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Fontane
Effi Briest
"Ein
zu weites Feld"
"Effi
Briest - oder:
Viele,
die eine Ahnung haben von ihren
Möglichkeiten
und Bedürfnissen und
dennoch
das herrschende System in ihrem
Kopf
akzeptieren durch ihre Taten und
es
somit festigen und durchaus bestätigen."
(Fassbinders
Untertitel zum Film)
Theodor
Fontane (1819-1898) gehört nicht nur zu den herausragenden Erzählern
der deutschen und der Weltliteratur; sein "poetischer Realismus" und
seine differenzierte Beobachtungsgabe führten ihn über die detaillierte,
oft kritische Beschreibung von Personen, ihrem Verhalten, ihrer Ausdrucksweise,
ihrer Umgebung usw. zu einer tiefgehenden, oftmals radikalen Kritik gesellschaftlicher
Konventionen. Dabei spielt die in seinen Romanen immer wieder deutlich bemerkbare
Liebe zu seiner Heimat (Neuruppin), der Mark Brandenburg, und ihren Menschen
eine besondere Bedeutung. Denn sie "verhinderte" sozusagen, dass sich
in Fontanes Kritik der sozialen Konventionen Feindseligkeit einschlich. Fontane
bleibt trotz allem seinen Protagonisten gegenüber immer verbindlich.
Dies
mag ein Grund für Rainer Werner Fassbinder gewesen sein, sich 1974 Fontanes
Roman "Effi Briest" anzunehmen. Fassbinder wollte nicht einfach einen
Roman adaptieren, eine Geschichte erzählen, sondern versuchen, sie so zu
erzählen, dass Fontanes Sicht der damaligen Zeit - wir befinden uns im
ausgehenden 19. Jahrhundert in der Mark Brandenburg - möglichst weitgehend
zum Ausdruck kommt.
Der
in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt die Geschichte der 17jährigen
Effi Briest (Hanna Schygulla), die in Hohen-Cremmen bei ihren Eltern (Lilo Pempeit,
Herbert Steinmetz) aufwächst und mit dem Landrat des Kreises Kessin südöstlich
von Rostock, dem mehr als 20 Jahre älteren Baron Geert von Instetten (Wolfgang
Schenck), verheiratet werden soll. Die junge Effi, eine lebenslustige Frau,
die etwas vom Leben erwartet, willigt in die Ehe mit Instetten ein, weil der
Baron gut und nachsichtig sei, auch wenn er als Mann von Prinzipien keine Leidenschaft
entfalte und eher kühl, zugeknöpft und allzu ernst sei.
Das
Paar zieht nach Kessin, und Effi betritt eine Welt der Langeweile, der Distanz
und der Fremdheit. Johanna (Irm Hermann), der Hausangestellte des Barons, ist
die Distanz zu Effi besonders deutlich anzumerken. Aber auch die Bekannten des
Barons wertet Effi eher als mittelmäßige Menschen ohne jegliche Besonderheiten,
die bei ihr keine Neugier wecken können. Selbst der Sängerin Marietta
(Barbara Valentin) muss Effi konstatieren, dass sie beim Singen so gefasst und
sicher wirke.
Nur
Roswitha (Ursula Strätz), eine Dienstmagd, die Effi kennenlernt und als
Kindermädchen einstellt, da sie inzwischen schwanger ist, scheint mehr
von der Welt zu kennen und ihr Leben hier und da zu genießen, etwa durch
eine Liaison mit dem verheirateten Kutscher des Barons, und den Konventionen,
wann es geht, ein Schnippchen zu schlagen. Roswitha war vor langer Zeit von
ihrem Vater gezüchtigt worden, weil sie ein uneheliches Kind erwartete.
Effie
hingegen wird in der Einsamkeit des Lebens in Kessin von Ängsten und Alpträumen
geplagt; selbst ein längst verstorbener Chinese wird für Effi zu einem
Spuk, der sie nicht mehr los lässt. Sie hört Geräusche. ... Bis
...
"Dass
Instetten sich seinen Spuk parat hielt,
um
ein nicht ganz gewöhnliches Haus
zu
bewohnen, das mochte hingehen, das
stimmte
zu seinem Hange, sich von der
großen
Menge zu unterscheiden; aber das
andere,
dass er den Spuk als Erziehungsmittel
brauchte,
das war doch arg und beinahe
beleidigend.
