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Geheime Staatsaffären
Der deutsche Titel ist bescheuert. Das Original (L'ivresse
du pouvoir) ließe sich mit Machtrausch übersetzen. Und: Chabrols
Film ist ein Spiel über Macht-haben oder nicht-haben. Bäumchen, Bäumchen
wechsle dich. "Die meiste Macht in Frankreich hat der Untersuchungsrichter",
sagt die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman. Ein perfid-ambivalenter
Name. In ihm schnurrt das bissige Plot zusammen. Isabelle Huppert nutzt die
Macht aus, um die großen Industriekapitäne in ihr Winzbüro zu
zitieren und sie kleinzukriegen. Untreue, Subventionsbetrug, Bestechung, Steuerhinterziehung
und weiter durch die Wirtschaftsschwerkriminalität. Wer steckt da noch
drin? Raus mit den Namen!
Wer will, kann sich an den Elf Aquitaine-Wirtschafts-/Politskandal
von 2003 erinnern. Muß er aber nicht. Der Film ist kein Wirtschaftskrimi,
und es geht ihm nicht darum, neue Details hervorzukratzen. Was wir sehen, ist
ein Prozeß machtvoller Strafverfolgung, der quasi gesetzmäßig
in Ohnmacht und Begünstigung umschlägt - alles auf einer höheren
Ebene erzwungenen, aber luxuriösen Einvernehmens. Wer zum Schluß
lacht, ist wütend. Aber er hat sie kapiert, die alte neue Dialektik.
Chabrol hält sich vom Kommentieren und Moralisieren
fern. Er beobachtet. Originalmotiv ist der Justizpalast in Paris. Dort sitzen
die Strafverfolger in tristen Nebenzimmern; ins Gebäude kommen sie durch
Nebeneingänge. Sie können die Deklassierung kompensieren, indem sie
die sozialen Codes der Wirtschaftsbosse (und der verbündeten Parteipolitiker)
knacken. Deshalb immer wieder die in diesem Film sich noch einmal übertreffende
Isabelle Huppert, kalt, respektlos, den Vorstandsvorsitzenden vor sich sitzen
sehen und ihm ihr Spiel aufzwingen. Klar,
das ist ein Spiel, Theater. Rote Handschuhe, das Kostüm ist sorgsam ausgewählt,
die Lippenfarbe, der entschlossene Ausdruck. Auch ich fand es immer Theater,
wenn der Staatsanwalt, der bei uns als Strafverfolger Macht hat, das weiße
Hemd anzieht, den weißen Schlips, die schwarze Robe. Ich war ja in Hamburg
selbst einer, und ich sag es gleich jetzt, daß ich befangen bin, wenn
ich der Huppert Spiel grandios und hyperrealistisch finde. Ja, ich bin Isabelle
Huppert.
Zurück in meine Funktion als Filmkritiker. Schizophren
mutet es an, wie sie von der Strafverfolgung zu ihren privaten Beziehungen switcht
und umgekehrt. Im Film ist dies ein Hin- und-hergeschalte vom Justizpalast zur
Privatsphäre. Je mehr sie sich an ihrer Macht berauscht, so ernüchternd
und machtlos geht es mit ihrem Mann auseinander. Sehr
schön anzusehen, wie sie versucht, sich an den jungen Félix, den
Glücklichen (Thomas Chabrol), zu halten, der unbekümmert von Verfolgungswahn
und -rausch ganz der Gegenwart vertraut, dem glücklichen Moment. Klar,
daß er beim Pokern gewinnt. Und: no sex please. Gibts bei Engeln nicht.
