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Für ein Paar Dollar mehr
Zweiter Teil von Leones Dollar-Trilogie:
Clint Eastwood und Lee van Cleef auf der Jagd nach einem geisteskranken Verbrecher.
Monco (Clint Eastwood) verteilt
wortlos die Karten im Saloon: er gewinnt. "Worum haben wir gespielt? "
fragt sein Gegenüber. "Um dein nacktes Leben ", antwortet Monco
- und setzt die Ankündigung in die Tat um. Ein weiterer Kopfgeldjäger,
Colonel Mortimer (Lee Van Cleef) beweist in der Zwischenzeit den Vorzug eines
genau beherrschten Schußwaffenarsenals an einem weiteren Gesuchten. Der
weitere Handlungsverlauf führt sie auf dieselbe Fährte. Indio (Gian
Maria Volonté), schwer psychopathisch, ist gerade von seiner Bande aus
dem Gefängnis befreit worden und stellt erstmal seinen Hang zur Gewalt
unter Beweis: Bevor derjenige, der ihn verpfiffen hat, sich ihm vergeblich zum
Duell (das zu Indios Spieluhr choreographiert ist) stellen muss, werden Frau
und Kind beseitigt. Kein Wunder, daß Monco und Mortimer auf das Kopfgeld
scharf sind - mal zusammen, mal gegeneinander arnbeiten sie daran, die versammelte
Lösegeldprämie (Indio plus Bande) in die eigene Tasche zu bringen.
Monco infiltriert Indios Bande, Mortimer beobachtet das Ganze von außen.
Indio überfällt (nur zur Erinnerung: schwer geisteskrank) nämlich
die bestgesichertste Bank des Westens - mit Erfolg. Monco und Mortimer helfen
ihm das Geld aus dem Safe zu bekommen und wollen sich gleich damit absetzen
- ein krasser Fehler: Von Indios Schergen erwischt, werden sie ordentlich verprügelt,
bevor sie Indio heimlich auf freien Fuß setzt, um seine Bande hinterherzuschicken
und sich alleine mit dem Geld abzusetzen. Kann nicht gutgehen, und tut es auch
nicht. Monco und Mortimer kehren zurück, um Indio zum Schlußduell
zu fordern.
Mit Für eine Handvoll Dollar hatte Leone den Italowestern
zu einer lukrativen Sache gemacht - seine radikale Umformung des Westerns in
ein absurdes Ritual aus schwarzem Humor, genüßlicher Gewalt und irisierender
Musik war zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Dennoch ließ der erste Film
der Dollar-Trilogie nur ahnen, was in Leone
als Regisseur steckte - erst mit Für ein paar Dollar mehr zeigte der Regisseur, wie er sich sein Kino vorstellt.
Das beginnt noch vor dem Vorspann:
ein Pfeifen, die Totale einer Landschaft mit einem einsamen Reiter. Kaum hat
sich der ein Stück Wegs vorgearbeitet, reißt ihn ein Schuß
vom Pferd - und der Titel kommt. Das hat mit der Handlung Null zu tun, setzt
aber genau die Stimmung für das, was folgt: vertrocknete Landschaften,
wortfaule Komik und der Moment, in dem die aufgestaute Spannung sich in einem
Schuß entlädt. War Für eine Handvoll Dollar noch zusammenhängend gestaltet, geht Leone jetzt zu seiner
bevorzugten Inszenierungsweise über: eine Serie von unabhängigen Kabinettstückchen
aus Gewalt, Witz, Oper, Beleidigung und Schweißtropfen, die mehr nebenher
eine Art Handlung formen. Das übrigens nicht ohne Selbstironie: Einmal
schickt Colonel Mortimer Monco mit Indios Bande nach Norden, Monco will sie
prompt nach Süden reiten lassen, Indio entscheidet sich also für Osten
- wo sie Colonel Mortimer schon erwartet und eine schöne Serie nicht ganz
lupenreiner Assoziationen vorlegt, die sein Hiersein erklärt. Das ist nicht
besonders logisch, aber es macht Sinn, wenn man den Film als Spiel begreift
- und das ist er letztendlich auch.
Tatsächlich bieten alle Handlungswendungen
immer wieder nur Vorwände, um auf einen Höhepunkt zuzusteuern - das
nächste Duell lauert immer schon um der Ecke, der nächste Witz auch.
Mit Für
ein paar
Dollar mehr
treibt Leone die Grundidee seiner Westernumschreibung voran: anstelle von Helden
gibt es nur mehr bounty killers - die "Guten" hier töten, um zu leben. Und ihr
Verhalten ist dementsprechend: In einer der witzigsten Szenen des Films schießen
Eastwood und Van Cleef minutenlang die Hüte zuerst von des anderen Kopf
und dann immer weiter weg, um sich gegenseitig zu demütigen. Das ist beiden
aber kein Wort wert (und jeder Andere hätte von ihnen vermutlich eine Kugel
in den Rücken bekommen - geht aber nicht, weil beide noch für die
Handlung gebraucht werden): Nicht zuletzt das Understatement im Spiel von Eastwood
(der gegenüber dem Vorgänger einiges an Selbstironie dazugelernt hat)
und van Cleef gibt die Devise aus - das Duell ist das Grundprinzip der Handlung,
seine Abwicklung erfolgt in einer Mischung aus kalter, schöner Funktionalität
und niederträchtiger Ironie. Für den nötigen Schuß Sadismus
sorgt Gian Maria Volonte als Indio - immer knapp vorm nächsten Meuchelmord
gibt es für ihn nur noch kurze Ruhemomente, wenn er sich zwischendurch
einen abgefuckten Joint zur Beruhigung reinzieht. Es gibt keine Gutmenschen
in Leones Dollar-Universum - nur noch Abstufungen an Gewaltbereitschaft.