Und ,Erziehungsmittel',
darüber
war sie sich klar, sagte nur die
kleinere
Hälfte; was Crampas gemeint
hatte,
war viel, viel mehr, war eine Art
Angstapparat
aus Kalkül. Es fehlte jede
Herzensgüte
darin und grenzte schon fast
an
Grausamkeit."
(Fontane:
Effi Briest, 17. Kapitel)
...
bis Effi eines Tages den jungen Major Crampas (Ulli Lommel), einen alten Bekannten
des Barons kennenlernt, der sich ad hoc in die junge Frau verliebt. Der Baron,
ein viel beschäftigter Mann, bittet Crampas während seiner längeren
Abwesenheiten auf Effi aufzupassen. Und Effi und Crampas verbringen Stunden
um Stunden bei gemeinsamen Spaziergängen. Nicht nur das: Als der Major
Effis Hand leidenschaftlich küsst, fällt sie in eine angenehme und
doch wieder mit Angst verbundene Ohnmacht. Der Major meint bei einem der vielen
Gespräch, der Baron setze den Spuk, der Effi immer wieder erfasst, als
Erziehungsmittel ein - so, dass die Angst Effi in die Schranken der Konvention
verweisen solle.
Ein
Jahr sind Effi und der Baron nun verheiratet, als er zum Ministerialrat ernannt
wird. Effi schöpft Hoffnung, weil diese Ernennung mit einem Umzug nach
Berlin verknüpft ist. Sie nimmt Abschied von Crampas, aber auch von dem
Apotheker Gieshübler (Hark Bohm) aus ihrer Heimatstadt Hohen-Cremmen, der
ihr immer ein guter Gesprächspartner war.
Effi
hat noch immer Angst - aber sie empfindet keine Scham wegen ihrer Schuld angesichts
der heimlichen Treffen mit Crampas.
Als
der Baron im sechsten Jahr beider Ehe die Briefe, die der Major Effi damals
geschrieben hatte, entdeckt, will Instetten Crampas zum Duell fordern - obwohl
sein Freund Wüllersdorf ihm zunächst davon abrät ...
"Ich
finde es furchtbar, dass Sie recht
haben,
aber Sie haben recht. Ich quäle
Sie
nicht länger mit meinem ,Muss es
sein?'.
Die Welt ist einmal, wie sie ist,
und
die Dinge verlaufen nicht, wie wir
wollen,
sondern wie die andern wollen.
Das
mit dem ,Gottesgericht', wie manche
hochtrabend
versichern, ist freilich ein
Unsinn,
nichts davon, umgekehrt, unser
Ehrenkultus
ist ein Götzendienst, aber
wir
müssen uns ihm unterwerfen,
solange
der Götze gilt."
(Fontane:
Effi Briest, 27. Kapitel, Wüllersdorf zu Instetten)
Der
Baron verstößt Effi, nachdem er Crampas getötet hat. Und auch
Effis Eltern wollen ihre Tochter nicht mehr sehen. Effi akzeptiert ihr Schicksal,
zieht mit Roswitha - der einzige Mensch, der zu ihr hält - mit dem bisschen
Geld, das der Baron ihr gibt, in eine kleine Wohnung. Nur eines will sie: ihre
inzwischen zehnjährige Tochter Annie sehen. Effi, die Crampas nicht einmal
geliebt hat, akzeptiert ihre von den Konventionen her "abgeleitete"
Schuld. Als Annie sie besucht und Effi sehen muss, wie der Baron das Kind schon
in seinem Sinne abgerichtet hat, wird sie krank. Und ein Jahr später -
von den Eltern wieder aufgenommen - stirbt sie, nicht ohne Instetten verziehen,
ja sein Verhalten gerechtfertigt zu haben - an Schwindsucht. Als ihre Mutter
Vater Briest fragt, wer an alldem die Schuld trage, antwortet der alte Mann:
"Das ist ein zu weites Feld."
"Ich
habe geglaubt, dass er ein edles
Herz
habe, und habe mich immer klein
neben
ihm gefühlt; aber jetzt weiß ich,
dass
er es ist, er ist klein. Und weil er
klein
ist, ist er grausam. Alles, was klein
ist,
ist grausam."
(Fontane:
Effi Briest, 33. Kapitel, Effi über Instetten)
Eine
zumeist fast statische Kamera erfasst die Personen als Momentaufnahmen der Konvention.
