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Der
Fremde im Zug
Fremdes
und Eigenes
Ein
Mann lässt sich von seiner Mutter die Fingernägel schneiden – und
hasst seinen Vater abgrundtief. Er träumt davon, etwas Großes zu
tun; er will im Leben nichts, aber auch gar nichts auslassen. Bruno Anthony
(Robert Walker) heißt der Mann und ist etwa 40 Jahre alt. Seine Mutter
(Marion Lorne) ist eine jener Mütter, für die ein Sohn immer der kleine
Bub bleibt. Bruno schwankt gegenüber seiner Mutter zwischen inniger Abhängigkeit
und Verachtung.
Ein
anderer Mann ist tief enttäuscht. Seine Frau Miriam (Kasey Rogers) bekommt
ein Kind von einem anderen. Schon lange will sich Miriam scheiden lassen; doch
nun, als der junge Mann namens Guy Haines (Farley Granger) Erfolge als Tennisspieler
hat, hat Miriam es sich anders überlegt. Sie lehnt die Scheidung ab, die
Guy nun will, der sich in die Tochter eines Senators, Anne Morton (Ruth Roman),
verliebt hat, die er heiraten will. Guy ist wütend.
Zwei
Wagen halten am Bahnhof. Zwei Männer steigen aus. Man sieht nur ihre Schuhe
und Hosen. Der eine hat weiße Schuhe mit schwarzem Besatz an. Die Hosen
sind zu kurz. Der andere trägt dunkle Schuhe. Beide eilen zum selben Zug.
Beide setzen sich an einen Tisch, stoßen mit den Füßen zusammen.
Erst jetzt sieht man Guy und Bruno ganz, die sich in die Augen schauen. Bruno
spricht Guy an. Bruno ist auf eine fast freundliche Art aufdringlich, fragt
den bekannten Tennisspieler aus, weiß schon einiges über ihn und
erfährt noch mehr. Obwohl Guy eigentlich nicht will, nimmt er die Einladung
Brunos an, in dessen Abteil zusammen zu essen. Im Restaurant ist nämlich
kein Platz mehr frei.
Bruno
redet. Gezielt lenkt er Guys Aufmerksamkeit auf dessen Problem: die Scheidung
von Miriam, die nicht erfolgen kann, solange sie nicht einwilligt. Bruno spricht
vom perfekten Mord, einem „Austausch-Mord”. Guy soll sich vorstellen, er bringe
Brunos Vater um und Bruno Guys ungeliebte Frau. Die Probleme beider wären
gelöst, und keiner würde in Verdacht geraten, da niemand wisse, dass
beide sich kennen. Guy hält dies für einen makabren Scherz und scherzhaft
tut er so, als ob er mit diesem „Austausch-Mord” einverstanden wäre, als
er in Metcalf aussteigt, um Miriam dazu zu bewegen, sich endlich von ihm scheiden
zu lassen.
Kurze
Zeit später findet man auf einem Rummelplatz Miriam – erwürgt. Für
Guy beginnt ein Alptraum. Die Polizei verdächtigt ihn, sich der lästigen
Frau entledigt zu haben. Seinem Alibi schenkt man wenig Glauben. Nur Anne, ihr
Vater (Leo G. Carroll) und ihre vorlaute, aber sympathische Schwester Barbara
(gespielt von Hitchcocks Tochter Patricia) halten zu Guy. Der wird nicht nur
auf Schritt und Tritt abwechselnd von zwei Polizisten beobachtet. Auch Bruno
passt ihn ab, gesteht ihm den Mord an Miriam und fordert nun seinerseits, Guy
solle seinen Part der angeblich beiderseitigen Vereinbarung erfüllen und
Brunos Vater ermorden.
Hitchcocks
„Strangers on a Train” (mit dem verfälschenden deutschen Titel „Der Fremde
im Zug”) ist eine – nach einem Roman von Patricia Highsmith entstandene – exzellente
Studie über die verborgenen „negativen” Gefühle, vor allem Hass und
daraus resultierende Mordgedanken, in uns allen. (Psychologische) Spiegelung
spielt bei Hitchcock oft eine Rolle, und in diesem Film setzt er sie visuell
glänzend um. Den Mord an Miriam z.B. sehen wir durch ein Glas ihrer auf
den Boden gefallenen Brille. Spiegelung meint vor allem die Verdopplung des
Guten und Bösen in einem Menschen in zwei verschiedene Personen – Guy und
Bruno. Bruno ist sozusagen das personifizierte Böse Guys – vice versa.
