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Freakstars
3000 – Der Film
Menschliche
Harmonie: Freak Out and: Cast? Away!
To
be or not to be?
Diese
Frage entscheidet sich heute international am Schirm. Wer drin ist, lebt. Wer
davor sitzt, sitzt im Schatten, ist lediglich sekundäres Konsumtionsgerät,
aber ist das ein Leben? Andy Warhols Prophezeiung, irgendwann werde jeder einmal
15 Minuten lang berühmt sein, ist natürlich nicht eingetreten, aber
dass fast jeder es einmal sein möchte, und heute mehr denn je, beweisen
die Menschen, die freiwillig sich selbst, ihre exemplarische Schönheit
oder Hässlichkeit, ihre privatesten Standpunkte und ihre häuslichsten
Konflikte und Dilemmata in Nachmittagstalkshows über Fernsehland Deutschland
ausbreiten (als würde tatsächlich die öffentliche mediale Verhandlung
ihren Meinungen und deprimierenden Verhältnissen mehr Realität, Wichtigkeit,
ja tragische Qualität verleihen; so als seien Oliver und Vera Richter einer
höheren Instanz - obwohl sie juristische und psychologische Laien sind,
gut im Plauderton, im Ausstellen und im Anreizen, uninteressiert an der Erörterung
und Lösung von Problemen), das beweisen die Leute, die sich inzwischen
ganzjährig in mit Gittern geteilte Container sperren lassen, um Dauer-Reality-TV
sein zu dürfen, und das beweisen die Schlangen tausender Jugendlicher,
die alljährlich in den größeren Städten die „Super“- oder
„Pop“– „Star“- „Castings“ von RTL, SAT 1 oder gar von dem öffentlich-rechtlichen
ZDF bestürmen.
Das
Fernsehen ist die neue gottgleiche Instanz, die die Menschheit in zwei Klassen
teilt: was heraus kommt, ist hell und heilig und das Empfangende ist ehrfürchtig,
gläubig und neidisch, weil nicht mit Sein belohnt wird, wer nicht zu sehen
ist.
Die
wichtigste und maßgebliche Qualität der neuen Erleuchtung ist es
zunächst, beleuchtet
und im Bild zu sein. Vielen reicht das, auch vielen Talentfreien, die sich in
den Castings zu „Popstars“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ 30 Sekunden
lang auslachen lassen, um einmal dabei (das heißt: einmal zum Leben erweckt)
gewesen zu sein. Die höchste Weihe, die Unsterblichkeit im medialen, d.h.
im wirklichen, Leben aber verspricht das Sein als „Star“. Augenfällig dabei:
Ein Pop-Star, also eine singende und tanzende Berühmtheit, so wird geglaubt,
sei herzustellen wie etwa ein Auto, aus gutem Material und mit professionellem
Know-How einer Producer-Gemeinschaft. Die Castingrunden, also das Training im
Singen (das aktuell bestverkauften Gesang zu imitieren hat), im Tanzen (das
an praktizierten Kampfsport erinnert ), im Kleiden (die Kids müssen so
aussehen, als wären sie gerade aus dem Ottokatalog gefallen), und im Schönsein,
also im nivellierten Aussehen, was, wenn man es nicht mitbringt, (also wenn
man es noch nicht im Vorfeld durch präpubertäre Nasen- oder Brustmanipulationen
erzwungen hat), in Ausnahmen durch verzeihliche Abweichung, d.h. Originalität,
aber bitte nur harmlose, ausgeglichen werden kann (Küblböck), sind
dabei die Waffenschmiede, die High-Tech-Gun-Manufakturen, und jeder ihrer Stars
ein todbringender Erfolg. So wird's kolportiert....
„Stars“,
in unserer Zeit, sind durchgeplante, hochleistungsfähige singende Models
mit 150prozentiger Anpassungsbereitschaft, die KEIN besonders eigenes Wesen
haben, die KEINE zu eigenen Vorstellungen oder gar etwa musikalische Ideen haben
dürfen, da sie sonst nicht mehr für den Markt kalkulierbar wären.
Aber „Typen“ sollen sie sein: , „Typen“, also Menschen-Marken: wie die Exotische,
der Blonde, Sensible, der toughe Latino, etc. like seen on MTV (und like seen
in der Fernsehwerbung, deren schöne Menschen von „Popstars“ manchmal nicht
mehr zu unterscheiden sind - oder andersrum, denn auch Musikvideos sind Werbung).
