann, der nachts, von Erinnerungen
gequält, auf der Treppe seines Hauses zusammenbricht. Sein Sohn macht sich
auf, der Ursache dieses Zusammenbruchs nachzuspüren, die in den Erlebnissen
in der Endphase des Zweiten Weltkriegs liegt, in den Kämpfen auf der Pazifikinsel
Iwo Jima. Der alte Mann ist John Bradley, er war einer der sechs Soldaten, die
eine amerikanische Flagge hissen auf dem Mount Suribachi, auf dem legendären
Photo von Joe Rosenthal, das innerhalb weniger Stunden zum Inbegriff amerikanischen
Engagements im Krieg wurde und auf das der - vielstrapazierte - Begriff Ikone
wirklich passt.
Szene aus "Flags Of Our Fathers": Amerkianische
Soldaten hissen während des Pazifikkrieges die US-Fahne auf dem Mount Suribachi
nach Tagen heftiger Kämpfe um die japanische Garnison Iwo Jima. Dieses
Bild geht durch Amerikas Medien und wird sowohl zum Inbegriff aller Hoffnung
auf die Rückkehr verloren geglaubten Söhne wie zum Propagandamittel,
um den Krieg weiterhin finanzieren zu können. Ein Bild mit nahezu sakralem
visuellem Mehrwert, das mehr beigetragen hat, so heißt es, zur Beendigung
der Kämpfe im Pazifik als das Menschen- und Maschinenmaterial, das die
Amerikaner dorthin schickten. Das Buch, das der Sohn dann schreibt, Jahrzehnte
nach Kriegsende, lieferte die Vorlage für Clint Eastwoods großartigen
neuen Film. Es ist eine Recherche unter Zeitdruck, die der Sohn unternimmt,
gedrängt vom möglichen Tod des Vaters, behindert vom Vergessenwollen,
das sich ausgebreitet hat im Land. Die Unruhe dieser Recherche kontrastiert
mit der Gelassenheit, die von dem Foto ausgeht. Die sechs Soldaten packen energisch
zu, aber irgendwie hat man auch den Eindruck, die amerikanische Flagge würde
sich von allein in die Luft erheben, wie ein schlanker Baum, der vom Sturm niedergedrückt
worden ist und sich nun wieder aufrichtet. Was eine kleine militärische
Operation ist, durchaus schon mit propagandistischem Nebeneffekt - "O.K.,
guys", sagt Rosenthal, als er seine Kamera zückt, "who wants
to be famous" -, wirkt wie ein Naturphänomen.
Die Mühelosigkeit, die das Photo suggeriert,
steht in krassem Gegensatz zu dem, was sich auf der strategisch wichtigen Insel
Iwo Jima abspielte im Februar 1945, in der entscheidenden Phase des Pazifikkriegs
- auf dem Kriegsschauplatz Europa war die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt bereits
gefallen. Iwo Jima war japanisches Terrain, heiliger Grund. Die jungen japanischen
Soldaten wurden hierher geschickt mit der Parole: Macht keine Pläne über
die Zeit nach der Rückkehr ... Sie wühlten sich in die Erde ein, verbarrikadierten
sich in einem Tunnel- und Höhlensystem, aus dem die Amerikaner sie mit
Flammenwerfern und Handgranaten herausholten. Parallel zu "Flags"
hat Clint Eastwood einen zweiten Iwo-Jima-Film gedreht, "Letters from Iwo
Jima", in dem er die japanische Perspektive zeigt, mit japanischen Akteuren,
in japanischer Sprache.
Wie ein Totenreich wirkt die kleine Insel, die gerade
mal ein paar Quadratkilometer groß ist. Die Soldaten stapfen durch schwarzen
Sand, zwischen kahlen Felsen, von denen aus sie von den japanischen Soldaten
beschossen werden. Von der einen auf die andere Sekunde ist der Kumpel, mit
dem man eben noch gesprochen hat, verschwunden, von der schwarzen Nacht verschluckt.