Bruno drückt zunächst einmal nichts anderes aus als den inneren Wunsch
Guys, Miriam endlich los zu werden, von ihr, ihrer Untreue, ihren Rachegefühlen
befreit zu werden. Weil Guy dabei nicht einmal an Mord auch nur denkt, muss
es sein Alter Ego aussprechen. Bruno kennt keine Grenzen, etwas zu denken, etwas
zu sagen und etwas zu tun.
Das
alles funktioniert allerdings nur durch eine Art teuflichen Pakt. Dass Guy Brunos
„Vertragsangebot”, Mord gegen Mord, als makabren Scherz versteht, deutet auf
die ethische Integrität des Guten in ihm, spielt aber für Bruno keine
Rolle. Er fordert Vertragserfüllung, taucht auf einem Fest der Familie
Morton ungeladen auf, legt seine Hände um den Hals einer älteren Dame
und erschrickt, als er Barbara sieht, die eine ähnliche Brille mit dicken
Gläsern trägt wie Miriam. Auch in Bruno ist nicht alles vollkommen
negativ. Das Gute ist in ihm in eine Art Panzer gesperrt, zu dem sozusagen der
Teufel die einzigen Schlüssel besitzt. Nach dem Mord hilft Bruno – als
wenn es nichts Selbstverständlicheres gebe – einem älteren blinden
Mann über die Straße – so, als ob sich das eingesperrte Gute für
einen Moment lang unbewusst Bahn in ihm brechen wollte.
Die
Spiegelung allerdings bezieht sich noch auf andere Personen. Miriam als böse
Ehefrau hier, Anne als gute Ehefrau in spe dort. Dazwischen fungieren Barbara
und in gewisser Weise auch die Polizei als Mittler, als Sucher nach der Wahrheit,
als Kontrolleure des Geschehens, die jedoch überhaupt nichts unter Kontrolle
haben. Sie stehen gewissermaßen als mehr oder weniger hilflose „Moderatoren”
neben dem (emotionalen) Geschehen. Nur Guy selbst kann den „Fall” letztendlich
lösen.
Miriam
ist tot. Guys Hochzeit mit Anne scheint nichts im Wege zu stehen – außer
dem schlechten Gewissen, den Gewissensbissen des Mitwissers am Mord, Guy, der
niemandem über die Existenz Brunos und seine Täterschaft erzählen
darf, weil er sonst gar als Auftraggeber des Mordes verdächtigt würde.
Bruno dagegen ist in einer ähnlich misslichen Lage. Denn Guy weigert sich,
Brunos Vater zu erschießen. Das ganze „Komplott” des Bösen gerät
in Gefahr zu scheitern.
Die
Auflösung dieses äußeren wie inneren Konflikts personalisiert
sich u.a. in Anne. Sie entdeckt die Wahrheit. Doch Bruno, ob nun gesehen als
Personifizierung des Bösen von Guy oder als „Anderer”, als Psychopath,
hat einen Trumpf im Ärmel: das Feuerzeug Guys mit dessen Initialen. Dieser
Trumpf unterstützt Bruno scheinbar bei seiner Absicht, Guy zum Mord zu
bewegen.
Hitchcock
drehte zwei Szenen des Films in verschiedenen Versionen. Die eine Szene: Guy
erklärt sich plötzlich bereit, Brunos Vater des nachts zu erschießen.
Man sieht ihn in das Haus eindringen, bis er vor der Tür des väterlichen
Schlafzimmers steht. In der letztendlich veröffentlichten Version dieser
Szene spürt man instinktiv, dass Guy Brunos Vater nur vor seinem Sohn warnen
will. In der anderen Szene ist dies nicht so klar; dort entsteht ein eher zwiespältiger
Eindruck (wird er, oder wird er nicht?). Die zweite Szene ist die Schlusssequenz
des Films. Der Film endet nicht mit einem Telefonat zwischen Guy und Anne und
deren strahlendem Lächeln. Die letzte Szene spielt in einem Zug. Anne und
Guy gegenüber sitzt ein Pfarrer, der Guy fragt, ob er nicht der bekannte
Tennisspieler sei. Guy will schon freundlich antworten, doch dann erinnert er
sich an seine letzte Zug-Bekanntschaft, Bruno, steht mit Anne auf und verlässt
das Abteil. Eine jener typischen ironisierenden Schlussszenen Hitchcocks, in
der er den Ernst der Geschichte humorvoll auflöst.