Weinen können müssen sie schon, denn sonst sind sie nicht publikumswirksam,
sonst würde „Popstars“ als TV-Fomat nicht funktionieren, das sich durch
die immer wiederkehrende, alles bestimmende Entscheidung konstituiert: Wer kommt
in die nächste Runde? Wer kommt am Ende in die „Boy- oder Girl- oder Mix-Group“,
deren Name, genauso wie deren musikalisches Konzept bis zum Ende geheim bleibt?
Darwin mit seinem survival
of the fittest
nimmt sich gegen jemand wie Popstar-Jurymitglied Detlef „Dee“ Soost aus wie
eine Krabbelgruppenmutti. Denn Soost vereint militärische Härte mit
wirtschaftspsychologischer und mediengerechter Skrupellosigkeit: Wie er und
die Jury die Kandidaten in die seelische Schraubzwinge nimmt, sie zunächst
glauben lässt, sie seien ausgeschieden – jede ihrer Tränen wird dabei
von den Kameras verfolgt – um ihnen dann, nach dem sichtlichen Genuss der eigenen
zerstörerischen Macht, im Genuss der eigenen gnädigen Macht zu sagen:
„Du bist dabei!“, was heißt: „Du bist vermarktbar!“. Das ist ideelles
Zusammentreffen von Sadismus und Masochismus unter der final akzeptierten Ägide
von Werten der Leistung, der Oberfläche, der Austauschbarkeit, der Leere
und des Marktes: Die Show „Popstars“ spiegelt die reine Religion des Spät-Kapitalismus.
Und deshalb ist „Popstars“ auch die Höhe der zeitgenössischen Unterhaltung,
das postmoderne klassische Drama der Präklonen.
Enfant
Terrible, Aktionskünstler, Film-, Theater-
und nun auch Wagner-Opern-Regisseur Christoph Schlingensief ist jemand, der
aufmerksam fernguckt. Und er hat die Gabe, Phänomene des öffentlichen
Lebens zu transferieren, sie in neue, scheinbar ihnen fremde Zusammenhänge
zu stellen, in denen sie (und wir, das Publikum) beginnen, neu über ihre
(und unsere) politische und kulturelle Wirklichkeit zu sprechen. Schlingensief
wertet oder bewertet nicht die mediale und politische Wirklichkeit, er analysiert
sie nicht, um sich von ihr distanzieren zu können, um sie dingbar zu machen
und verdinglichen zu können. Denn ihre Funktionalität scheint für
ihn nur begreifbar, wenn er in sie hineingeht, sich von ihr und ihren komplexen
und widersprüchlichen Bewegungen bewegen lässt. Und er besitzt Antennen
für dissonante Spitzen, für seismografische Peaks, und Fühler
für schlammige Untiefen dieses wirren medialen, politischen und sozialen
Konzerts. Nach ihnen greift er, sie knotet er zusammen und aus ihnen macht er
Kunst.
Schlingensief
guckt fern und er hat ein Herz für Randständige. In seiner TV-Show
Talk
2000
Ende der Neunziger forderte er jeden Gast auf, ein paar Worte der Ermutigung
an die „6 Millionen“ Arbeitslosen zu richten. Eines der Hauptziele seiner Partei
(und Aktion) Chance
2000 war
es, so viele Arbeitslose zum Schwimmen im Wolfgangsee zu versammeln, dass der
Wasserspiegel auf die Höhe von Helmut Kohls dortigem Ferienhaus ansteigt.
In seiner Wiener Container-Aktion Ausländer
raus!
paraphrasierte
er nicht nur das Fernsehformat Big
Brother,
er lenkte auch die öffentliche Aufmerksamkeit auf die gängige Praxis
im Umgang mit Migranten.
In
der Castingshow Freak
Stars 3000,
die, nach einer Idee Schlingensiefs, ganz nah am Vorbild „Popstars“ gebaut war,
versammelten sich einige (im Neudeutschen heißt das jetzt:) „Gehandicapte“,
zum Teil schon länger mit ihm befreundete und auch an älteren Projekten
maßgeblich beteiligte geistig oder körperlich Behinderte, um Freak
Stars
zu werden. Schlingensief spielte einen von mehreren Castingexperten und Regisseur
Hans-Joachim Paczensky drehte die sechsteilige TV-Serie á 30 Minuten,
die im Sommer 2002 auf VIVA über den Schirm ging, also real wurde. Die
Highlights dieses Programms fasste Schlingensief später in seinem Freakfilm
zusammen. Alternativtitel: Freak
Stars 3000 – Der Film.