Das allerdings gilt für alle
Filme der Dollar-Trilogie: Den großen Schritt
vorwärts zeigt hier die gewonnene Sicherheit in der Inszenierung. Mit sicherer
Hand vermischt Leone hier einzelne Vignetten zum ganzen: sei es die wunderschön
getimete Szene um den Bankeinbruch, sei es die köstliche Nebenrolle von
Klaus Kinski, der sich mit Lee van Cleef verfeindet, als dieser ein Streichholz
an seinem Buckel anreibt - all das ist in sich geschlossen inszeniert, mit Leones
Vorlieben für exzessive Verzögerung durch Nahaufnahmen zusammengebunden.
Man könnte durchaus szenenweise Stücke aus diesem Film entfernen,
ohne dass es der Handlung abträglich wäre - den Stil machte man dadurch
kaputt. Hier zeigt sich nämlich zum erstenmal des Regisseurs außerordentliches
Gespür für Timing (nicht umsonst meinte er später einmal der
Hauptdarsteller seiner Filme sei die Zeit): in der abwechselnden Bevorzugung
von Gewalt und Komik gibt Leone diesem Film seinen eigentümlichen Ton.
Die Komik des Vorgängers wird hier nämlich ausgebaut zu einer prallvollen
komischen Oper: Szenen schieben sich ein, in denen alte Männer mit lebendigen
Bärten den vorbeifahrenden Zug überschreien oder wo von gigantischen
Sombreros umrahmte Pistoleros ihre furchtlose Miene angesichts der Schießkünste
von Monco und Mortimer verlieren. Daß die zweite, fast ausschließlich
nachts spielende Hälfte den unbekümmerten sardonischen Humor des ersten
Teils ablegt, deutet nicht nur auf spätere Filme des Regisseurs voraus
- zum ersten Mal erlaubt sich Leone auch die von ihm so geliebte ausgedehnte
Rückblende, die die Funktion von Indios Spieluhr erklärt - und den
Grund, warum Mortimer ihn verfolgt.
In dieser Spieluhr bündeln
sich auch die Vorzüge von Leones zweiten Film: Nicht nur ist sie ein clever
ausgedachtes Gadget, das letztendlich die Handlungsepisoden zusammen (und auf
den zwingenden Showdown zu) führt, sie gibt auch Anlaß für Morricone,
seine bereits im Vorgänger revolutionäre Musik auszubauen. Rund um
die Melodie der Uhr orchestriert er die Duellszenen und überlegt das Geklingel
mit Gitarrenstakkatos und Rhythmusgruppen, die das Metronom für die genüßlich
ausgewalzten Nahaufnahmen schweißdurchtränkter Gesichter geben und
Leones hervorragende Schnittarbeit zusätzlich intensivieren. Mit Für ein paar Dollar mehr gelang Leone endgültig die
Emanzipation von alten Mustern - auch wenn der Film noch ein paar kleine Schwächen
hat (eine gewisse Unausgewogenheit zwischen den zwei Hälften, ein schreckenerregend
hohl klingender Moment, in dem Monco davon erzählt, daß er sich mit
dem gemachten Geld zur Ruhe setzen will), ist er der erste wirklich ausgereifte
Film seines Regisseurs.
Christoph Huber
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei: www.allesfilm.com
Für ein paar Dollar mehr
ET
POUR QUELQUES DOLLARS DE PLUS
FOR SOME DOLLARS MORE
PER QUALCHE DOLLARO IN PIU
BR Deutschland / Italien / Spanien - 1965 - 126 (gek. 121) min.
– Scope - Erstaufführung:
25.3.1966/11.10.1991 SAT 1/12.10.1995 Pro Sieben (rek. Fssg.)
Regie:
Sergio Leone
Buch:
Sergio Leone, Luciano Vincenzoni
Kamera:
Massimo Dallamano, Aldo
Ricci
Musik:
Ennio Morricone
Schnitt:
Eugenio Alabiso, Giorgio Serralonga
Darsteller:
Clint
Eastwood (Monco)
Lee
Van Cleef (Colonel Mortimer)
Gian
Maria Volonté (Indio)
Klaus Kinski (Wild)
Mara Krup (Frau des Hoteliers)
Josef
Egger (Prophet)
Luigi
Pistilli (Groggy)
Josef Egger (Prophet)
Kurt Zips (Hotelier)
Rosemarie Dexter (Mortimers Schwester)
Werner Abrolat (Slim)
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