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Der
freie Wille
Näher ran
Ausgerechnet Theo. Den Namen eines der beliebtesten
Helden des jungen deutschen Kinos,
eines Inbegriffs filmischer Dynamik, muss der Held dieses Films von Matthias
Glasner tragen. Ausgerechnet Theo, und dann auch noch Theo Stoer. Theo hat einen
Job als Küchenjunge, in einer kleinen deutschen Stadt an der Ostsee. Er
ist denkbar frustriert, unbeherrscht, erregbar, gewalttätig. Das alles
zeigt sich gleich in den ersten Minuten des Films. Theo schmeißt hin,
rast hinaus ins Freie, trifft eine einsame Radlerin in den Dünen, packt
sie, bindet sie, schlägt sie, vergewaltigt sie. Die Kamera bleibt viele
Minuten lang nah dran.
Es ist eine harte Szene, die den Film prompt ins
Gespräch gebracht hat – damals im Februar, als er auf der Berlinale im
Wettbewerb lief, und eigentlich auch schon Tage davor. Der erwartete Skandal
blieb aus, aber seine Da-muss-man-durch-Attitüde trägt der Film seitdem
energisch vor sich her – was für die Zuschauer gilt, einerseits, aber auch
für die Filmemacher. Immer wieder ist, wenn sie von diesem Projekt sprechen,
von Entschlossenheit die Rede, vom Mut, eine Vergewaltigungsgeschichte zu erzählen
und die Opfer darin zu ignorieren, ihre Bereitschaft, sich auf den Täter
zu konzentrieren und den Blick dabei keinesfalls abzuwenden. Das ist ein wenig
wie das Singen im Wald, um eigene Bedenken zu vertreiben – eine merkwürdige
Unsicherheit angesichts dessen, was das Kino kann und soll. Gerade weil jeder
sich hier vor Spekulation hüten will – die doch wesentlich zum Kino gehört
–, fällt der Film immer wieder ins Spekulative.
Theo muss in den Maßregelvollzug, wo er neun
Jahre behandelt wird. Danach wird er wieder freigelassen, wird einem Betreuer
zugeteilt, versucht sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, das heißt
vor allem seinen Körper – durch Krafttraining, Kampfsport, Klimmzüge.
Er kriegt einen neuen Job, in einer Druckerei, wo er dann Nettie begegnet, der
Tochter des Chefs. Die sieht sich von ihrem Vater stark unter Druck gesetzt,
in einer Beziehung zu Theo sieht sie die Möglichkeit einer Befreiung. Für
Theo könnte es eine Chance sein, seinen Trieb zu beherrschen. Aber die
Phantome werden nicht verschwinden, sie lauern überall, übergroße
laszive Plakate mit Frauen an den Wänden. Am Ende bleiben viele Fragen
offen: Soll man nun Verständnis haben für den Täter, sein Getriebensein,
seine Masturbationsexistenz? Was sagt uns der Film über Liebe, die Freiheit
des Willens, Erlösung? Und welche Rolle spielen die Frauen in dieser Welt
– schlagen sie am Ende eines Tages zurück?
Die Einsamkeit des Triebtäters ist inszeniert
als ein Horrortrip. Aber dieser Inszenierung fehlt die Präzision und eine
klare Vorstellung, wie Kinoerzählen funktioniert, deshalb schwankt er immer
wieder von der Analyse einer gesellschaftlichen Situation ins schrecklich allgemein
Menschliche – wo sich Jürgen Vogel dann völlig verausgabt. Ein Film,
der sich am Ende hinter Parolen und Ankündigungen versteckt, einem Dickicht
des Gutgemeinten. Und der ein wenig frivol das Prinzip der Unmittelbarkeit preist,
den instinktiven Zugang. "Instinktiv fühlte ich: Reines Handwerk führt
jetzt nicht weiter, aber wenn wir das durchleben, dann kommen wir näher
ran." Nicht durch seine Exzessivität verliert "Der freie Wille"
seine Glaubwürdigkeit, sondern durch solche Sätze seines Regisseurs.
Kein amerikanischer B-Film-Regisseur würde derart respektlos von seinem
Handwerk reden.
Das Handwerk des Erzählens, das ist auch eine
Frage der Distanz und Diskretion. Die beiden Hauptakteure sind viel zu nah dran
am Geschehen, Jürgen Vogel als Theo und Sabine Timoteo als Nettie, und
ihr emotionales Involvement führt schließlich ins Heulen und Schluchzen,
zu schlimmen Momenten der Selbstdarstellung. Jürgen Vogel ist mit Leib
und Seele dabei – die Effekte solchen Aus-dem-Bauch-Spielens kann man gerade
auch in "Emmas
Glück" erleben, und ein
paar weitere Filme stehen in diesem harten Herbst noch bevor. Mit Method -Acting
– wie es bisweilen zu lesen war – hat das ziemlich wenig zu tun, das ist eine
sehr konzentrierte, im Grunde sehr artifizielle Angelegenheit. Man kann den
Unterschied ganz gut beobachten in den Szenen mit Manfred Zapatka – er spielt
Netties Vater, mit kühlem Verstand und Interesse an der Figur. 1983 hat
er einen knallharten Zuhälter verkörpert in "Utopia" von
Sohrab Shahid Saless, das war ein wirklich verstörender, kluger Film über
die Unterdrückung der Frauen, über Gewalt gegen Frauen und unseren
Blick darauf.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Süddeutschen Zeitung
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
Der
freie Wille
D
2006 – Regie: Matthias Glasner. Buch: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen
Vogel. Kamera: Matthias Glasner. Schnitt: Mona Bräuer, Julia Wiedwald.
Mit: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Manfred Zapatka, André Hennicke,
Judith Engel, Frank Wickermann, Andreas Laurenz Maier, Anna Brass, Bernadette
Büllmann, Anna De Carlo. Kinowelt, 163 Minuten.
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