Kurz nach der Fahnen-Episode werden der Navy-Mann John Bradley (Ryan Phillippe)
und zwei Marines (Jesse Bradford, Adam Beach), die ebenfalls beim Hissen dabei
waren, nach Amerika geholt, auf einen Werbe-Feldzug durchs Land geschickt, um
Kriegsanleihen unters Volk zu bringen, eine letzte millionenschwere Anstrengung,
um den Krieg zu beenden. Sie müssen sich den Müttern der Toten stellen
- ihre drei Kameraden sind kurz nach dem Hissen gefallen - und auf dem Soldier
Field in Chicago einen Pappmaché-Suribachi erklimmen, wo sie dann von
einer tosenden Menge bejubelt werden. Souverän schaltet Eastwood zwischen
den verschiedenen Ebenen hin und her, zwischen dem Kriegs- und dem Heimatalbtraum,
unterstützt vom Drehbuchautor Paul Haggis, der ihm bereits das Script zu
"Million
Dollar Baby" schrieb.
Keiner macht heute so schwarze Filme wie Eastwood
und keiner knüpft, egal in welchem Genre er sich versucht, visuell so nahtlos
an der Tradition des film noir an - der nie nur Stil und Stimmung war, sondern
immer auch Reflex der Kriegs- und Nachkriegszeit. Der jenen Übergang anzeigte,
als Amerika versuchte, zum normalen Leben zurückzufinden. Auch "Flags"
ist voller pompöser Politiker und feister Wohlstandsbürger, die die
Soldaten großzügig mit Wir-wissen-was-wir-euch-verdanken-Schulterklopfen
bedenken und mit eilfertig gezückten Visitenkarten beschenken - aber nach
dem Krieg ist von ihrer Bereitschaft, den Jungs einen Job zu verschaffen, nichts
geblieben, sie lassen sich am Telefon verleugnen. Man weiß genau, was
mit diesen Szenen gemeint ist, in diesen Monaten, da Amerika immer neue Kontingente
junger Soldaten in den Irak schickt.
Es ist ein Film über Heldentum, hat Clint Eastwood
erklärt, und über die Art und Weise, wie man sich einen Begriff macht
von seinen Helden. Nehmen Sie Jessica Lynch, sagt er weiter, die im März
2003 im Irak gefangen genommen wurde und ein paar Tage später befreit werden
konnte und vom Pentagon und der Presse "heroisiert" wurde, zur Heldin
herausgeputzt: "Sie versuchten, eine Art Wonder Woman aus ihr zu machen,
die mit dem Maschinengewehr da steht und die feindlichen Truppen niederkämpft.
So ist es natürlich überhaupt nicht gewesen, und sie kam sich irgendwie
idiotisch vor. Sie kam sich wie die Jungs in unserem Film vor, weil sie wussten,
die Leute, die dort auf der Insel getötet wurden, waren die wirklichen
Helden." Es ist ein gnadenloser Film, kompromisslos und wütend. Clint
Eastwood hat immer schon die Verlierer der amerikanischen Gesellschaft porträtiert
- bereits sein Dirty
Harry gehört dazu, der auf verlorenem
Posten steht im Kampf gegen die Bürokratie. Der letzte Held in "Flags"
ist Ira Hayes, der sich von der Tour zurücksehnt an die Front, ein native
American, der dem Alkohol verfällt. Nach dem Krieg sieht man ihn auf einem
Feld arbeiten, da kommt ein Wagen, ein Mann steigt aus, lässt ihn zwischen
seinen zwei Töchtern posieren, gibt ihm einen Nickel, fährt davon.
Aber das ist ein anderes Bild.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Süddeutschen Zeitung
Flags
of Our Fathers
USA 2006
- Regie: Clint Eastwood. Buch:
William Broyles Jr., Paul Haggis. Nach dem Buch von James Bradley (mit Ron Powers).
Kamera: Tom Stern. Schnitt:
Joel Cox. Musik: Clint Eastwood. Mit: Ryan Phillippe, Jesse Bradford, Adam Beach,
Barry Pepper, John Benjamin Hickey, John Slattery, Paul Walker, Jamie Bell,
Robert Patrick. Warner,
131 Minuten.
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