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Die
Frau nebenan
"Weder mit
dir, noch ohne dich"
Zwei Schüsse, kurz hintereinander. Es ist dunkel,
noch früh am Morgen. Ein Mann liegt tot auf einer Frau. Man wird sie nicht
nebeneinander begraben. Nicht einmal im Tod sind sie vereint. Nicht einmal im
Tod herrscht Frieden. Nur scheinbar. Keiner hat sie verstanden. Sie haben sich
selbst nicht verstanden. Keiner hat eine Erklärung. Es gibt keine Erklärung
für das, was geschehen ist, für das, was zwischen den beiden war.
Ein Arzt spricht von neurotischer Depression, von Flucht in die Krankheit. Aber
auch diese lehrbuchhafte Einordnung der "Krankheit" Mathildes (Fanny
Ardant) ist nicht mehr als eine hilflose Krücke, eine Scheinerklärung.
Bernard Coudray (Gérard Depardieu) lebt mit
seiner Frau Arlette (Michèle Baumgartner) und beider kleinem Sohn Thomas
in einem Haus in einem kleinen Ort in der Nähe von Grenoble. Sie scheinen
glücklich. Bernard arbeitet als Ausbilder in der Schifffahrt. In Modell-Tankern,
die den Originalen nachgebaut sind, bringt er angehenden Kapitänen bei,
wie man einen Tanker steuert. Das Haus der Coudrays, der Garten mit Schaukel
für den Kleinen - all das zeugt von Wärme, Nähe und Zuneigung.
In das Haus gegenüber, das bislang leer stand,
ziehen eines Tages die Bauchards ein. Philippe Bauchard (Henri Garcin) ist Fluglotse,
seine Frau Mathilde arbeitet an einem illustrierten Kinderbuch. Was Bauchard
und Arlette Coudray nicht wissen: Mathilde und Bernard kennen sich von früher.
Sie waren ein Paar, bis vor acht Jahren. Sie liebten sich, sie hassten sich.
Schließlich hatte Mathilde die Kraft gefunden, sich von Bernard zu trennen,
heiratete einen Mann, den sie nicht liebte, ließ sich kurz darauf wieder
scheiden und lernte dann Philippe kennen.-
Madame Odile Jouve (Véronique Silver) besitzt
einen Tennisplatz, auf dem sich vor allem am Wochenende viele Familien erholen.
Die Kinder können sich auf einem Spielplatz vergnügen, die Erwachsenen
in einem Restaurant essen und trinken und sich - geübt oder weniger begabt
- dem Tennisspiel widmen. Odile geht an einer Krücke, trägt eine Prothese.
Vor 20 Jahren hatte sie - in der offiziellen Version des Geschehens - einen
Unfall. Tatsächlich war sie in Nizza aus dem Fenster eines Hotels gesprungen.
Wie durch ein Wunder überlebte sie. Nur eines ihrer Beine überlebte
nicht. Odile war aus Liebeskummer gesprungen, weil der einzige Mann, den sie
je liebte, sie verlassen hatte wegen einer anderen. Seitdem lebt er in Neu-Kaledonien.
Odile erzählt uns die Geschichte von Mathilde und Bernard.-
Noch einmal kehrt Mathilde in den kleinen Ort zurück,
an dem sie Bernard wieder getroffen hatte, zufällig. Oder war es Schicksal?
Bernard ist aufgewacht. Eine laut klappernde Tür in dem verlassenen Haus
gegenüber hat ihn geweckt. Mit einer Taschenlampe geht er hinüber.
Und da steht diese Frau, die er geliebt und gehasst hatte, von der er nicht
lassen konnte, und von der es ihn eben auch immer wieder wegzog. Sie umarmen
sich. Sie lieben sich auf dem Boden eines der leeren Zimmer in dem Haus, in
dem Mathilde und Philippe noch vor kurzem gewohnt hatten, bevor Philippe sich
entschlossen hatte, eine kleine Wohnung in Grenoble zu mieten, um von den Coudrays
wegzukommen. Sie lieben sich. Und wie selbstverständlich zieht Mathilde
einen Revolver aus ihrer Handtasche, während Bernard auf ihr liegt. Sie
setzt den Lauf hinter sein Ohr und drückt ab. Danach setzt sie sich den
Revolver hinter ihr Ohr. So wird man sie am Morgen finden.-
Bernard scheint es äußerst unangenehm,
Mathilde nach so langer Zeit wieder zu treffen. Er lässt sich verleugnen,
als Arlette die beiden neuen Nachbarn zum Abendessen eingeladen hat. Dann trifft
er Mathilde im Supermarkt. Und beide reden von Freundschaft, von einer ganz
normalen Freundschaft, die man doch haben könne, davon, die Vergangenheit
Vergangenheit sein zu lassen. Aber dann küsst Bernard Mathilde, die ohnmächtig
wird, dann ohne ein Wort zu sagen wegfährt. Bei Odile treffen sie sich
wieder, und dann verabreden sie sich in einem Hotelzimmer, lieben sich im Auto,
trennen sich, lieben sich, trennen sich.
