zur startseite
zum archiv
Früchte des Zorns
"We're
the people"
"Mine eyes have seen the glory
of the coming of the Lord.
He is trampling out the vintage
where the grapes oft wrath are stored.
He has loosed the fateful lightning
of His terrible swift sword
His truth is marching on."
(Julia Ward Howe,
of the Republic)
Der nach dem populären, gleichnamigen
Roman von John Steinbeck von John Ford gedrehte Film "Früchte des
Zorns" ist für den eher als konservativ bekannten Regisseur fast ein
Unikum. Obwohl Ford mit "The Informer" (1935) und "How Green
Was My Valley" (1941) bereits so etwas wie soziale Protestdramen inszeniert
hatte, fällt "The Grapes of Wrath" doch eher aus dem Rahmen.
Roger Ebert von der Chicago Sun-Times qualifiziert den Film als sozialistisch
in seinen Aussagen. Und auch für Filmhistoriker ist "Früchte
des Zorns" der populärste "linkslastige" Film der Zeit vor
dem zweiten Weltkrieg in den USA.
Angesiedelt in den Zeiten der
tiefen (Welt-)Wirtschaftskrise handelt "Früchte des Zorns" am
Beispiel der Familie Joad von den Millionen Verlierern dieser Depression - einer
Familie von Farmern aus Oklahoma, und zwar aus einem Gebiet, das man "The
Dust Bowl" nannte, weil dort die einfachen Farmer aufgrund der (zu) geringen
Niederschläge in armen und größtenteils erbärmlichen Verhältnissen
leben mussten. Sandstürme taten ein übriges, um die Bearbeitung
des Bodens schwierig und die Ernten dürftig zu machen. Millionen solcher
armer Farmer, die zumeist in extrem ärmlichen Holzhäusern ihr Dasein
fristeten, ließen sich in den 30er Jahren von Schwindlern und skrupellosen
Abenteurern dazu verleiten, im fruchtbaren "goldenen" Kalifornien
eine neue Heimat zu suchen. Von den Einwohnern anderer Staaten verächtlich
"Okies" beschimpft, ging die Diskriminierung dieser Farmer so weit,
dass sie praktisch aus der hoch gepriesenen amerikanischen Gemeinschaft ausgeschlossen
wurden.
Ford inszenierte "Früchte
des Zorns - wie schon Steinbeck in seinem weit verbreiteten und in den 50er
Jahren auch in der Bundesrepublik Deutschland viel gelesenen Roman - als eine
Art Exodus im eigenen Land (im Unterschied zum biblischen Exodus), eine erzwungene
Flucht von Amerikanern innerhalb Amerikas.
Der Film beginnt mit Bildern über
die erbärmlichen Verhältnisse in Oklahoma und zeigt uns dann einen
dieser Farmer, Tom Joad (Henry Fonda in einer seiner glanzvollen Rollen), der
gerade aus dem Gefängnis kommt. Tom hatte einen Mann im Streit getötet,
der mit einem Messer auf ihn losgegangen war und ihm in den Rücken gestochen
hatte. Auf dem Weg zu seiner Familie trifft er auf den ehemaligen baptistischen
Prediger Casy (John Carradine), der seinen Beruf respektive seine Berufung aufgegeben
hat, weil er seinen Glauben verloren hat. Casy erzählt Tom, dass immer
mehr Farmer ihr Land verlassen, weil das Pachtsystem zusammengebrochen ist.
Die großen Landeigentümer vertreiben die kleinen Farmer, lösen
die Pachtverträge, um die Äcker künftig nach der Vergrößerung
der Betriebsflächen mit Maschinen zu bewirtschaften. Als Tom im Haus seiner
Familie ankommt, ist niemand mehr da - nur ein verzweifelter Farmer namens Muley
(John Qualen), der - schon halb verrückt - von seiner Vertreibung und der
anderer Farmer erzählt. Tom trifft seine Familie bei Onkel John (Frank
Darien) wieder, entschlossen, ebenfalls in das "gelobte Land" Kalifornien
zu ziehen.
Eigentliches Oberhaupt der Familie
ist nicht Pa Joad (Russell Simpson), sondern Toms Mutter (Jane Darwell), eine
Frau, die man fast schon als Urmutter titulieren könnte, wobei Ford - vielleicht
überraschender Weise - darauf verzichtet, Ma Joad in übertrieben pathetischer
Weise in der Geschichte wirken zu lassen. Überhaupt verzichten Ford und
seine Darsteller auf Pathos, Heldenmut u.ä. Statt dessen setzt der Regisseur
auf eine fast schon nüchterne Betrachtung der Ereignisse und Personen,
und insbesondere Henry Fonda und Jane Darwell als zentrale Figuren des Films
neben John Carradines Casy tun ein übriges, um der Geschichte die nötige
Überzeugungskraft und ein gutes Maß an Realismus zu verschaffen.
