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Flammen am Horizont

 

Wie die Geschichte konstruiert ist, das ist nicht ganz blöd. Wenn der Film zu Ende ist, hat man gesehen, wie die USA sich die Gelegenheit verschaffen, in ein reiches Ölland, das Ärger macht, einzumarschieren. Sie haben dieses Land zu destabilisieren geholfen, indem sie den traditionalen Monarchen umbrachten. Damit ist in diesem Land eine Fanatisierung befördert worden, und der neue Herrscher Rafeeq läßt zwei kleine Atombomben in New York verstecken und verlangt, daß der Präsident der Vereinigten Staaten vor der UNO all die Schweinereien zugibt, die er begangen hat. (Vielmehr nur die, die er diesem Land gegenüber begangen hat.) Man findet die Atombomben, und nun hat der Präsident, der immer im Trainingsanzug herumläuft, den besten Vorwand, in dieses Land einzufallen. Das nicht ganz Blöde an der Konstruktion ist nun, daß es nicht ein zusammenhängendes Szenario für diesen Kriegseintritt gibt. Der Chef der Eingreiftruppe wird als ein ständig interventionslustiger Saufkopf beschrieben, den keiner ernst nimmt. Der Präsident, der dem Präsidenten Carter nachgebildet ist, auch einen religiösen Berater hat und sich in seinem Trainingsanzug ständig fit hält, denkt nur an seine Wiederwahl. Der CIA-Chef will nur die Weste der CIA weiß halten - durchaus gegen den Präsidenten. Dann gibt es noch einen Präsidentschaftskandidaten und eine Fernsehgesellschaft, die nur die Einschaltquote im Sinn hat. Und die die Ereignisse befördert, im Sinne von Übertragen und im Sinne von Mitproduzieren. Jeder an der Spitze der USA betreibt sein borniertes Teilinteresse, verziert sein Tun mit ein paar Phrasen, die das gesamtgesellschaftliche Interesse ausdrücken sollen und die niemand glauben kann. Alles wird falsch eingeschätzt, jede Gelegenheit wird verpaßt, jeder ist der Schlechteste für seinen Job (mit Ausnahme des Fernsehreporters) und dennoch geht alles in die richtige Richtung. Die Maden in Newtons Apfel mögen sich mit aller Kraft winden, der Apfel wird doch zu Boden fallen. Die Kraft, die da auf das simpelste wirkt, ist die Gravitation, sie läßt alles zugunsten der USA ausgehen. Ausnahmen von dieser Regel sind so unwahrscheinlich, daß man die Interessen der USA mit denen der Menschheit am besten in eins setzt.

 

Als die Japaner Pearl Harbor angriffen und so den USA das Motiv lieferten, in den Zweiten Weltkrieg einzusteigen ...

Ich sah einmal einen Film, der Tarzan und die Nazis heißt. Da ist es Tarzan ganz egal, was die Nazis mit den Negern anstellen, aber als sie Cheetah (oder war es Jane, oder das Kind?) belästigen, da packt den Tarzan die Wut und er steigt in den Zweiten Weltkrieg ein. Pearl Harbor sah aus wie die Idee eines Drehbuchschreibers, der für Filme wie Tarzan und die Nazis schreibt. Immer wieder wurde gefragt, ob die USA den japanischen Angriff nicht inszeniert hätten. Aber diese Frage ging nie sehr weit. Denn wer außer den USA hätte den asiatischen und europäischen Faschismus zerstören können? Damit habe ich noch einmal das gesagt, was ich im vorigen Absatz dargelegt habe. Mein Text kann schließlich nicht mehr Abwechslung bieten als die Wirklichkeit, oder!

 

Pearl Harbor, auch der Reichstagsbrand, das Attentat in Dallas, ich will diese Geschichten einmal nukleide Geschichten nennen. Der Film spielt auf viele solche an. Auf die Attentatspläne der CIA gegen Castro (man wollte ihm ein Fußgift in die Stiefel kippen, damit ihm das Haar ausgeht, das sollte ihn vor den Völkern der Dritten Welt lächerlich machen), auf die Geiselnahme der US-Botschaft in Teheran, auf Carlos-Habasch-Gaddafi und Watergate mit seinen vielen Kapiteln. Darunter das schwachsinnigste: Nixon schneidet das, was er sagt, selbst auf einer versteckten Anlage mit. Aber was ist eine nukleide Geschichte: eine, die die Kraft hat, Dementis, Bestätigungen, Ergänzungen, Abstriche, gerichtliche und parlamentarische, schließlich wissenschaftliche Untersuchungen anzuziehen. Eine Schicht nach der anderen lagert sich um den Kern ab, und wie bei Neuschnee, wenn man einen großen Klumpen für den Schneemann wälzt, kommt sogar das Grün des Rasens zum Vorschein. Die Zeitungsleser erfreuen sich an dem Paradox, daß etwas Wirkliches sich liest wie bei drei Schnaps erfunden, und ein paar Jahre später ist die Geschichte gesicherter Besitzstand der Politfiktionautoren. Im Fall von Carlos weiß heute jedes Kind, daß der Terrorismus von den kleinen Mächten wie Syrien und Libyen in Dienst genommen wird, die Terroristen damit die sowieso nicht gehabte Integrität verspielen und zur Strafe dafür beim nächsten Interessensausgleich mit den USA als Bauer geopfert werden... Diese nukleiden Geschichten (ein Wort, das bald Rhizom und Simulacrum verdrängen wird) kommen zu Gehör, weil es in der Abschirmung einen Fehler gegeben hat, einen Fehler bei der sonst perfekten Inszenierung des falschen Scheins. So erzählen sie vor allem, daß man nicht wissen kann, wie die Welt funktioniert, aber daß man sich es schon denken kann. Wie diese interessanten Frauen einen lehren, daß es mit der Liebe nicht klappen kann, einem aber doch die Idee eingeben, wie es wäre, wenn ..., so sind diese Geschichten Spur und Verwischung zugleich.