Frau Charmant-Killman aber kann nicht aus ihrer Haut. Geht nicht, weil das größtmögliche
Maß von Macht ja gesetzesnotwendiger Weise in die lindernde und entspannende
Qualität der Ohnmacht kippt. Und das geht so:
Im Laufe des Films tritt immer
mehr das kriminelle Wirtschafts- und Politsyndikat auf - als Gruppe, als Chor
sozusagen, auf die altgriechische Weise kommentierend und voraussagend, wie
weit die Verfolgerin ist. Sie weiß noch nicht alles. Die anderen wissen
es. Sie haben Geduld, machen ihre Späße, und lassen sie an langer
Leine zappeln. Gut, ein Bauernopfer ist nicht schlecht. Einer von ihnen, ohnehin
deklassiert, weil nicht von gleicher Eliteschule, läßt sich von der
Untersuchungsrichterin weichkochen - und in die Notaufnahme schicken. Die Strafverfolgerin
will noch mehr? Mal kontrollieren, was läuft. Ein merkwürdiger Verkehrsunfall.
Body Guards werden ihr aufgedrängt. Eine Beförderung wird in Aussicht
gestellt, allerdings ist sie dann für ihre große Sache nicht mehr
allein zuständig. Grandiose Diensträume bekommt sie - und eine Kollegin,
die zicken wird und sie kontrolliert. All das verschafft ihr der eigene Vorgesetzte,
gütig lächelnd. Auch er im Bunde.
Und nun? "Macht Euren Mist allein", sagt
die Huppert. Und dem Gerichtspräsidenten rät sie: "Kaufen Sie
sich doch ein Paar Eier". Paar großgeschrieben. - Die Erkenntnis?
Daß die Macht, über die sie frei zu verfügen meinte, ihr nur
auf Zeit gewährt ist - von einer Klasse, die ihr unzugänglicher wird,
je mehr sie auf sie zugeht. Sie allein gegen das Einverständnis von Wirtschaft,
Politik und Justiz, das geht nicht. Einmal kurz gelacht über Machtrausch
und Verfolgungswahn und dann bitte schön doch nicht mit dem Kopf durch
die Wand. Die Wand, das sind die sozialen Codes und dahinter sind "die
Ausbeuter, von denen man nur hoffen kann, daß eines Tages ihre Nase von
den Ausgebeuteten gepackt und ausgepreßt wird, um zu sehen ob Milch oder
Blut rauskommt", so Chabrol in einem Interview, bei dem man wiederum nicht
weiß, ob er mit dem einen Auge pliert: "Ich glaube immer noch an
den Klassenkampf".
Paßt. Auch wenns zum Macht-Theater gehört.
Ich fand es jedenfalls gar nicht komisch, daß ich in den siebziger Jahren
gegen die Wand lief. Als Naziverbrechenverfolger in Hamburg. Der sehr hohe Beamte,
angeklagt wegen tausendfachen Mordes an Hamburgern. "Wir haben Ihre Karriere
immer im Auge gehabt, und das soll doch so bleiben", bedeutete mir der
Verteidiger, der eben noch stellvertretender Bürgermeister gewesen war.
- "Wissen Sie, was sie dem Beamten, einem SPD-Mitglied, antun?", so
der stellvertretende Chefredakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung. Ich
erinnere noch ungefähr den Titel der Reportage: "Schwurgerichtsanklage:
Schweres Schicksal -", nächste Zeile, "- für verdienten
hamburger Beamten". Das Gericht folgte sodann dem Gutachten, das dem Angeklagten
bescheinigte, sich nicht verteidigen zu können. Die Anklageschrift sei
zu lang. Er könne sich nicht konzentrieren. - Erst später erfuhr ich,
daß der Sachverständige, Direktor eines Allgemeinen Krankenhauses,
zur Tatzeit Hausarzt des Angeklagten gewesen war.
Kurzum, ich war gegen die Wand gelaufen, erfreute
mich aber der Ernennung zum Abteilungsleiter und damit zum Oberstaatsanwalt.
Bezeugen kann ich somit besten Gewissens, daß Chabrols Machtrausch- resp.
Ohnmachtstheater die Wahrheit ist und nichts als die Wahrheit.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Konkret
Geheime
Staatsaffären
Frankreich
/ Deutschland 2005 - Originaltitel: L'Ivresse du Pouvoir - Regie: Claude Chabrol
- Darsteller: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel
- Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge:
110 min. - Start: 20.7.2006
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