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Die
Frau nebenan
Im Original spricht Fanny Ardant mit einer leisen
und rauhen Stimme, den Vokalen mischt sie andere bei. Eine Filmperson fragt,
ob sie aus dem Ausland wäre, und ihr Ehemann erklärt, sie wäre
aus dem Süden. Das Ausland, der Süden, mir hat man erzählt, es
wäre ein geläufiger Manierismus der Frauen aus dem 16. Arrondissement
(Paris), so zu sprechen; die bürgerliche Kostbarkeit käme hinzu. Dafür
kann man beim Synchronisieren keine deutsche Entsprechung finden. Aber etwas
anderes hätte man nicht verderben müssen: im Original gibt es sehr
viele Plansequenzen, mit denen man die Ereignisse aus der Logik ihres Ablaufs
verfolgt, der Ton, der vielleicht kein reiner Originalton ist, ist wie ein solcher
gehalten. Jetzt, in der deutschen Fassung, ist jeder Satz nahe beim Mikrofon
und klingt wie unterstrichen, als bekämen die Worte lauter Großaufnahmen.
Das ganze Verfahren eines entfernten Geschehens, aus dem der Filmerzähler
allmählich einen Sinn herausarbeitet, als ließe er die Bilder immer
wieder über ein Sieb laufen wie der Goldwäscher, ist nun nicht mehr
erkenntlich. Über diesen Film mehr in einer der nächsten Nummern der
Filmkritik, darin Gespräche mit und Texte zu Lubtchansky, Rohmer, Rivette
und Truffaut (und anderes mehr).
Auszug aus dem Gespräch mit Truffaut zu La femme d' à côté:
T.: Ja, zum
Beispiel als Bernard und Mathilde mit dem Auto fahren - sie haben sich im Hotel
getroffen, aber Mathilde wollte nicht mit ihm schlafen. Mathilde weint und Bernard
leiht ihr sein Taschentuch. Dann gibt es eine Überblendung, und Bernard
hält den Wagen auf einem waldigen Weg an, er schläft mit ihr, es ist
beinahe eine Vergewaltigung. Diese Überblendung ist eine Verlegenheitslösung.
Es gab eine Einstellung zwischen diesen beiden, die mir schon beim Drehen nicht
gefiel. Ich hätte noch einmal zwei, drei Stunden darauf verwenden können,
das nochmals zu drehen mit einem guten Anschluß, aber ich entschied mich,
daß es wichtiger war, die Energie in die Aufnahme dieser Vergewaltigung
zu stecken. Ich könnte 40 Tage drehen statt 36, aber nicht 360, also muß
ich solche Entscheidungen treffen. Ich akzeptiere die Spielregel, oder, wie
es in Kuhle Wampe
heißt: <Zweitens ist es nur ein Tag>.
F.: Was Sie Cross-cutting nennen, daß jede
Situation ein paarmal vorkommt, hat das nicht damit zu tun, daß man sich
nicht mehr traut, eine Situation zu definieren. Man sagt nicht: <Das ist
grün>, sondern: <Es ist grün, aber nicht wie Gras, eher wie
eine Flasche, obwohl Flaschen oft braun sind> usw. Was bedeutet es, daß
man sich nicht traut, die Dinge festzuschreiben, zu einer Spielregel zu machen?
In Rebecca erzählt Maxim zehn Minuten lang, wie Rebecca
zu Tode kam - nicht einmal so beim Frühstück und später etwas
anders beim Cocktail ...
T.: Wobei
das die Idee des Produzenten war. Aber sprechen wir von Rebecca - es gibt die Szene, in der sie herausfinden, daß
die tote Rebecca noch einen anderen Arzt in London gehabt haben muß. Dann
gibt es ein Hin und Her, wer mit welchem Auto fährt - ich glaube, der sympathische
Erpresser sagt: <Kann ich mitkommen?>, und der Polizist sagt: <Ich
kann Sie leider nicht dran hindern>, was unglaublich blöd ist, und dann
gibt es das Bild von zwei Autos, die über die Straße nach London
fahren. Diese Autofahrt ist ganz leer. Erst später, als Frank und Maxim
durch die Nacht fahren und das Haus Manderley brennen sehen, da versteht man,
daß die Autofahrt vorher ein Auftakt zu dieser wichtigen Szene ist. Es
fällt mir noch ein, daß es am Ende der Befragung im Lokal ein Bild
von Maxim und der Frau gibt, die im Drehbuch <I> heißt, dann eine
schnelle Überblendung, und dann sieht man noch einmal die beiden beim Verlassen
des Lokals und auf dem Weg zum Auto. Eine Verlegenheitslösung! Dabei wurde
dieser Film von 30 Leuten geplant, die die Einstellungen diskutierten und festlegten,
und ich entwerfe etwas allein ... Ich glaube, hier zeigt sich wieder, daß
es besser ist, ein paar filmisch schwache Stellen durchgehen zu lassen und sich
auf das Wichtigste zu konzentrieren. Und es zeigt sich, daß Rebecca
auch ein Film ist, der aus gesplitteten Szenen besteht, diese Erzählform
ist nichts Besonderes, sie kommt sogar bei Autoren vor, die sich viel mehr etwas
zu definieren trauen, als ich es tue.
F.: Also heißt das, daß man Filme noch
genauer studieren muß, bevor man zu Schlüssen kommen kann.
Harun Farocki
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Filmkritik, Nr. 307, Juli 1982
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
Die
Frau nebenan
LA
FEMME D'A COTE
Frankreich
- 1981 - 106 min. - FSK: ab 12; feiertagsfrei - Verleih: Concorde, Mike Hunter
(Video) - Erstaufführung: 4.6.1982
Fd-Nummer:
23268 - Produktionsfirma: Films du Carosse/TF 1
Regie:
François Truffaut
Buch:
François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel
Kamera:
William Lubtchansky
Musik:
Georges Delerue
Schnitt:
Martine Barraqué
Darsteller:
Gérard
Depardieu (Bernard Coudray)
Fanny
Ardant (Mathilde Bauchard)
Henri
Garcin (Philippe Bauchard)
Michèle
Baumgartner (Arlette Coudray)
Véronique
Silver (Mme. Jouve)
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