Erwähnt
sei schließlich Hitchcocks Vorliebe für Geschichten, die in Zügen
spielen. Die Widersprüchlichkeit zwischen dem „sicheren” Reiseweg von A
nach B wird durch die entsprechende Geschichte konterkariert: Als Guy Bruno
über den Weg läuft, ändert sich sein ganzer Lebensweg. Der Zug
fährt nach Metcalf, aber Guy kann Bruno nicht entkommen. Der Zug, der Wege
öffnet, schließt doch zugleich Fluchtmöglichkeiten aus.
Ein
besonderes Lob gilt Robert Walker, der kurze Zeit nach Fertigstellung des Films
während der Dreharbeiten zu seinem nächsten Film verstarb und der
Bruno Anthony in beispielhafter Weise als Inkarnation des grenzenlos Bösen
spielt, aber dennoch zugleich als einen Mann, dessen Gefühle man durchaus
nachvollziehen kann. Gerade in dieser schauspielerischen Leistung wird das Nebeneinander
von Gut und Böse zu einem Tatbestand des eigenen Inneren.
DVD
Der
Film ist jetzt in einer zwei DVDs enthaltenen Box erschienen, die übrigens
auch in der von Warner Bros. herausgegebenen Alfred Hitchcock Collection erschienen
ist (neben „Der falsche Mann”, „Die rote Lola”, „Ich beichte”, „Bei Anruf: Mord”
und „Der unsichtbare Dritte”). Warner Bros. ist mit dieser Edition ein Glanzstück
gelungen. Nicht nur sind Bild und Ton mehr als zufriedenstellend. Die DVDs enthalten
gleich drei Versionen des Films. Die 93 Minuten lange deutsche Fassung, die
97 Minuten lange US-Version und eine 103 Minuten dauernde sog. Preview-Version,
die, bevor der Film in die Kinos kam, nur ein paar Mal wenigen Leuten gezeigt
und 1991 wiederentdeckt wurde.
Doch
nicht nur das. Das Bonusmaterial umfasst neben einem Audio-Kommentar von Regisseur
Peter Bogdanovich, Psycho-Drehbuchautor Joseph Stefano und Highsmith-Biograph
Andrew Wilson ein Making Of, in dem neben den Genannten auch Patricia Hitchcock,
Farley Granger, Robert Walkers Sohn, Filmhistoriker u.a. zu Wort kommen, die
Interessantes zu „Strangers on the Train” zu erzählen wissen. In einem
weiteren Featurette erzählt Kasey Rogers darüber, wie sie zur Rolle
der Miriam kam, wie sie mit Hitchcock arbeitete usw. Regisseur M. Night Shayamalan
– verständlicherweise ein Hitchcock-Fan – interpretiert den Film in einem
weiteren Extra. Man findet zudem Archivaufnahmen, wahrscheinlich aus den 20er
und 30er Jahren, die Hitchcock, seine Frau und ihre Kinder privat zeigen. Dieses
Featurette wird von den Enkelinnen des Suspense-Experten kommentiert.
Insgesamt
also eine vollauf gelungene Edition. Bei amazon kostet die Doppel-DVD derzeit
(25.2.2005) € 21,99, bei jpc € 19,99. Die o.g. Box bekommt man für € 59,-.
Für Hitchcock-Liebhaber ist diese Box sicherlich einem Einzelkauf vorzuziehen,
da sie auch noch drei andere weniger bekannte Filme des Meisters enthält.
Wertung
Film und DVD: 10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Der
Fremde im Zug
(Strangers
on a Train)
USA
1951, 93 (dt. Version), 97 (US-Version), 103 (Preview-Version) Minuten
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Raymond Chandler, Whitfield Cook, Ben Hecht, Czenzi Ormonde, nach einem Roman
von Patricia Highsmith
Musik:
Dimitri Tomkin
Director
of Photography: Robert Burks
Montage:
William H. Ziegler
Produktionsdesign:
Ted Haworth, George James Hopkins
Darsteller:
Farley Granger (Guy Haines), Ruth Roman (Anne Morton), Robert Walker (Bruno
Anthony), Leo G. Carroll (Senator Morton), Patricia Hitchcock (Barbara Morton),
Kasey Rogers alias Laura Elliott (Miriam Joyce Haines), Marion Lorne (Mrs. Anthony),
Jonathan Hale (Mr. Anthony), Howard St. John (Capt. Turley), John Brown (Prof.
Collins), Robert Gist (Leslie Hennessy)
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0044079
©
Ulrich Behrens 2005
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