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Furyo
– Merry Christmas, Mr. Lawrence
Gefallene Engel
West-östliche Schicksalsoper: Oshimas neuer
Film „Furyo“
Ein bis zum Zerreißen gespannter,
explosiv vibrierender KonfIilkt - in die Formen strengster Symmetrie gestaut:
das ist Nagisa Oshimas neuer Film. Die Symmetrieachse - Trennlinie zwischen
zwei Kulturen - konfrontiert mit geometrischer Präzision Bild und Gegenbild:
die Männerwelt britischer Gefangener in einem Lager auf Java 1942 und die
Männerwelt ihrer japanischen Bewacher. Die „aufgeklärte" Militärmythologie
des Westens und die gnadenlose Orthodoxie japanischer Samurai-Tradition. Den
Idealtypus des modernen Draufgängers nordatlantischer Prägung auf
der einen - und die Personifizierung fernöstlicher, in Ahnenkult und Schwertphilosophie
fundierter Kampferotik auf der anderen Seite.
Lagerkommandant Yonoi (Eyuichi
Sakamoto) und sein Gegenspieler Jack Celliers (David Bowie), antipodische Repräsentanten
einer hier wir dort paranoiden Kampfmoral und ihres deformierten Ehrenkodex,
sind zugleich die janusköpfige Inkarnation einer gespaltenen Triebstruktur:
die Symmetrieachse des Films ist auch der Riß zwischen Vitalität
und Todessucht, Gewalttätigkeit und Libido in der Seele einer Karnpfmaschine.
Der Film beginnt mit einer Ausstellung
militärischer Gewaltorgien vor tropischer Kulisse. Ein Kriegstribunal in
Batavia exekutiert an dem gefangenen Einzelkämpfer Celliers, um seine Kampfdisziplin
zu brechen, eine Scheinerschießung; im Lager wird ein koreanischer Bewacher
wegen homosexueller Verfehlungen zur Selbsttötung durch Harakiri gezwungen:
präludierende Szenen, deren ritualisierte Bildkomposition schon auf die
Zerreißprobe verweist, die mit dem Auftritt der Titanen im Lager unausweichlich
wird. Der Chor der Gefangenen wird vorgestellt; die Protagonisten aus dem zweiten
Glied, die das kulturelle Drama kommentieren, es an seinen Bruchstellen kritisch
reflektieren werden, kristallisieren sich heraus: der grinsende Sadist Hara
(Takeshi) mit seinen unerwartet menschlichen Regungen und CoIonel Lawrence (Tom
Conti), Dolmetscher, Kenner japanischer Geschichte und Kultur, ein glücklos
vermittelnder Intellektueller in einem Duell, von dem er allein ahnt, daß
es nur in anthropologischen Kategorien gedeutet werden kann.
Celliers, nach etlichen Folterungen
genesen, organisiert im Lager den Widerstand. David Bowle - blond eisenharter
Blick, scharfgeschnittenes Gesicht - ist nicht nur der arische Ritter sonder
Furcht und Tadel, wie ihn (überlebte er) die NATO brauchen würde.
Das Soldatische paart sich in dieser Idealgestalt mit sonderbar hintergründiger,
ja fatalistischer Melancholie. Ein Berserker aus Edelstahl - geschmeidig, phantasievoll,
unberechenbar; ein abendländischer Phänotyp in einem Haufen verrottender
Soldateska; ein Erzengel unter lauter Frontschweinen.
In kaum merklichen Andeutungen
zeigt Oshima, wie Yoiarü von Celliers in einen buchstäblich hypnotischen
Bann gezogen wird. Eine Faszination, die nie eindeutig homoerotisch definiert
wird - vielmehr sind es die vordergründig homoerotischen Züge dieses
Zweikampfs, die Oshima einer sehr intellektuellen Stilisierung, einer aus Symbolen
und Bild-Chiffren zusammengesetzten Philosophie unterwirft.
