zur
startseite
zum
archiv
Die
freudlose Gasse
Die düstere Straße
eines Wiener Elendsquartiers; die Schlange vor einem Fleischerladen. Blick in
die Wohnung eines verarmten Hofrats. Im Hotel Carlton: das Milieu der Millionäre
und Spekulanten. Gier nach Reichtum, Gier nach schnell stimulierter und ebenso
schnell befriedigter sexueller Lust: die Perversionen des Geldes entstellen
die Gesichter. „Die freudlose Gasse“ ist ein Film der Ortsbesichtigungen, wechselnd
zwischen materieller Not und protzendem Luxus, den Orgien der Schönen und
Reichen - und der stoischen Passion der Erniedrigten und Beleidigten. Parallelmontagen
verbinden und kontrastieren die extremen Oberflächen des Kapitalismus,
verklammern den Widerspruch zur bildhaften Formel. Hausse und Baisse schlagen
wie Blitze ins Leben der Menschen ein; der finanzielle und der moralische Ruin
sind zwei Seiten einer Medaille. Frauen werden in dieser Welt wie Stückgut
bewegt - eine Ware freilich, die unkalkulierbar bleibt wie die Aktie, die über
Aufstieg und Absturz entscheidet.
Dem Schnitt aus dem Etablissement
der Reichen ins Milieu des Hungers hat der Regisseur ein Schriftinsert vorangestellt:
„Jetzt werden Sie das Nachtleben von Wien sehen!“ Pabst ist in seinem dritten
Film Genremaler und Ankläger in einer Person, Bänkelsänger seiner
sozialkritischen Botschaft, der wie ein Schausteller belehrend auf seine Bildtafeln
zeigt. Sein Stilmittel ist die krasse Gegenüberstellung: Oben und Unten,
Arm und Reich - so versucht er, das Chaos der Inflationszeit nach dem Ersten
Weltkrieg zu gliedern, und fügt dem „expressionistischen“ Straßenfilm
der Weimarer Republik, der noch ein blinder Spiegel unbegriffener Verhältnisse
war, eine entscheidende realistische Dimension hinzu. Der Kritiker Willy Haas,
ein herausragender Kenner der Filmsprache und ihrer Möglichkeiten, hat
für Pabst das Drehbuch geschrieben, und Guido Seeber ist ein exzellenter
Kameramann, ein Pionier der Kinematographie, der zwischen Filmtechnik und -ästhetik
zu vermitteln versteht. Vor allem aber die große Besetzung - Werner Krauß,
Asta Nielsen, Greta Garbo, Valeska Gert - verhalf dem Film zu seinem Erfolg
beim Publikum und zu seinem Rang in der Filmgeschichte.
Werner Krauß: der Fleischer in der ehemals
kleinbürgerlichen, inzwischen proletarisierten Melchiorgasse, ein Tyrann
der Armen und Frauenheld von der groben Sorte, mit Schnauzbart und pomadisierter
Locke in der niedrigen Stirn; Kundinnen, denen er nachstellt, gewährt er
Kredit, wenn sie ihm gefügig sind. Greta Garbo als Grete Rumfort, Tochter
des ins Elend gestürzten Hofrats, der von seinem altösterreichischen
Standesdünkel nicht lassen kann - eine ebenso zarte wie selbstbewußte
junge Frau, die umsichtig und tapfer den Untergang ihrer Familie abzuwenden
sucht. Asta Nielsen als Maria Lechner: ein Mädchen, das aus Leichtsinn
zur Prostituierten wurde, sich von reichen Galanen aushalten läßt
und am Ende einen Mord aus Eifersucht begeht - in Mimik und Gestik eine Mischung
aus willenloser Puppe und steinerner Tragödin des Subproletariats. Schließlich
Valeska Gert: die Schneiderin, die zur Kupplerin geworden ist und die jungen
Mädchen des Viertels in ihrem Salon hinter ihrer Werkstatt senilen Schürzenjägern
aus den besseren Kreisen in die Arme treibt. Es sind die Frauengestalten in
diesem Film, die - selbst wenn sie das gemeine Spiel mitspielen oder unter seine
Räder gekommen sind - komplexer und in mancherlei Hinsicht humaner erscheinen
als das Panorama männlicher Ausbeuter und Intriganten um sie herum.