Der Werbezettel eines betrügerischen
Arbeitsvermittlers lockt:
"800 PICKERS WANTED
Work in
Good Wages
Tents and Cabins Furnished Free.
Store on
Busy from October to February
COME AT ONCE!"
Die Familie packt zusammen, was
sie noch hat; der kleine, alte Truck ist überfrachtet. Das bisschen Geld,
das noch übrig ist, muss vor allem für Benzin ausgegeben werden. Zur
Familie gehören noch der Großvater, den man mit einer Medizin heimlich
betäuben muss, weil er seine Heimat nicht verlassen will, und seine Frau,
die später - vor allem wegen der Schmerzen über die Vertreibung aus
ihrer Heimat - sterben werden -, vier weitere Söhne von Ma Joad und eine
schwangere Tochter namens Rosasharn, deren Mann später spurlos verschwinden
wird, weil er keinen Mut hat, in Kalifornien ein neues Leben anzufangen, und
Onkel John. Und auch Casy kommt mit.
Ford zeigt den Exodus als teilweise
qualvollen Wegzug aus Oklahoma, der aber auch beherrscht wird von der Hoffnung
der Familie auf ein menschenwürdiges Dasein in Kalifornien. Polizisten,
Sheriffs und Deputies, Wachpersonal auf den großen Anbauflächen im
fruchtbaren Kalifornien und viele Menschen, die nicht so arm dran sind wie die
Joads und die Zehntausenden von anderen Vertriebenen, stehen für ständige
Kontrolle, Diskriminierung und Verachtung der "Okies". Aber es gibt
- auch das zeigt Ford - auch andere. Als die Joads in einem Schnellrestaurant
um ein Brot bitten, aber nur 15 Cent dafür zahlen können, weil sie
das andere Geld für Benzin benötigen, hat der Besitzer Erbarmen mit
ihnen. Die Polizeikontrollen auf dem langen Weg haben vor allem zwei Gründe:
Man will verhindern, dass die Vertriebenen mit Pflanzensamen nach Kalifornien
fahren. Jede Lebensgrundlage als Farmer soll ihnen entzogen werden. Zum zweiten
wollen die Verantwortlichen in den Durchgangsstaaten bis Kalifornien verhindern,
dass sich die armen Schlucker dort sesshaft machen.
Drei Lager durchqueren die Joads
im "gelobten Land". Zunächst das "Hooverville Transient-Migrant
Camp", in dem sich alle Okies aufhalten müssen, weil sie in den Städten
nicht campieren dürfen - ein Lager von Ausgesetzten, eine Art Slum, der
immer wieder überfallen wird und in dem ein skrupelloser Arbeitsvermittler
Leute für ein paar Cent anwerben will. Tom Joad schützt einen der
Vertriebenen, der gegen den Arbeitsvermittler protestiert und daraufhin von
einem Sheriff als "Aufrührer" festgenommen werden soll. Tom schlägt
ihn nieder.
In einem weiteren Lager "The
Keene Fruit Ranch" kommen die Joads an, als dort gerade die Arbeiter streiken,
weil ihnen der Besitzer der Orangenplantagen nur noch die Hälfte des Lohns
zahlen will: 2,5 Cent pro Eimer. Die Joads wissen nichts von diesem Streik und
lassen sich wie viele andere anwerben. In dem total überwachten Lager wird
jede Lebensregung beobachtet und nach gefährlich oder harmlos eingestuft.
5 Cent bekommen die ahnungslosen Streikbrecher - bis die Streikfront zusammenbricht.
Und dann erreichen die Joads ein
Regierungslager, "The Farmworker's Wheat Patch Government Camp", eingerichtet
vom Landwirtschaftsministerium und geleitet von einem Mann, der in Aussehen,
Kleidung und Verhalten der Person des damaligen amerikanischen Präsidenten
Roosevelt sehr nahe kommt. Hier gibt es keine Polizei, keine Überwachung,
aber hygienische Verhältnisse, Solidarität und Frieden. Selbst einer
Provokation von Deputies, denen das Camp ein Dorn im Auge ist, begegnet man
mit Gelassenheit und einem Trick, der die Intrige zunichte macht.
Doch auch hier kann die Familie,
die angesichts der häufigen Entbehrungen auseinander zu brechen droht,
nicht für immer bleiben - zumal Tom polizeilich gesucht wird, weil er (sowieso
nur auf Bewährung entlassen) bei einem Überfall von Plantagenaufsehern
auf Casy, bei dem dieser getötet wurde, einen der Aufseher aus Notwehr
getötet hatte.
Ford lässt den Film in gewisser
Hinsicht dann doch heroisch enden. Tom entscheidet sich, das Werk Casys, der
gegen soziale Ungerechtigkeit kämpfen wollte, fortzusetzen, während
Ma Joad entschlossen ist, sich und den Rest ihrer Familie nie wieder unterkriegen
zu lassen. In einem Schlussdialog mit Tom sagt sie u.a.:
"Rich fellas come up an' they die
an' their kids ain't no good, an' they die out.