Sakamoto als Yonoi, wie sein Widerpart
ein federndes Stück Stahl, ist zugleich - anders als dieser ~ „explosivstarr",
ein Bündel peitschender Brutalität, eingezwängt in Samurai-Comment
und insoweit ein Zerrbild seines europäischen Kontrahenten. Yonoi starrt
auf die Tugenden, die der andere hat und die ihm selbst abgehen. Unverkennbar
kritisiert Oshima mit dieser Figur spezifische Verkrustungen der japanischen
Militär-Elite. Und unverkennbar organisiert er den Höhepunkt, auf
den der ganze Film wie ein magnetisches Kraftfeld ausgerichtet ist, als Entscheidung
in einem Kulturkonflikt: In einer Situation extremer Spannung und innerer wie
äußerer Verkrampfung - Yonoi hat das Schwert erhoben, um den britischen
Offizier Hicksley ( (Jaek Thompson) vor den versammelten Lagerinsassen niederzumetzeln
- geht Celliers auf den Gegner zu und drückt ihm einen Kuß auf die
Wange. Yonoi bricht zusammen: ein Samurai-Roboter, der ins Zentrum seiner aufgestauten
Widersprüche, seiner gewaltsam zusammengehaltenen Existenz getroffen wurde.
Eine Grenzüberschreitung, auch filmisch: ein Ballett von Slow-motion-Bildern
und eine aufreizende Musik (sie stammt von dem Hauptdarsteller Sakamoto) treiben
diese Situation zu einer outrierten, „steilen" Klimax.
Unübersehbar formuliert Oshima
hier die kulturelle Dominanz Europas, Einer der Schlußsätze, den
er, vier Jahre nach der Kriegshandlung, den Vermittler Lawrence sprechen läßt,
unterstreicht diese Wertung: „Vielleicht wird die Saat, die Celliers in Yonoi
säte, in uns allen aufgehen." (Laurens van der Posts Roman, der für
Oshima Vorlage war, heißt „Die Saat und der Säer"). Der japanische
Sergeant Hara, nunmehr von den Alliierten zum Tode verurteilt, glättet
diese Moral mit seiner Bemerkung: Das Unglück war, daß auf beiden
Seiten Menschen standen, die im Recht zu sein glaubten."
Aber das ist nur eine einigermaßen
platte, weil ausgewogene Interpretation des Krieges schlechthin. Die Stärke,
die vielfach im Oshimas Film hineingelesen wurde, hat er gerade nicht: jenen
unbestechlichen Blick, der zwei chauvinistisch-militaristische Kulturen in ihrer
Erbärmlichkeit durchdränge und uns die europäische, den Japanern
die fernöstliche Welt der Kampfmaschinen fremd und monströs erscheinen
ließe. Diese wechselseitige Entlarvung funktioniert nur auf der Ebene
des Satyrspiels: der bornierten Haudegen Hicksley und Hara. Wo Oshima auf dem
Kothurn der Tragödie schreitet und zwei erzene Engel in einem homoerotisch
funkelnden Agon verstrickt, obsiegt letztlich die messianische Humanität
des Abendlands.
Gewiß - es sind gefallene
Engel; in zwei Rückblenden werden traumatische Erlebnisse ihrer Vergangenheit
enthüllt: Celliers ist ein Produkt der britischen Internate mit ihren barbarischen
Initiationsriten, und Yonoi war in einen Militärputsch rechter Offiziere
verwickelt (diese Rückblende fehlt in der deutschen Kinofassung, deren
Synchronisation im übrigen die wichtige Zweisprachigkeit des Films zerstört).
Doch zumindest Celliers hat sein Trauma positiv verarbeitet. Oshima läßt
ihn als Märtyrer sterben: Von Yonois Nachfolger lebendig eingegraben, verdurstet
er langsam unter dem Nachthimmel Javas. Und während Yonoi seinem sterbenden
Besieger eine Locke abschneidet, heben die elegischen Gesänge der Gefangenen
die Tragödie ins Firmament der Schicksalsoper.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Franktfurter Rundschau vom 13.12.1983
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Furyo
- Merry Christmas, Mr. Lawrence
MERRY
CHRISTMAS, MR. LAWRENCE
SENJO
NO MERI KURISUMASU
FURYO
England / Japan - 1982 - 113 min.
– Scope - FSK: ab 16; Erstaufführung: 2.12.1983 - Produktion: Jeremy Thomas
Regie:
Nagisa Oshima
Buch: Nagisa Oshima, Paul Mayersberg
Vorlage: nach dem Roman "The
Seed and the Sower" von Sir Laurens van der Post
Kamera:
Toichiro Narushima
Musik:
Ryuichi Sakamoto
Schnitt: Tomoyo Oshima
Darsteller:
David Bowie (Celliers)
Ryuichi
Sakamoto (Capt. Yoni)
Tom
Conti (Col. John Lawrence)
Beat
Takeshi (Sgt. Hara)
Jack
Thompson (Hicksley-Ellis)
Johnny
Okura (Kanemoto)
Alistair
Browning (DeJong)
James Malcolm (Celliers Bruder)
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