Als dieser Film zwei Jahre ohne
Unterbrechung im Pariser Kino „Les Ursulines“ gezeigt wurde, rief einmal ein
französischer Abgeordneter während einer Parlamentsdebatte aus, wer
wissen wolle, was Inflation sei, solle sich „Die freudlose Gasse“ ansehen. Und
Pabst selbst sagte 1927 in einem Interview: „Warum soll man romantische
Metaphern suchen? Das wahre Leben ist romantisch und gespensterhaft genug.“
Sein Film, angelegt als Metapher der sozialen und menschlichen Deformationen
in den Inflationsjahren nach 1918, wurde zum gespenstischen Menetekel der Krise,
die wenige Jahre später die erste deutsche Republik in den Abgrund treiben
wird. Hier wie dort: Glücksspieler, Betrüger und Spekulanten, die
sich gerade am wirtschaftlichen Zusammenbruch bereichern, aus dem Verfall der
Werte Profit zu machen wissen. Zum Umschlagsplatz der Wünsche und raffgieriger
Wunschbefriedigung ist das Bordell geworden, der von Pabst bevorzugte Handlungsort
hier wie auch in späteren Filmen: der authentische Topos der Käuflichkeit,
die auf den oberen wie den unteren Rängen das Wesensmerkmal dieser Gesellschaft
ist. „Die Sexualität und ihr Stellenwert im zeitgenössischen sozialen
Kontext ist das Hauptthema Pabsts und des ganzen deutschen Films der Weimarer
Republik. Beeinflußt von den Zeichnungen von George Grosz wühlt Pabst
in den Gesichtern, reißt seinen Figuren die Masken herunter, enthüllt
uns ihre obskursten Gelüste“, schrieb Ado Kyrou 1966 in „Amour-Erotisme
& Cinéma“.
Wie George Grosz ist Pabst Realist,
kein Naturalist: die extremen Zuspitzungen der Karikatur, die Schwarzweiß-Zeichnung,
das Expressive und Expressionistische sind ihm nicht fremd, auch nicht die Kolportage.
Das Drehbuch zu „Die freudlose Gasse“ entstand nach einem Roman des sozialkritischen
Wiener Autors Hugo Bettauer, der von einem Fanatiker ermordet worden war. Der
fiebrige Visionarismus der Caligari-Ära ist mit diesem Film endgültig
überlebt, aber das Motiv der Straße, in dem sich die Verwerfungen
der Zeit wie in einem Brennspiegel konzentrieren, wirkt fort und prägt
vor allem die düstere Eingangssequenz: die Bilder der Menschenschlange,
die sich wie eine Trauerprozession vor dem Fleischerladen aufgereiht hat. Tiefe
Hoffnungslosigkeit, ausweglose Resignation zeichnet die Gesichter. Pabst ist
Rebell, kein Revolutionär. Die Ermordung des Fleischers am Ende des Films
ist die Tat einer einzelnen, zutiefst gedemütigten Frau, ein Akt aus verzweifelter
Rache und namenlosem Leid.
Den ins Halblicht getauchten,
im Grau verschwimmenden Szenen der Armut stehen die grellen Kontraste und scharfen
Striche im Milieu der Reichen und Neureichen gegenüber. Genußsucht
und kalte Berechnung gerinnen zu Fratzen; die Welt der besseren Kreise erstarrt,
wie in den Berlin-Bildern von Emil Nolde oder Otto Dix, zum „danse macabre“,
zum Panoptikum gelangweilter Zyniker. Erotik degeneriert in dieser Welt zur
Maskerade und - vor allem - zur Verpuppung der mit Geld, Gütern und Versprechungen
umworbenen Frau. Der kostbare Mantel, in den Valeska Gert als Kupplerin Greta
Garbo hüllt, um sie zum Objekt männlichen Begehrens zu machen, und
das Flitterkleid, in das Asta Nielsen gesteckt wird, sind das sinnliche Geld,
das die Liebe zur Ware und die Frau zum heute ersehnten, morgen verschmähten
Gegenstand erniedrigt. Da man von Asta Nielsen nichts anderes verlangt, als
eine gefügige, mit teurem Schmuck behängte Puppe zu sein, spielt sie
auch die Puppe und kapituliert vor ihrem Schicksal - „in den Augen ein entsetzlich
leerer Blick“ (Jo Hembus).