Das Starre im Festgehaltenen wiederholt sich in den Spiegelungen, die Fassbinder
allerorten im Film einsetzt. Die Personen "begegnen" sich über
die Spiegelbilder des Gegenüber, was zugleich eine gewisse Distanz zum
Ausdruck bringt. Sie manifestiert sie Personifizierungen der Konvention; sie
sind nicht (mehr) sie selbst. Schließlich lösen sich etliche Szenen
in weißen Ausblendungen auf - so, als ob die unterschwelligen Konflikte,
Ängste, aber eben auch das "Unter-Drücken" des potentiell
Normabweichenden (Effie) durch eine Schneeschicht verborgen werden soll, um
die Konvention aufrechtzuerhalten.
Der
Erzähler (Fassbinder selbst) und die ab und an eingeblendeten Zwischentexte
aus dem Roman heben konzentrierte Aussagen Fontanes hervor. So entsteht ein
nahe an Fontanes Text orientiertes Bild einer vielschichtigen und zugleich (er-)drückenden
Atmosphäre, in der Effi als Mensch gezeigt wird, der seine Bedürfnisse
nach und nach der Konvention opfert. Die Internalisierung der ungeschriebenen
Gesetze der bürgerlichen Konvenienz-Ehe, der familiären Tradition,
auch im Sinne der Tradierung des sozialen Kodexes, korrelieren mit den zunehmenden
Ängsten Effis - nur zeitweise durchbrochen etwa durch die Begegnung mit
Crampas oder Roswitha - bis hin zu Krankheit und Tod.
Das
"zu weite Feld", die Unfähigkeit, manchmal auch Unwilligkeit
des die Normen internalisierenden Subjekts, die Falschheit, das Neurotische,
das wie ein Alp Bedrückende der eigenen Existenz als historisch bedingt
zu erkennen (Voraussetzung, um es zu überwinden), bebildert sich sozusagen
in der für die Protagonisten nicht sichtbaren Differenz zwischen ihren
Konventionen und der sie umgebenden natürlichen Umgebung. Die Bilder sprechen
Bände: Wie von Gott gegeben erscheinen die Natur der Mark Brandenburg und
die Natur der Menschen und ihres Verhaltens als homogene Einheit, so, als ob
sich aus der außermenschlichen, von Gott gegebenen Natur ergäbe,
was sich im Menschen tut und zu tun hat. Dieser Schein wird allerdings immer
wieder durchbrochen durch die Ängste und Alpträume Effis und ihren
inneren Widerwillen. Wie etwas unsichtbar Quälendes durchschneiden Schuld
und Sühne in fast lautloser Weise das konventionsgetränkte Geschehen
- und selbst der Baron kann seine Selbstzweifel nur schwer verbergen.
Effi,
deren Lebenslust permanent im Korsett der herrschenden Moral auf das Normierte
zurecht gestutzt wird, kann den Teufelskreis nicht durchbrechen. Ihr angepasster
Verstand und ihre normierte Vernunft obsiegen über ihre zunächst fast
ungebändigte Gefühlswelt. Ihr Herz besiegt das Kleinliche, das Kleine,
das mit Grausamkeit gepaart ist, wie sie sagt, aber ihr Verstand unterliegt
der genormten Vernunft. Dass diese Vernunft ein Fremdkörper, etwas Auferlegtes,
Anerzogenes und dann Verinnerlichtes ist, entspricht der äußeren
Entfremdung: Sie geht in die Fremde (Kessin), erlebt Fremdes, Äußerliches,
Distanzierendes - und doch ist dieses Fremde nur eine Vervollkommnung des Eigenen
(ihrer Heimat), weil es dort schon im Keim vorhanden war und zur Blüte
gekommen ist, ohne dass es ihr wirklich bewusst gewesen wäre. Ihre Erkrankung
ist "nur" die äußere Reaktion, ihr Tod "nur"
die kapitulierende Rebellion gegen eine kalte, gefühllose Umgebung, der
ihr Herz im Innersten widersteht. "Ein zu weites Feld", um es zu durchschauen,
geschweige den zu durchbrechen.