But we keep a-comin'. We're the people
that live. They can't wipe us out.
They can't lick us. And we'll go on forever,
Pa ... cause ...we're the people."
Doch selbst dieser Heroismus erscheint
eher aus einer nüchternen Perspektive und daher dem Realismus verhaftet,
der den gesamten Film kennzeichnet. "Früchte des Zorns" ist im
übrigen alles andere als ein Propagandafilm, was von John Ford auch kaum
zu erwarten war. Die nüchterne Darstellung der Verhältnisse ist aber
sicher eine der gelungensten Anklagen gegen die krasse soziale Ungerechtigkeit
jener Jahre im Gefolge der Weltwirtschaftskrise - eine Anklage vor allem gegen
die Skrupellosigkeit der die Notlage der "Okies" ausnutzenden Plantagenbesitzer
und gegen die Gleichgültigkeit vieler anderer Amerikaner und deren Verachtung
der Millionen verarmten Mitbürger - ganz anders also angelegt als die bekannten
Western des Regisseurs, in denen der Westen oft maßlos glorifiziert wurde.
Dies gilt selbst unter Berücksichtigung
der Tatsache, dass Ford den Film viel optimistischer enden lässt als Steinbeck
seinen Roman. Der endet mit dem Tod Casys, Rosasharn verliert ihr gerade geborenes
Baby und gibt einem hungernden Mann auf der Straße ihre mit Milch gefüllten
Brüste und Tom wird während einer Auseinandersetzung beim Streikbrechen
übel verprügelt.
Trotz der Nüchternheit der
Darstellung ist "Früchte des Zorns" auch ein sentimentaler Film,
ein Streifen, dessen Inhalt berührt, was nicht zuletzt auf der grandiosen
Darstellung durch Fonda und Jane Darwell beruht, die für ihre Rolle zu
Recht einen Oscar bekam. Gerade im Verhältnis zwischen Tom und seiner Mutter
kommt der schier ungebrochene Lebensmut und Wille von Menschen zum Ausdruck,
sich durch nichts unterkriegen zu lassen und zusammenzuhalten - gleich einer
Sisyphus-Arbeit. Auch wenn diese Mentalität auf typische amerikanische
Weise vor allem als typisch amerikanisch dargestellt wird und Fondas spätere
Rolle als tadeloser Amerikaner begründete, tut dies dem positiven Eindruck,
den der Film hinterlässt, keinen Abbruch - denn die Darstellung lässt
sich trotzdem insofern verallgemeinern, als sie auf ähnliche Situationen
in anderen Ländern durchaus übertragbar erscheint.
•
D V D •
Sprachen:
Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo) Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo) Französisch
(Dolby Digital 2.0 Stereo) Spanisch (Dolby Digital 2.0 Stereo) Italienisch (Dolby
Digital 2.0 Stereo)
Untertitel:
Deutsch, Niederländisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Dänisch,
Finnisch, Norwegisch, Portugiesisch, Türkisch, Französisch
Bildformat: 4:3
Dolby, HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 31. Oktober 2005
Auch
"Früchte des Zorns" ist in der Reihe "Große Filmklassiker"
der 20th Century Fox jetzt auf den Markt gekommen. Den Schwarz-Weiß-Film
präsentiert Fox in angesichts des Alters des Films hervorragender Bild-
und Tonqualität zu einem Preis von € 12,97 (amazon). Ein sechsseitiges
Begleitheft informiert über Regisseur und Hauptdarsteller. Bonusmaterial
ist auf den DVDs dieser Reihe nicht vorhanden.
Übrigens
ist jede DVD dieser Reihe mit einem Gutscheincode versehen. Für drei dieser
"Klassiker-Sterncodes" kann man sich auf der Website der Firma eine
Prämie auswählen. Für drei Codes bekommt man z.B. eine weitere
DVD oder anderes. Nähere Informationen unter:
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Ulrich Behrens
Dieser Text
ist zuerst erschienen in:
Früchte des Zorns
(The Grapes of Wrath)
USA 1940, 128 Minuten (DVD: 124 Minuten)
Regie: John Ford
Drehbuch: Nunnally Johnson, nach dem Roman von John Steinbeck
Musik: Alfred Newman, James Kerrigen ("
Kamera: Gregg Toland
Schnitt: Robert L. Simpson
Darsteller: Henry Fonda (Tom Joad), Jane Darwell (Ma Joad), John
Carradine (Casy), Charley Grapewin (Großvater Joad), Dorris Bowdon (Rose-of-Sharon
Rivers), Russell Simpson (Pa Joad), O. Z. Whitehead (Al Joad), John Qualen (Muley
Graves), Eddie Quillan (Connie Rivers), Zeffie Tilbury (Großmutter Joad),
Frank Sully (Noah Joad)
© Ulrich Behrens 2005
zur startseite
zum archiv