Erst ist es Mathilde, die Bernard nicht mehr wiedersehen
will, dann, als Mathilde, die gerade mit viel Erfolg und der Hilfe des Verlegers
Roland (Roger van Hool) ihr erstes Kinderbuch veröffentlicht hat, in einem
Gebüsch am Rande des Tennisplatzes unter Tränen zusammenbricht und
von Philippe in ein Krankenhaus gebracht wird, dann ist es Bernard, der sie
zwar besucht, aber kühl und distanziert wirkt, nachdem er kurz zuvor auf
einer Party der Bauchards ausgerastet war und alle, auch Arlette und Philippe,
von der früheren Beziehung der beiden erfahren hatten.
Zwei Schüsse beenden dieses Leid, diese Liebe,
diese Verzweiflung.-
Truffauts vorletzter Film - nach "Die letzte
Metro" (1980) und vor "Auf Liebe und Tod" (1983) - erzählt
von Leidenschaft, von Liebe, von Verhängnis, von Sucht. Wie das? Man erfährt
nur in Worten von der Vergangenheit von Mathilde und Bernard, davon, dass sie
Bernard nach der Trennung von ihm gegenüber Philippe als gewalttätig
bezeichnet hatte. Aber die Gewalttätigkeit in der Beziehung der beiden,
die nicht miteinander und nicht ohne einander leben können, ist eine zweiseitige,
eine wechselseitige. Mathilde behauptet, sie habe Bernard immer geliebt, er
aber sei in sie nur verliebt gewesen. Bernard leugnet dies. Er habe Mathilde
geliebt, immer. Beides scheint richtig. Doch Truffaut zeigt uns Bilder, Handlungen
der beiden, Dialoge, aus denen im ersten Moment eine große Leidenschaft
zu sprechen scheint, im zweiten aber sofort das Destruktive zum Vorschein kommt.
Diese doppelte Bestimmung, dieses Zerreißende macht die Beziehung zwischen
Mathilde und Bernard zu etwas für andere, ihre Umgebung Unverständliches,
ja zu etwas Mysteriösem. Nur Odile scheint beide zu begreifen, ihnen nachempfinden
zu können, weil sie in einer ähnlichen Situation gelebt hat und lebt.
Nie wieder hatte sie nach dem Sturz aus dem Fenster eine Beziehung. Und als
der einzige Mann, den sie geliebt hatte, sie besuchen kommt, reist sie für
ein paar Tage nach Paris, um ihm nicht zu begegnen.
Warum unfassbar? Mathilde und Bernard fallen übereinander
her, trennen sich, lieben sich, hassen sich. Ganz anders scheint die Beziehung
zu ihren jeweiligen Ehepartnern. Sie schienen überaus glücklich mit
ihnen. Fast könnte man Truffauts Inszenierung als einen romantischen Thriller
oder eine Romanze mit "Thrillereffekt" bezeichnen. Das Angstmachende
aber, das, was etwa seit Hitchcock Suspense genannt wird, das bis zum Zerreißen
Spannende kommt bei Truffaut in einer Weise direkt aus dem Innern der Personen,
ihrer emotionalen, psychischen Situation und Disposition, die den Schrecken,
den Horror der Geschichte fast ungreifbar werden lässt und ein Gefühl
der Trauer, der Hilflosigkeit hervorruft. Man könnte auch sagen, ja, muss
es aussprechen: Mathilde und Bernard sind nicht in den jeweiligen anderen verliebt.
