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Fluch
der Karibik
Die
nackte Kanone
Johnny
Depp kämpft in dem Sommer-Hit „Fluch der Karibik“ gegen die Phantome der
Film-Piraterie. Damit sind diesmal allerdings keine verbotenen Internetdownloads
gemeint, sondern Mantel- und Degenfilme der 50er Jahre.
Käpt’n
Jack Sparrow hat gut grienen, er hat den großen Coup des Kinosommers geliefert,
einen Hoax mit bombastischem Kassenerfolg. Mehr als 270 Millionen Dollar hat
„Fluch der Karibik“ bislang in den USA eingespielt, und mit unglaublicher Begeisterung
haben die Kritiker den Film als grandioses Revival des Piratenkinos gefeiert
– sie haben ihr filmhistorisches Schatzkästchen aufgemacht und uns mit
Informationen zum Piratenfilmgenre versorgt in einem Umfang wie vor zehn Jahren
mit denen zum film
noir.
Das
Abenteuerliche an dieser Geschichte ist, dass der „Fluch der Karibik“ nicht
wirklich vom Piratenfilm der Fünfziger inspiriert ist, sondern vom gleichnamigen
Disney-Vergnügungspark in Florida, er hat also mehr von einer Geisterbahnfahrt
als von einem waschechten Genrefilm. Was das Vergnügen natürlich nicht
an dem Spektakel schmält, aber fürs filmhistorische Gutachten nicht
ganz unwichtig. Die Aufschneiderei gehört primär zum Piraten- wie
zum Regiehandwerk: „Kommt näher, meine Freunde, kommt näher“, hat
bereits Burt Lancaster als Vallo gelockt, der „Rote Korsar“ im gleichnamigen
Klassiker: „Ihr seid zur letzten Fahrt des roten Korsaren geshanghait worden
... Auf einem Piratenschiff in Piratengewässern und in einer Piratenwelt!
Stellt keine Fragen! Glaubt nur, was ihr seht! Nein, glaubt nicht mal die Hälfte
davon!“
Kommt
näher, meine Freunde ... Johnny Depp ist Jack Sparrow, ein aufgedonnerter,
unberechenbarer, aber auch trödeliger Kapitän, der auf der Suche ist
nach seinem verlorenen Schiff, der Black Pearl. In Port Royal macht er Zwischenstation
und rettet das Gouverneurstöchterchen (Keira Knightley) vor dem Ertrinken.
Sie war ins Wasser geplumpst, weil ein Mieder ihr die Luft abschnürte.
Was darüberhinaus die sehnsüchtigen Phantasien übers Piratenleben,
die sie seit der Kindheit erregen, bei diesem „Fehltritt“ beigetragen haben,
muss jeder Zuschauer für sich entscheiden.
Der
Film präsentiert sich jedenfalls als eine Art Kleinmädchenphantasie
– die dann eines Abends plötzlich wirklich vor der Erfüllung steht,
auf einer einsamen Insel mit Jack und ein paar Fässern Rum, was aber dann
doch nur zu einem Ersatzrausch führt. Erst muss Jack seine Rache befriedigen,
an seiner einstigen Crew und an seinem Maat – Geoffrey Rush als Barbarossa –,
der ihm im Handstreich das Schiff stahl und sich auf die Jagd machte nach einer
Kiste mit Aztekengold, auf der ein grausiger Fluch lag. Das ist ein Moment von
Verrat am Genre, dass der Film die Piraten als Zombies präsentiert, als
Untote, ohne Bezug zur wirklichen Welt. Die Sinnlichkeit war dem Genre elementar,
so scheint es auch Barbarossa zu empfinden: „Ich fühle nichts mehr“, beschreibt
er Elizabeth seine Situation, „nicht den Wind auf der Haut, die Tropfen der
Gischt ... die Berührung einer fremden Haut.“
Visuell
ist der Film bestens drauf, wie mit einem Kajalstift sind die Konturen gezogen,
die Himmel strahlen, und das Meer funkelt, die Männer- und Frauenaugen
blitzen. „Furchtlos“ heißt das Schiff, das stolz durch den Film segelt,
und das bezieht sich immer auch aufs Sexuelle. Eine direkte Verbindung gibt
es dann doch zum klassischen Genre: Bob Anderson, einer der Schwertmeister,
der Johnny Depp und Orlando Bloom instruiert hat, hat einst Errol Flynn gedoubelt,
1953, beim „Master of Ballantree“ – der zwar nur ein Drittel-Piratenfilm ist,
aber, eine weitere grandiose Connection, auf einem Stevenson-Roman basiert.