 

Diesem Reporter, der im Laufe des Films die spektakulärsten Ereignisse festhält und seinen Zuschauern bieten kann, droht sein Chef mit Entlassung, wenn die Einschaltquote nur um das kleinste bißchen absinkt, es klingt so, als müsse dieser Mann morgen verhungern. Was zum Lachen ist, wenn man daran denkt, wie all diese Schauspieler, Musiker, Journalisten, Regisseure, die mit einer kleineren Tat, als sie dieser Reporter am laufenden vollbringt, einen Ruhm einheimsen und diesen dann weiterverwerten und immer weiter, so lange, bis man sie nur noch als Weiterverwerter kennt und sie damit so geläufig sind, daß sie wieder eine Platte, einen Film, ein Buch machen. Die Drohung, mit dem kleinsten Nachlassen sei das Ende da, hat einige Evidenz in dem Film selbst, in dem es keine Vergangenheit, von Geschichte nicht zu reden, gibt. In dieser Welt bedeutet Stillestehen sofortiges Vergessensein, so daß die Figuren weiterhetzen wie die Hamster im Laufrad.

 

Dieser Film erzählt sehr viele Ereignisse und hat sehr viele Schauplätze, gibt diese in vielen Einzelaufnahmen wieder und führt die Handlung in vielen überraschenden Wendungen und kommt dabei nicht von der Stelle. Das liegt an den Bildern zuallererst; der Film besteht aus Aufnahmeleiterbildern. Ein Aufnahmeleiter schreibt auf einen Zettel: auf diesem Bild muß (leider) ein Auto, eine Frau und ein Gewehr drauf sein, und das Bild ist dann die Quittung für den Zettel des Aufnahmeleiters. Ein Bild frißt das vorige auf, kein Rückstand bleibt. Das liegt auch an der Dramaturgie, die allen Ereignissen gleichen Rang zuweist, was ich bemerkenswert finde: daß der Film niemals gemütlich wird und sich niederläßt mit einer hübschen Frau, einem Whisky, und das in einem netten Appartment. Alle Figuren, auch der Held, bleiben einem vom Leib. Einmal, und das ist als Zentrum des Films gemeint und vom Spiegel sogar verstanden worden, hält Connery eine Rede darüber, wie sehr das Fernsehen die Nachrichten mitinszeniert, wie sehr die Wirklichkeit Show ist ... Eine Hirnseuche ist das. Diese Idee haben die Journalisten-Publizisten-Regisseure usw. mit Hilfe der CIA in einer Retorte im Institut zur Biologischen Kriegsführung ausgebrütet und sie verbreitet, indem sie sich selbst infizierten. Eine arbeitssparende Idee, man muß nur noch von den Fernsehbildern reden, statt daß man die Welt untersucht. Wenn einer zu fett ist, sieht er vor allem seinen Bauch: Im August in Edinburg sah ich vormittags einen Undergroundfilm aus New York für 50 000 Dollar und nachts einen Film von Carpenter, bei dem eine Einstellung ebensoviel kostete, und in beiden kam die gleiche US-Fernsehshow vor und sollte erzählen, daß die Welt nur noch über das Fernsehen wahrgenommen wird.

Ich möchte dem entgegenhalten, daß die Welt sehr vielgestaltig ist. Die USA bekommen die Welt nicht unter Kontrolle. Was man nicht kontrollieren kann, das will man wenigstens entnennen.

 

Harun Farocki

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: „Filmkritik“ Nr. 313 vom Januar 1983

 

Flammen am Horizont

WRONG IS RIGHT

USA - 1981 - 118 min. - FSK: ab 16; feiertagsfrei - Verleih: Warner-Columbia - Erstaufführung: 17.12.1982 - Fd-Nummer: 23772 - Produktionsfirma: Rastar/Columbia Pictures - Produktion: Richard Brooks

Regie: Richard Brooks

Buch: Richard Brooks

Vorlage: nach einem Roman von Charles McCarry

Kamera: Fred J. Koenekamp

Musik: Artie Kane

Schnitt: George Grenville

Darsteller:

Sean Connery (Patrick Hale)

Robert Conrad (General Wombat)

George Grizzard (Präsident Lockwood)

Hardy Krüger (Helmut Unger)

Katharine Ross (Sally Blake)

Henry Silva (Rafeeq)

Leslie Nielsen (Mallory)

John Saxon

Ron Moody

 

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