Ihre Liebe ist die Liebe zur Liebe. Ihre Leidenschaft die Leidenschaft für
die Leidenschaft. Nie wird deutlich, nie sichtbar, was sie aneinander finden.
Truffaut setzt diesem Verhängnis, ein Begriff, der die Beziehung zwischen
Mathilde und Bernard vielleicht am besten kennzeichnet, die Beziehungen der
beiden zu ihren Partnern entgegen, etwa wenn Arlette kurz nach dem Einzug der
Bauchards zu Bernard sagt, man könne jetzt nicht mehr ungesehen im Garten
miteinander schlafen. In dieser Szene, in der beide lachen, flirten, sich nahe
sind, kommt zum Vorschein, was Bernard zwar lebt, aber nicht begriffen zu haben
scheint: dass er liebt, seine Frau liebt.
Das Romantische, Leidenschaftliche, die Nähe
aber zwischen Mathilde und Bernard hat deshalb etwas Destruktives, weil sie
sich nicht wirklich am jeweils anderen "festmacht". Jeder Blick, jede
Berührung zielen nicht auf den anderen, sondern auf eine Vorstellung, die
sich scheinbar im anderen manifestiert. Im Grunde kennen sich beide überhaupt
nicht. Mathilde weiß nichts von Bernard und umgekehrt. Beide sind Personifizierungen
einer romantischen Liebe, einer bedingungslosen Leidenschaft in den Augen des
anderen. Nur so ist überhaupt verständlich, wie zerstörerisch
diese Beziehung (wieder) beginnt, sich entwickelt und endet. Der Tod ist nicht
nur der Tod beider, sondern auch der Tod ihrer Einbildung, ihrer Vorstellung,
ihres Verliebtseins in die Liebe, die zu etwas Quälenden geworden sind.
Die Vorstellung von Leidenschaft, Nähe und Liebe
ist es, eben nicht eine konkrete Leidenschaft, eine gelebte Liebe, die dem Destruktiven
Raum schafft, einen Raum, der für andere ab einem bestimmten Punkt nicht
mehr zugänglich ist. Weder Arlette, noch Philippe können diesen Raum
betreten. Keine Äußerung des Verstandes, kein Argument der Vernunft
können diesen Raum auflösen, können
die Destruktionskraft bändigen.
Truffaut (1932-1984) erweist sich damit auch in seinem
vorletzten Film als ein Meister der dezidierten Beobachtung weit verbreiteter
Vorstellungen in der bürgerlichen Gesellschaft, wobei sich der Film irgendeiner
Art von Analyse oder Antwort in der Inszenierung selbst verweigert. Truffaut
ist Erzähler, einer der größten modernen Geschichtenerzähler
des 20. Jahrhunderts. Er weigerte sich, die Nähe zu seinen Akteuren, der
man sich kaum entziehen kann, dramaturgisch zu zerstören. Nein, wir sind
Bernard und Mathilde ganz nah, hautnah. Und er zwingt uns, wenn wir uns auf
die Geschichte des Films einlassen, diese quälende Nähe zu spüren.
• D V D •
Der Film ist auf DVD erhältlich.
Er ist Teil der Truffaut Collection 1, in der man noch "Die letzte Metro",
"Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent", "Die
süße Haut" und "Jules
und Jim" findet.
Der Film wurde für die DVD
neu bearbeitet. Bild- und Tonqualität sind hervorragend. Man sollte sich
allerdings den Film in Originalsprache ansehen (zur Not mit Untertiteln). Denn
die deutsche Synchronisation nimmt dem Film sehr viel von der gerade für
ihn sehr wichtigen Atmosphäre, die sich eben auch in den Originalstimmen
der Schauspieler ausdrückt.
Wertung Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat: Besonders wertvoll.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
Die
Frau nebenan
(La
Femme d'à côté)
Frankreich
1981, 106 Minuten (DVD: 101 Minuten)
Regie:
François Truffaut
Drehbuch:
François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel
Musik:
Georges Delerue
Kamera:
William Lubtchansky
Schnitt:
Martine Barraqué
Darsteller:
Gérard Depardieu (Bernard Coudray), Fanny Ardant (Mathilde Bauchard),
Henri Garcin (Philippe Bauchard), Michèle Baumgartner (Arlette Coudray),
Roger van Hool (Roland Duguet), Véronique Silver (Olive Jouve), Philippe
Morier-Genoud (Arzt)
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