Was
dem Film freilich fehlt, ist die klassische Eleganz, der Rhythmus. Das Genrekino
war ein Kind des alten Studiosystems, geboren aus der Notwendigkeit, die reichen
Studioressourcen auch neben und zwischen den Großproduktionen zu nutzen,
durch eine unaufhörliche Kleinproduktion. Es ist dieser Reichtum, den das
arme, aber unerschöpfliche Genrekino paradoxerweise immer feiert – und
wer könnte dies besser als der Pirat, der sich außerhalb gesellschaftlicher
Produktionsprozesse bewegt, abseits von produktiver Arbeit und Ideologie. Der
Pirat karnevalisiert sich selbst, war vor dreißig Jahren in dem klassischen
Filmkritik-Heft zum Piratenfilm zu lesen, und der Piratenfilm und das Musical
sind das Traumkino par excellence. Man muss auch wirklich an Astaire denken
bei der schwebenden Bewegung, wenn Johnny Depp auf seinem sinkenden Boot an
die Mole von Port Royal ransteuert und im letzten Moment, bevor das Schiff versunken
ist, von der Spitze des Mastes sich abstoßend das Land erreicht.
Mit
Kopftuch und Rasta-Zotteln, mit Gold an den Zähnen und an den Fingern,
mit seiner traurigen, trancehaften, auch effeminierten Aura ist Sparrow der
große Antiheld des Sommers gewesen, das Gegenstück zum ordentlichen
Orlando Bloom, der Waffenschmied, der Handwerker. Erotik ist im Spiel, wenn
die zwei sich zusammentun, um das Mädchen zu retten, die Klingen ihrer
Schwerter streifen sich zärtlich, bevor sie sich ein kleines freundschaftliches
Duell in der Schmiede liefern. Das Gesunde und das Kranke, das Normale und das
Abartige, der starke und der verfaulende Körper ... „Besser, Sie fangen
an, an Geistergeschichten zu glauben. Sie befinden sich nämlich mittendrin
in einer“ – das ist ein Rat Barbarossas, der auch dem Zuschauer gilt. Regisseur
Gore Verbinski aber, der sich hier mit dem notorischen Megaproduzenten Jerry
Bruckheimer eingelassen hat, kann gut grienen. Er ist sich treu geblieben, hat
nach der Liebe-auf-der-Flucht-Komödie „The Mexican“ mit Julia Roberts/Brad
Pitt und dem Horrorstück „The Ring“ nun seinen dritten Phantomfilm vorgelegt.
Das ist, heißt es mal im Film, entweder Brillanz oder reiner Wahnsinn.
Fritz
Göttler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der:
Fluch
der Karibik
PIRATES
OF THE CARIBBEAN – THE CURSE OF THE BLACK PEARL, USA 2003 – Regie: Gore Verbinski.
Buch: Ted Elliott, Terry Rossio. Kamera:
Dariusz Wolski. Schnitt: Craig Wood, Stephen Rivkin, Arthur Schmidt. Musik:
Klaus Badelt. Mit: Johnny Depp, Geoffrey Rush, Orlando Bloom, Keira Knightley,
Jack Davenport, Jonathan Pryce. Buena
Vista International, 134 Minuten.
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