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Die
Fliege (1985)
Die
genetische Differenz
Gregor
Samsa war kein Vorgänger von Seth Brundle. Mit Gentechnik hatte Kafka nichts
am Hut. Er zeigt keine Verwandlungen, und deren Resultate, so Kafka, seien nicht
darstellbar. Das wäre das Aus für das Kino. Irgendwann muss der Weiße
Hai auf die Leinwand. Oder Moby-Dick. Der Käfer, der Gregor Samsa war,
bleibt letztlich unerklärbar. Dagegen gibt es bei Cronenberg kein Geheimnis.
Es ist alles ganz einfach. Ein begabter junger Physiker macht eine Erfindung,
weil er vor etwas Angst hat. Die Versuchsanordnung lautet: Wie komme ich von
A nach B, ohne ins Flugzeug steigen zu müssen. Schiffe und Autos zählen
nicht, jede Art von Bewegung ist ihm unangenehm. Die Antwort lautet nicht: Lass
dich einfach die Zeit des Transports über betäuben. Das gäbe
einen ziemlich langweiligen Film und wäre außerdem kein Sciencefiction.
Als
Physiker kennt sich Brundle aus mit Analyse und Dekomposition. Deren letzter
Schrei kann nur heißen: alles zerlegen, dann wieder zusammenfügen.
Das kennt man als „Beamen“. Und wenn ein junger Mann eine Erfindung gemacht
hat und ein nettes Mädchen sieht, muss er ihr natürlich sofort erzählen,
dass er damit eine Revolution auslösen wird. Jeff Goldblum als Seth Brundle
am Anfang des Films in der Ausstellung ist einfach goldig. So schlecht angezogen,
so miserabel frisiert, so naiv. Immerhin kommt Geena Davis mit in das Fabrikgelände,
wo Seth in irgendeinem Obergeschoss sein Techno-Labor betreibt. Seltsame Objekte
in einer Mischung aus Riesenwabe und designter Kirchenglocke stehen in dem großzügigen
Raum herum. In der Mitte eine Computerkonsole. Dann beginnt die Zirkusshow.
Gib mir einen Gegenstand deiner Wahl. Hier ist ein Strumpf. Auch die Liebesgeschichte
fängt also gut an. Seth legt den Strumpf ins Innere eines dieser Transformatoren,
tippt ein bisschen rum, spricht mit seinem Computer, und los geht’s. Ein greller
Blitz, ein verschwundener Strumpf, etwas später, in einem anderen Transformator,
einem Empfänger, liegt der Strumpf, noch nebelverhangen. Geena ist beeindruckt,
auch als Journalistin, da will sie doch gleich eine Geschichte draus machen.
Die
Sache mit dem Pavian kommt vermutlich nur als gelungenes Experiment ins Buch,
die erste Probe geht ziemlich daneben, ekelhaft, dieses Fleisch, kleine Einstimmung
auf das, was kommt. Seth als guter Physiker lässt sich von Geenas Reizen
nicht übermäßig ablenken. Die Sache ist ja noch nicht zu Ende,
schließlich geht es um eine Tele-Portation. Jetzt kommt die Fliege ins
Spiel. Bei seinem ersten eigenen Versuch, nackt hockt Seth wie ein griechischer
Athlet in der Tele-Box, hat sich eine Fliege in den Versuchsraum verirrt, menschliche
Unvorsichtigkeit – hätte man es verhindern können, stellt sich techno-kritisch
die Frage? Das Spannende ist jedenfalls erstmal, wie Seth da jetzt rauskommt.
Anders jedenfalls, als in dem ursprünglichen Fliegen-Film, nämlich
ganz normal. Keine Flügel, keine Teleskopaugen. Aber er ist plötzlich
so wahnsinnig sportlich, athletisch, sein Körper hat einen Sprung gemacht.
Seine Kraft, seine Potenz, er ist ein Tier, noch bevor er anfängt, so auszusehen.
Dann gibt es die ersten Symptome, die Haare auf dem Rücken, die keine menschlichen
sind, Geena hat sie extra analysieren lassen. Geena kommt mit der neuen Sex-Maschine
nicht mit, flieht, nach vier Wochen ein reumütiger Anruf Seths, es ist
alles war, ich habe mich verändert.
Jetzt
beginnt die Passion von Brundle-Fliege. Die genetische Analyse des Computers
lässt keinen Zweifel, das Genom der Fliege und sein eigenes hat der Computer
eigenständig verschmolzen. Seth wird immer ekliger, alles scheint sich
nach außen zu kehren, die Flüssigkeiten, das Abfallen von Organen,
die nicht mehr gebraucht werden. Am Ende ein verzweifelter Versuch, als das
Tier wirklich böse geworden ist, eine Dreiheit zu kreieren, mit Seth, Geena
und dem zu erwartenden Baby (und der Fliege, muss man ergänzen). Aber Gott
sei dank ist da noch Geenas früherer Lover, der nicht locker lässt,
auch wenn er sich mit der Fliege zum Krüppel kämpft. Die letzte Verwandlung,
das sieht Seth ein, ist nun wirklich völlig inakzeptabel. Bitte Gnadenschuss.
Nicht gerne, aber muss sein. Gibt’s auch eine Moral? Technik ist kein deus ex
machina, irgendwo so zwischen Gott und Maschine ist der Mensch, und manchmal
ist es nicht ganz einfach zu entscheiden, was man braucht, dann aber spielt
der Mensch ja auch gern wieder, und da beißt sich die Katze in den Schwanz,
tja …
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
Die
Fliege
(1985)
THE
FLY
USA
- 1985 - 95 min. - Literaturverfilmung, Horrorfilm, Science-Fiction-Film, FSK:
ab 18; nicht feiertagsfrei - Verleih: 20th Century Fox,
20th
Century Fox (16 mm) - Fox (Video) Erstaufführung: 18.1.1987/Februar 1988
Video - Fd-Nummer: 25966 - Produktionsfirma: Brooksfilm/20th Century Fox
Produktion:Stuart
Cornfeld
Regie:
David Cronenberg
Buch:
Charles Edward Pogue, David Cronenberg
Vorlage:
nach einer Erzählung von George Langelaan
Kamera:
Mark Irwin
Musik:
Howard Shore
Schnitt:
Ronald Sanders
Special
Effects: Louis Craig, Ted Ross
Darsteller:
Jeff
Goldblum (Seth Brundle)
Geena
Davis (Veronica Quaife)
John
Getz (Stathis Borans)
Joy
Boushel (Tawny)
Les
Carlson (Dr. Cheevers)
George
Chuvalo (Marky)
David
Cronenberg (Gynäkologe)
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