Was
Schlingensief hier anzettelt, ist natürlich klar: Er ersetzt die Elite
der singenden, tanzenden und Weinen könnenden Model-Teenies durch menschliche
Wesen, die medial weitgehend tabuisiert sind, weil sie nicht so sind - und noch
schlimmer sogar -, weil sie nicht so werden können, wie man eben sein muss
in unserer Arbeits-(Star-)welt: Jung, wendig, flexibel, angepasst. Das also,
was ständig aus dem Schirm herausbricht, die Normvorgaben der Schönheit
und der Kriecherei, wird vertauscht mit dessen Gegenteil, mit echten Gesichtern,
mit dem Inbegriff des Unanpassbaren, der schlechthinnigen Autarkie und Originalität,
mit dem, was nicht nur Starverbot hat, sondern auch Gesellschaftsverbot und
normalerweise
am liebsten in Heimen gesehen wird, weil es dort nicht mehr zu sehen ist. Aber
doch nicht im FERNSEHEN!
Was
unsere lieben behinderten Mitbürger aber hier anzetteln, übersteigt
- zumindest meine - kühnsten Erwartungen: Soviel Spaß, Dramatik,
Lebendigkeit, und soviel professionelles Entertainment habe ich lange nicht
mehr erlebt. Jeder einzelne von ihnen übertrifft die normalen Schauspieler,
die ja auch dabei sind, wie die immer göttliche Irm Hermann, noch um Längen.
Und SIE WISSEN, WAS SIE TUN! Die Show ist alles gleichzeitig: Dadaismus, Anarchie,
aber auch die pure Substanz des TV in allen seinen Bereichen. Denn neben dem
Hauptact gibt es ganz fernsehgerecht als Auflockerung Dauerwerbespots, Politische
Talkrunden, Die FREAK-MANN-Talkshow (mit u.a. dem bei Schlingensief stets unvergessenen
A. Hitler als Talkgast) und sicherlich habe ich was vergessen, weil es einfach
so toll viel ist! Bei allem aber merkt man, dass sich hier wirklich keiner ausbeuten
ließ, damit er sich nen neuen Rolli kaufen kann. Wer nur eine kleine Antenne
für menschliche Harmonie hat, der spürt die bei Christoph und der
spürt die bei seinen Mitwirkenden.
Natürlich
wird die Filmkritik nie dem Film gerecht. Und Schlingensief-Filme haben regelmäßig
frustrierte Kritiker in den Verriss getrieben, weil man Schlingensief-Filmen
ganz schlecht gerecht werden kann (wahrscheinlich will er auch gerade KEINE
Gerechtigkeit), denn sie sprengen zunächst einmal das Rezeptionsvermögen
und überfordern den Bastelkasten der Standardkritik. Auch mir ist das hier
geschehen. Ich kann deshalb zwar jetzt noch sagen, dass für die Freaks
im Titel die Freaks
von Tod Browning eine Rolle gespielt haben könnten, denn das ist auch ein
Film, in dem die Normalen die Unnormalen (weil die Bösen) sind und die
Stars die Behinderten. Auch dass die Hippies in Woodstock
sich selbst am liebsten eher als Freaks bezeichnet haben, ist mir eingefallen,
und dass ich irgendwann auch mal so was war. Und dann hab ich wieder an den
Film Idioten
gedacht, weil da das Glück auch in der geistigen Unangepasstheit liegt.
Aber das ist nur wieder so ein pseudointeressantes Gewäsch, wie einiges,
was ich hier schon geschrieben habe. Am liebsten würde ich jetzt aufhören
und ein Freakstar sein, und so viel Spaß dran haben, wie die Kollegen
im Film. Ja, das will ich!
Andreas
Thomas
Zu diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Texte
Freakstars
3000
(D
2004)
Regie:
Achim von Paczensky
Idee
und Drehbuch: Christoph Schlingensief
Produzenten:
Christoph Amshoff, Frieder Schlaich
Kamera:
Meika Dresenkamp, Dirk Heuer
Schnitt:
Robert Kummer
Länge:
75 min
Produktion:
Filmgalerie 451 [de]
Darsteller:
Werner
Brecht
Susanne
Bredehöft
Mario
Garzaner
Horst
Gelonneck
Kerstin
Graßmann
Irm
Hermann
Brigitte
Kausch
Helga
Stöwhase
Achim
von Paczensky
Christoph
Schlingensief
auf video oder dvd erhältlich ist der film bei: http://www.filmgalerie451.de
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