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Following
Zu
Beginn Details: Eine Hand nimmt alltägliche Gegenstände auf und legt
sie in ein Kästchen. Der Ausschnitt bleibt noch eine ganze Weile unkommentiert,
unverstanden. Bereits einige Jahre vor Memento, seinem
kleinen Meisterstück zur Technik der Narration, hat Christopher Nolan diesen
Film gedreht. Following heißt
er. Um das Folgen geht es dann auch am Anfang – wenn man in Bezug auf diese
Arbeit von so etwas wie einem Anfang sprechen kann, denn die chronologische
Erzählweise, die man gewohnt ist, sie gilt hier nicht. Der Protagonist
beginnt zwar so etwas wie eine Erzählung, er sitzt jemandem gegenüber,
dem er erzählt, wie seine Geschichte begann, aber was man sieht, das passt
nicht in eine gerade Linie. Die Erzählung springt und schlägt Kurven,
die einzigen Orientierungspunkte sind zunächst das unterschiedliche Aussehen
des Helden – mal mit blauem Auge, mal ohne, mal mit langen Haaren, dann wieder
mit kurzen. Um das Folgen also geht es, denn das ist es, was unser Protagonist
tut: er folgt beliebigen, zufällig auf der Straße ausgewählten
Passanten. Er folgt ihnen bis nach Hause oder vor die Türe ihrer Arbeit,
er folgt ihnen bei Einkäufen, Besuchen oder Spaziergängen.
Er
stellt Regeln auf, denn ohne Regeln kann er sein Spiel nicht spielen. Eine von
ihnen heißt: 'Folge nie der selben Person zweimal'. Und natürlich,
wozu sonst hätte die Regel eingeführt werden müssen, wird sie
gebrochen. Eine Person fasziniert ihn besonders, einer Person folgt er länger
als allen anderen, kundschaftet den Alltag seines Opfers aus, als wäre
er Detektiv. Wenn er dann in einem Café sitzt und derjenige, der zu seiner
Zielperson geworden war, plötzlich aufsteht, sich an seinen Tisch setzt
und ein Gespräch mit ihm beginnt, dann ist man mittendrin in einem der
wundervollsten Filmerlebnisse der vergangenen Jahre. Ein film noir, schwarzweiß
und voller dunkler Ecken, eine Erzählung voller Brüche und Wendungen,
ein Inventar an Personen, von denen man nicht weiß, ob sie die Wahrheit
sagen und was ihre Motive sein mögen und schließlich der Protagonist,
der seinen anfänglichen, distanzierten Standpunkt des Voyeurs immer mehr
aufgeben muss und hineingezogen wird in eine Kette von Ereignissen, deren Ablauf
sich völlig seiner Kontrolle entzieht.
Irgendwann
ist er zum Einbrecher geworden, der Held in Following, und
mit seinem Komplizen steht er in einer fremden Wohnung. Wenig stehlen sollten
sie, erklärt der Komplize, nichts Wertvolles vor allem, lediglich jene
ideellen Werte zerstören, in deren Mitte sich die Bewohner so sicher fühlen.
Man fragt sich, ob Hans Weingartner den Film gesehen hat, bevor er Die
fetten Jahre sind vorbei
gedreht hat, denn auch wenn die Atmosphäre des Films eine grundlegend andere
ist, so fällt einem doch die Ähnlichkeit ins Auge. Hier wie dort Einbrecher,
die in den Wohnungen ihrer Opfer nicht die Werte suchen, sondern das sicher
geglaubte Leben der Menschen zerstören wollen. Hier wie dort Täter,
die ihr Opfer zum Nachdenken bringen wollen, zum Nachdenken über das, was
sie haben und das, was sie auch wieder verlieren können. Und irgendwann
kommt sie dann wieder, jene Großaufnahme vom Beginn des Filmes, in der
die Gegenstände in ein Kästchen gelegt werden. Jeder hat so ein Kästchen,
hat der Protagonist inzwischen gelernt, eine Schuhschachtel oder eine Schale,
in der er Erinnerungen sammelt, wertlosen Plunder, der an einen besonderen Tag
zurückdenken lässt. Die ideale Beute für jemanden, der sein Opfer
dort treffen möchte, wo Geld nichts ausrichten kann.
Die
Großaufnahme ist Konzept – auch in anderen Sequenzen führt sie dazu,
dass man als Zuschauer mindestens ebenso verloren ist wie der Protagonist –
man bekommt wenig zu sehen außer vielleicht seinem Gesicht, seinen Händen,
einigen Details der Wohnungen – und man fühlt sich desorientiert, so ganz
ohne Einblick in die Architektur des Filmraumes, ganz ohne jene establishing
shots
des Hollywoodkinos. Die Hilflosigkeit des Protagonisten, die Veränderung
vom Zuschauer zum Opfer auch in die Form des Films zu übertragen ist es,
was Chrisopher Nolans Following zu
einem so großen Film macht: Die verworrenen Zeitebenen enthüllen
ihre Struktur erst, wenn es zu spät ist, und Zuschauer wie der Protagonist
in alle Fallen getappt sind, die der Film ihnen gestellt hatte. Das Spiel mit
der Chronologie ist nicht nur modisches Accessoire, sondern erlaubt es der Story,
sich weit zu entfalten, den Zuschauer tief hineinzuziehen in ihre Geheimnisse,
Abgründe und Unsicherheiten. Form follows function, jenes berühmte
und oft missverstandene Paradigma der Architektur, es gilt auch für die
Struktur eines Films, und dieser Film in dem es um das Folgen geht, er bringt
es großartig zur Vollendung.
Benjamin
Happel
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Following
Großbritannien
1998 - Regie: Christopher Nolan - Darsteller: Jeremy Theobald, Alex Haw, Lucy
Russell, John Nolan, Dick Bradsell, Gillian El-Kadi, Jennifer Angel, Nicolas
Carlotti, Darren Ormandy, Guy Greenway - FSK: ab 16 - Länge: 70 min. -
Start: 17.2.2005
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