Dass
Fassbinder hier nicht "reine Zeitgeschichte" betreibt, versteht sich
im Kontext seiner Filme in deren Gesamtschau von selbst. Denn die Mechanismen,
die Fontane im Roman und Fassbinder im Film beschreiben, lassen sich im Fortgang
der bürgerlichen Gesellschaft bis in die Gegenwart immer wieder beobachten
- wenn auch unter jeweils anderen Voraussetzungen. Fontane beschreibt den Untergang
einer (preußischen, vom Adel bestimmten) Welt im Übergang zur Welt
einer aufkommenden städtischen Mittelklasse; sein Blick ist nicht der eines
Beobachters, der wild auf die im Roman gezeichneten Untergehenden verbal einschlägt,
sondern der eines literarischen Analytikers, der im herannahenden, vermuteten,
prognostizierten Neuen schon den Keim für neue Konflikte, die nur die alten
im neuen Gewand zu sein scheinen, vermutet. Instetten ist in dieser Sicht Protagonist
einer untergehenden Welt, aber weder Fontane, noch Fassbinder positionieren
ihn als Feindbild einer Geschichte, in der Effi andererseits eine Art Heldin
wäre. Ganz ähnlich wie in "Martha"
(1973/74) sind auch die vermeintlichen Heldinnen in ihrem begrenzten Horizont
befangen und gefangen und tradieren durch ihre Unterwerfung die Mechanismen
der Konvention "auf höherer Ebene"- nur eben, wenn man es in
längeren Zeiträumen denkt, durch eine Art Metamorphose der Konvention
unter anderen sozialen Bedingungen.
In
"Martha" setzen sich tief verwurzelte und tradierte psychologische
Mechanismen, die in der Außenwelt keine Entsprechung mehr zu finden scheinen,
an die Stelle der sichtbaren und ganz offen propagierten Konventionen zur Zeit
Effis. Während Martha (Margit Carstensen) durch subtile psychologische
Mechanismen ihres Peinigers Helmut Salomon (Karlheinz Böhm) zur Kapitulation
als Frau und damit als Mensch getrieben wird, benötigt der Baron lediglich
den Spuk und die Angst und den Verweis auf das vermeintlich "Natürliche"
und "Gottgegebene".
Gerade
hier stellen Fontane wie Fassbinder die schwierige Frage nach den Möglichkeiten
des Individuums, diese Befangenheit zu durchbrechen. Diese Frage, die verschieden
formuliert werden kann, manifestiert sich beispielsweise darin, in welchem Verhältnis
Anpassung und Widerstand in einem Menschen zueinander stehen und wo jeweils
eins von beiden seine "Berechtigung" haben könnte.
Die
Frage bleibt offen: "ein zu weites Feld"?
•
D V D •
Sprache:
Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildformat:
4:3
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 24. Mai 2005
Produktion:
1974
Preis:
amazon € 14,99, jpc € 16,99
Fassbinder
wäre in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veröffentlichte
Arthaus mehrere Filme des Regisseurs auf DVD, u.a. "Faustrecht der Freiheit",
"Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel" und "Fontane Effi Briest".
Bei der Bearbeitung des Filmmaterials wurden keine Mühen gescheut, und
die Arthaus präsentiert den Film in hervorragender Bild- und Tonqualität.
Neben einer Fotogalerie, dem Trailer und einer auf Texttafeln wiedergegebenen
Biografie Fassbinders enthält die DVD noch eine Dokumentation "Rainer
Werner Fassbinder" von Florian Hopf und Maximiliane Mainka aus dem Jahr
1977, ca. eine halbe Stunde lang, die den Regisseur in Interviews und Ausschnitte
aus Filmen, u.a. "Despair",
zeigen.
Insgesamt
eine gelungene DVD, die "Fontane Effi Briest" endlich wieder zugänglich
macht.
Informationen
unter:
http://arthaus.de/detail.php?id=1064&se=archiv&st1=f
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Wertung
DVD: 9 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Fontane
Effi Briest
Deutschland
1974, 140 Minuten (DVD: 135 Minuten)
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder, nach dem Roman von Theodor Fontane
Musik:
Camille Saint-Saëns, Ludwig van Beethoven, Spohr
Kamera:
Jürgen Jürges, Dietrich Lohmann
Schnitt:
Thea Eymèsz
Produktionsdesign:
Kurt Raab
Darsteller:
Hanna Schygulla (Effi Briest), Wolfgang Schenck (Baron Geer von Instetten),
Ulli Lommel (Major Crampas), Lilo Pempeit (Luise von Briest), Herbert Steinmetz
(Herr von Briest), Ursula Strätz (Roswitha), Irm Hermann (Johanna), Karlheinz
Böhm (Wüllersdorf), Barbara Valentin (Marietta Tripelli), Hark Bohm
(Apotheker Gieshübler), Rainer Werner Fassbinder (Erzähler)
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