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Der
Geheimagent
Spione
am See
Schein
und Sein. Ein Mann wird für tot erklärt und aufersteht im Auftrag
des britischen Geheimdienstes. Aus Edgar Brodie, einem Schriftsteller, wird
Richard Ashenden (John Gielgud), ein Spion. Erster Weltkrieg. Briten gegen Deutsche.
Schauplatz Schweiz, Umgebung: eine Schokoladenfabrik, Volkstänze, der Genfer
See, die Berge - also eine "typische" Schweizer Umgebung. Holdrio!
Hitchcock
ließ das Drehbuch aus zwei Erzählungen von Somerset Maugham zusammenschreiben,
einer Spionage- und einer Liebesgeschichte, gespickt mit einiger Ironie, mit
einigem Charme und einiger Verve in der Handlung, und vor allem mit einer Figur,
in der sich Skrupellosigkeit, kindliche Naivität, Sarkasmus, ein gewisses
Maß an Verzweiflung und Schläue vereinen: in der Figur des Generals,
gespielt von dem mir unvergesslichen Peter Lorre mit Lockenkopf, spanischem
Kauderwelsch, leicht gebräunter Haut, einem Mann, der mit Mord keine Probleme
hat und ständig hinter Frauen her ist, obwohl er nicht gerade eine Ausgeburt
an Schönheit darstellt. Der General wird Ashenden zur Seite gestellt, von
"R" (Charles Carson), dem Leiter des britischen Geheimdienstes. Dazu
gesellt sich noch eine reizende Lady, Elsa Carrington (Madeleine Carroll), die
auf Abenteuer aus ist und daher für den Job eigentlich ungeeignet ist und
die als Ehefrau Ashendens fungieren soll. Alle drei sollen sich in der Schweiz
treffen, um einen für Deutschland arbeitenden Agenten, den der britische
Geheimdienst für besonders gefährlich hält, den aber bislang
niemand kennt, auszuschalten, d.h. zu ermorden.
Eine
junge Abenteuerin, ein nicht sehr mordgieriger Schriftsteller und ein absonderlicher
General, von dem niemand so recht weiß, ob er jemals General war und der
für die Tatausführung prädestiniert scheint - ein haarsträubendes
Trio. Als Ashenden im Hotel in Genf ankommt, trifft er in seiner Suite nicht
nur seine Pseudo-Ehefrau, sondern auch einen gewissen Robert Marvin (Robert
Young), einen charmanten, überaus freundlichen Schürzenjäger,
der gerade versucht, Elsa für sich zu gewinnen. Die allerdings - durchaus
beeindruckt von Marvin - hält ihn auf Distanz.
Nachdem
der General und Ashenden in dem schönen Nest Langental feststellen müssen,
dass der Informant des britischen Geheimdienstes, ein Organist, der sie zu dem
Spion führen sollte, ermordet wurde, bleibt ihnen nur noch eine Spur: ein
Knopf, den der arme Kerl womöglich seinem Mörder abgerissen hat. Dieser
Knopf führt das Trio im Casino beim Roulette zu einem Herrn Caypor (Percy
Marmont), einem netten älteren Herrn mit treuem Dackel Fritzchen, dessen
Jacke genau diese Art Knöpfe ziert. Man lockt den armen Mann zur einer
Bergtour. Und während Ashenden, je näher die entscheidende Tat rückt,
Gewissensbisse bekommt, stürzt der General den nichts ahnenden Caypor in
die Tiefe, beobachtet von Ashenden durch ein Fernrohr.
Doch
man hat (natürlich) den Falschen getötet. Und schon wollen Ashenden
und Elsa, die sich auf den ersten Blick ineinander verliebt haben, aussteigen.
Der General allerdings kann Ashenden dazu überreden, einer neuen Spur zu
folgen. Er hat nämlich inzwischen durch intensiven Kontakt zu der jungen
Lilli (Lilli Palmer) erfahren, dass in einer Schokoladenfabrik, in der ihr Verlobter
Karl (Howard-Marion Crawford) arbeitet, sich das Nest der deutschen Spione befinden
soll. Während Elsa enttäuscht von der Arbeit als Spionin und verbittert
über Ashendens Bereitschaft, weiter nach dem deutschen Spion zu suchen,
mit Marvin abreisen will, begeben sich der General und Ashenden in die Schokoladenfabrik
...
Wie
Hitchcock selbst im Gespräch mit François Truffaut erläuterte
(1), hatte "Secret Agent" vor allem ein Handicap: die Hauptfigur.
