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Gefahr
und Begierde
Die Möglichkeit
eines Thrillers
Mit dem preisgekrönten Spionagedrama „Gefahr
und Begierde“ treibt Ang Lee seine Neigung zur pedantischen Ausführlichkeit
auf die Spitze: Ist das zweieinhalbstündige Ergebnis ein delikates Meisterwerk
oder einfach nur fad?
Schon die erste Szene spottet jeder handelsüblichen
Spannungsökonomie: Da sitzt im japanisch besetzten Shanghai der frühen
40er eine Handvoll Damen der besseren Gesellschaft am Tisch, spielt Mahjong
und tratscht minutenlang über aktuelle Beförderungen und lukrative
Importe. Erst allmählich schälen sich aus den diversen Gesprächsfetzen
und Blickachsen einzelne Charaktere heraus: Hausherrin Frau Yee (Joan Chen),
die Gattin eines hochrangigen Beamten im Dienste der Besatzer, und die junge
Mak Tai Tai (hervorragend: Neuentdeckung Wei Tang), die ihr im Haus Gesellschaft
leitet. Mak muss plötzlich weg, zu „einem wichtigen Termin“: Sie lässt
sich zu einem Nobelcafé chauffieren – und setzt dort telefonisch ein
Killerkommando des kommunistischen Widerstands in Gang.
Was folgt, ist eine weitere Verzögerung: Lee
zeigt nicht das geplante Attentat, sondern eine zweistündige Rückblende,
die eigentliche Erzählung: Wie die Studentin und Schauspielerin Wang Jiazhi
im Dienste des chinesischen Untergrunds in die Rolle der weltmännischen
Importeursgattin Mak schlüpfte – und als solche ins Bett des mächtigen
Kollaborateurs Herr Yee (beängstigend kontrolliert: Hongkong-Superstar
Tony Leung Chiu Wai).
„Gefahr und Begierde“ ist, wie so viele Arbeiten
Ang Lees, zugleich mehr und weniger als ein Genrefilm: Wang/Maks gefährliches
Spiel und ihre erotische Annäherung an das auserkorene Attentatsopfer Yee
schildert der hollywooderfahrene Taiwanese durchaus nach den Regeln des Agententhrillers.
(Unerschöpfliches, hier durch Filmausschnitte von Cary Grant und Ingrid
Bergman angedeutetes Referenzmodell: Hitchcocks „Notorious“.) Aber wie schon
in der frühen Multikulti-Komödie „Das Hochzeitsbankett“ (1993) oder
seinem eher brütenden als wütenden „Hulk“ (2003) bremst Lees Interesse
an den Details von Lebenswelt und Körpersprache das Handlungstempo beträchtlich
herunter. Der Film ist mehr die Möglichkeit eines Thrillers denn ein solcher:
eine täuschend beschauliche Rutschpartie durch ausführliche Milieu-
und Charakterbeschreibungen, die für kurze Momente immer wieder steil in
den Abgrund führt.
Manchen geht das zu langsam: Als „monoton“ und „unterkühlt“
wurde der diesjährige Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig von
prominenten Stimmen der US-Presse verrissen. Trotz der heftigen Sexszenen zwischen
Wang und Yee, die dem Film in den USA immerhin die höchste Alterfreigabe
(NC-17, nur ab 17) bescherten, wäre der Thriller „weder sexy noch spannend“,
wurde etwa in der „Village Voice“ geätzt.
Knackig knappes Storytelling und formale Flamboyanz
sind in der Tat Ang Lees Sache nicht: Noch der Martial-Arts-Wirbelwind „Tiger
and Dragon“ (2000), sein bis dato kompaktestes Stück Entertainment, hält
in der zweiten Hälfte die eine oder andere erstaunlich getragene Passage
parat. Lee ist weniger ein Poet als ein Pedant des Erzählkinos: Wenn (zumeist
eher in Europa) sein „Klassizismus“ gerühmt wird, dann meint das zuerst
einmal die Gründlichkeit und Geduld, mit der dieser hervorragende Schauspielerregisseur
seine Charaktere, Milieus und Situationen bis in den letzten Winkel auserzählt.
Soviel gediegene Gut-Gemachtheit läuft stets Gefahr, im behaglich „niveauvollen“
Middle-Brow-Einerlei zu versumpfen: Kein Wunder, dass Lees erster Hollywoodauftrag
die (souverän gefertigte) Verfilmung von Jane Austens „Sinn und Sinnlichkeit“
(1994) war – im Rahmen jener kurzlebigen Austen-Filmwelle Mitte der 90er, die
ihr Muße suchendes Publikum mit exquisiten Kostümen, erlesenen britischen
Akzenten und saftig grünen Rasenflächen bediente.
Doch hinter Lees unbeirrbarer Ruhe steckt mehr als
die blässliche akademische Sauberkeit eines Buchhalters. Oft ist bewundert
worden, wie frei er bei der Projektwahl zwischen den Genres und historischen
Perioden hin und her springt. Aber das getragene Erzähltempo, die maßvoll
distanzierte Rauminszenierung und die Präzision im Umgang mit Ausstattungsdetails
kitzeln aus den Stoffen stets Ähnliches heraus: Geschichten vom Unterdrücken
und Zurückhalten der Gefühle, vom Aufrecherhalten der Fassade – Melodramen.
Insofern hat Lee nun mit der Novelle „Se, jie“ (so
auch der Originaltitel des Films) der renommierten chinesischen Autorin Eileen
Chang womöglich sein ideales Sujet gefunden: Bestand schon „Brokeback Mountain“
(ebenfalls die filmische Extrapolation eines eher knappen Textes) zum Großteil
aus den endlosen Nachwehen einer kurzen Affäre, aus einem einzigen melodramatischen
„Zu spät!“, so ist „Gefahr und Begierde“ ein Werk des ständigen, qualvollen
Aufschubs. Das reicht von der Rückblenden-Konstruktion, die das Finale
gleich ankündigt und dann umso länger hinauszögert, bis zur Handlung
selbst: Ursprünglich ist die Verführung und Ermordung des Kollaborateurs
Yee das verwegene Sommerferienprojekt von Wangs Hongkonger Studententheatergruppe.
Aufgrund unglücklicher Zwischenfälle verschleppt sich das patriotische
Vorhaben aber über Jahre hinweg.
Während die falsche Dame und der undurchschaubare
Regierungsbeamte einander allmählich nicht nur körperlich näher
kommen, verknotet Lee kühle Verstellung und echtes Begehren auf immer unlöslichere
Weise ineinander. Seine Ästhetik der Retardierung zeitigt dabei die eine
oder andere Länge, das Ergebnis ist aber mächtig: Am Ende, wenn das
lang ersehnte Attentat endlich anrollt, ist es für Wang in jeder Hinsicht
zu spät. In einer eiskalten, gespenstischen Szene taumelt sie über
eine Einkaufsstraße, die Kamera schwebt aufgekratzt zwischen ihrem Gesicht
und ihrer Spiegelung in den Schaufenstern hin und her: Wang und Mak, Darstellerin
und Rolle, sind unter unseren Augen längst zusammengewachsen.
Joachim Schätz
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: www.falter.at
Gefahr
und Begierde
China
/ USA 2007 - Originaltitel: Se jie / Lust, Caution - Regie: Ang Lee - Darsteller:
Tony Leung, Joan Chen, Tang Wei, Anupam Kher, Wang Leehom, Chih-ying Chu, Johnson
Yuen - FSK: ab 16 - Länge: 156 min. - Start: 18.10.2007
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