Ein Wien-Film ohne Originalschauplätze
- alle Szenen wurden in einem Berliner Studio gedreht. Die „gebaute Realität“
- Kennzeichen der deutschen Kino-Wirklichkeit in den zwanziger Jahren - bestimmt
auch diesen Film, der den Durchbruch zu einem neuen Realismus markiert. Die
Stile der Epoche überlagern sich, suchen Synthesen, aber noch keine radikale
Neuerung. „Die akzentuierende Lichtgebung der Laternen und Lampen betont ein
winkliges Ineinander von Gasse und Hausflur, von Treppenhaus und Wohnung und
läßt damit einen Rest des expressionistischen Einflusses erkennen.
Die sparsam bewegte Kamera wirkt in den seltenen Momenten szenischer Hektik
wie eine moderne Handkamera. Für einzelne Szenen benutzte Pabst statt des
harten deutschen Agfa-Films das weicher zeichnende Kodak-Material, das aus Paris
beschafft werden mußte.“ (Guntram Vogt) Ähnlich wie Friedrich Wilhelm
Murnau - und weitaus stärker als Fritz Lang - operiert Pabst mit einer
plastischen, vom Licht durchwirkten Raumdramaturgie; Schatten- und Spiegeleffekte
sind ihm kein Selbstzweck, sie dienen der schärferen Zeichnung des Milieus
oder der Charakterisierung einer Figur.
„Die freudlose Gasse“ wurde zu
einem skandalösen Zensurfall der Filmgeschichte - mit dem Resultat, daß
wir heute nur über verstümmelte Kopien verfügen. Die internationale
Kooperation (in der Frage des richtigen Filmmaterials) wiederholte sich, als
es darum ging, diesen Film zu verharmlosen und seine sozialkritische Botschaft
zu bekömmlicher Unterhaltung umzufälschen. In Frankreich zum Beispiel
hat die staatliche Zensur nicht weniger als sechshundetrt Meter aus der Originalkopie
entfernt. Der zentrale Schauplatz - die Gasse, deren Freudlosigkeit dem Film
seinen Namen gab - war in den französischen Kinos nicht zu sehen. Heute
arbeiten die Archivare mehrerer Länder an der mühsamen Rekonstruktion
eines Films, den moralbeflissene Regierungsbeamte früherer Jahrzehnte nicht
minder penibel zerstört haben.
Klaus
Kreimeier
Dieser Text ist in der deutschen
Fassung zuerst in der filmzentrale erschienen - ursprünglich in französischer
Übersetzung veröffentlicht vom Goethe-Institut Lille, 1996
Die
freudlose Gasse
Deutschland
- 1925 - 125; restauriert 145 min. – schwarzweiß - Verleih: offen - Erstaufführung:
18.5.1925/31.10.1972 ZDF/16.9.1980 DFF 2/Restaurierte und viragierte Fassung:
17.12.1998 arte - Produktionsfirma: Sofar
Regie:
Georg Wilhelm Pabst
Buch:
Willy Haas
Vorlage:
nach einem Roman von Hugo Bettauer
Kamera:
Guido Seber, Curt Oertel
Musik:
Hans Jönsson
Schnitt:
Paul Falkenberg
Darsteller:
Greta
Garbo (Grete Rumfort)
Jaro
Fürth (Hofrat Rumfort)
Loni
Nest (Mariandl)
Werner
Krauss (der Fleischer)
Asta
Nielsen (Maria Lechner)
zur
startseite
zum
archiv