Der Held, Ashenden, ist nicht gerade eine Identifikationsfigur. Unentschlossen,
kein wirklich eigenes Ziel vor Augen, schwankend zwischen schlechtem Gewissen
und Spionageauftrag pendelt er mal hin und mal her. Nach dem irrtümlichen
und vor allem auch leichtsinnig (nur aufgrund eines Knopfes) herbeigeführten
Mordes an einem Unschuldigen versucht sich Ashenden gegenüber Elsa herauszureden,
er habe Caypor schließlich nicht in den Abgrund gestürzt. Danach
wird der General für beide, vor allem aber für Elsa, die auch ihren
Anteil an dem Mord hat, zumindest als Mitwisserin, zum einzigen Schurken - obwohl
der General nie ein Hehl daraus gemacht hat, wie er ist und nach welchen Überzeugungen
er handelt. Lorres Rolle ist stringent durchdacht, durchgearbeitet und wird
von ihm auch so gespielt.
Ein
Held also, mit dem die Identifizierung schwer fällt. Das Drehbuch hat allerdings
noch andere Schwächen. Woher weiß der britische Geheimdienst, dass
Caypor der Falsche war? Und: Wieso lässt sich Ashenden, nachdem er weiß,
dass man den Falschen ermordet hat, dazu hinreißen weiterzumachen - mit
dem Risiko, wieder einen Unschuldigen zu treffen? Überhaupt: Wenn dieser
unbekannte deutsche Spion so gefährlich ist, wieso setzt "R"
dann so unerfahrene Leute wie Elsa und Ashenden für diesen Auftrag ein?
Andererseits
benutzt Hitchcock in diesem Film zum ersten Mal den Charakter des sympathischen,
vornehmen, freundlichen Bösen. Es ist kaum schwer zu erraten, wer der deutsche
Spion ist. Schon zu Anfang ist klar, dass Caypor samt Frau und Dackel kaum in
diese Rolle passen und nur einer bleibt: Marvin. Robert Young spielt diesen
Marvin in jeder Hinsicht überzeugend: mit Charme, Witz und Eleganz.
Marvin
ist in dieser Hinsicht eher eine Identifikationsfigur als Ashenden. Dass er
am Schluss sterben muss, passt aufgrund der Art und Weise der Inszenierung nicht
so recht ins Bild. In einer Szene, in der er mit Elsa ins Casino geht, während
der General und Ashenden in Langental den Organisten suchen, legt er seine Hand
auf ihre Schulter. Sie entzieht sich ihm. Dann legt er die andere Hand auf ihre
andere Schulter. Sie entzieht sich wieder. Dann ergreift er von ihr unbemerkt
den Schleier ihres Kleides, um wenigstens etwas von ihr in der Hand zu haben.
Diese Szene und überhaupt die Szenen mit Elsa und Marvin überzeugen,
weil sie Hitchcocks Fähigkeit demonstrieren, Beziehungen, die mit Vorbehalten
besetzt sind (Elsa hält sich wegen des Auftrags zurück und muss die
Ehefrau spielen, Marvin muss seine wahre Identität verdecken), ironisch
und humorvoll zu inszenieren. Auch Peter Lorre überzeugt durch seine -
auch aus anderen Filmen bekannte - Darstellung eines in sich widersprüchlichen,
aber in seiner Gesamtheit trotzdem homogenen Charakters.
Hitchcocks
Genremix - ein bisschen Thriller, ein bisschen Komödie, ein bisschen Romanze
- funktioniert in "Secret Agent" noch nicht so überzeugend wie
etwa in dem in mancherlei Hinsicht vergleichbaren "North
by Northwest"
("Der unsichtbare Dritte", 1959) im Spiel zwischen Eva Marie Saint
und Cary Grant, in der Darstellung des eleganten Bösen Vandamm (James Mason)
und in der im Hintergrund arbeitenden Agenten des (dort) amerikanischen Geheimdienstes.
Dass am Schluss ein Liebespaar und zwei Tote übrig bleiben, ist in "Secret
Agent" noch etwas holprig dramaturgisch herbeigeführt und kann letztendlich
nicht ganz befriedigen.
Wertung:
7 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist vorher erschienen bei:
(1)
Truffaut, Hitchcock, herausgegeben von Robert Fischer, München und Zürich
1999, S. 85 ff.
Der
Geheimagent
(Secret
Agent)
Großbritannien
1936, 86 Minuten
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Campbell Dixon, Charles Bennett, nach den Erzählungen "Ashenden"
von W. Somerset Maugham
Kamera:
Bernard Knowles
Montage:
Charles Frend
Produktionsdesign:
Oscar Friedrich Werndorff
Darsteller:
John Gielgud (Edgar Brodie / Richard Ashenden), Peter Lorre (General), Madeleine
Carroll (Elsa Carrington), Robert Young (Robert Marvin), Percy Marmont (Caypor),
Florence Kahn (Mrs. Caypor), Charles Carson ("R"), Lilli Palmer (Lilli),
Howard Marion-Crawford (Karl)
Internet
Movie Database:
©
Ulrich Behrens 2005
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