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Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts
Der
Künstler Ivan Igor betreibt im verregneten London der frühen 20er
Jahre ein Wachsfigurenkabinett, in dem er lebensecht wirkende Kopien historischer
Persönlichkeiten ausstellt. Leider wecken seine Exponate nur sehr gering
das Interesse der Öffentlichkeit, so dass sich Igors finsterer Geschäftspartner
eines Tages dazu genötigt sieht, das Museum anzuzünden... um somit
die Versicherungsprämie zu kassieren. Igor muss mit eigenen Augen ansehen,
wie sein Lebenswerk ein Opfer der Flammen wird und kommt bei den vergeblichen
Versuchen, wenigstens einige der Figuren zu retten, fast ums Leben.
Zwölf
Jahre später in New York. Seltsame Dinge geschehen in der Stadt: aus dem
Leichenschauhaus werden immer wieder unbemerkt Tote gestohlen, die spurlos verschwinden.
Die Reporterin Florence Dempsey – immer auf der Suche nach einer Story, die
ihren Namen auf die Titelseite bringen wird – wird auf die mysteriösen
Vorkommnisse aufmerksam und beginnt mit eigenen Nachforschungen. In derselben
Zeit eröffnet Ivan Igor dort ein neues Wachsfigurenkabinett. Da durch das
verheerende Feuer seine Arme und Beine für künstlerische Aktivitäten
unbrauchbar geworden sind, hat er eine Gruppe fleißiger Assistenten um
sich geschart, die unter seiner Aufsicht neue Ausstellungsstücke herstellen.
Ausgerechnet hierhin führt eine heiße Spur die Reporterin. Sie entdeckt
ein grausiges Geheimnis: Igor, dessen Psyche durch die Geschehnisse in London
offensichtlich ebenfalls gelitten hat, konserviert im Keller seines Museums
die gestohlenen Leichen mit Wachs und verarbeitet diese zu Exponaten! Als sie
daraufhin die Polizei informiert und die Gesetzeshüter in das Gebäude
eindringen, stürzt Igor in ein Gefäß mit brodelndem Wachs.
Die
30er Jahre leiteten eine neue Ära des Horrorfilms ein. In schneller Folge
erschienen Klassiker wie Dracula,
Die
Mumie,
Frankenstein
oder Der
Unsichtbare,
die den Universal Studios reichlich Geld in die Kassen spülten. Um sich
ein Stück vom Kuchen abzuschneiden, konterten Warner Pictures mit Dr.
X
und Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts.
Dabei erwies sich das Zweifarben-Technicolor-Verfahren als größter
Trumpf im Ärmel, obwohl es nur die Wiedergabe von Rot und Grün ermöglichte.
In plastisch wirkenden Bildern wurde die Zerstörung des Wachsfigurenkabinetts
durch das Feuer und das Dahinschmelzen der filigranen Figuren gezeigt, was für
das damalige Publikum mit Sicherheit ein einprägsames Kinoerlebnis gewesen
sein mag. Von 1946 – der letzten Aufführung im Rahmen eines Filmfestivals
– bis 1969 verschwand der Film plötzlich von der Bildfläche und galt
schon offiziell als verschollen, bis 1969 eine relativ gut erhaltene Kopie des
Filmes im Privatarchiv von Jack Warner gefunden wurde. Obwohl an dieser Kopie
bereits der Zahn der Zeit genagt hatte, konnte der Film vollständig wiederhergestellt
werden. Leider ging durch eine unprofessionelle Nachbearbeitung ein Teil der
wundervollen Pastellfarben verloren, die Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts
von den schwarz-weissen Horrorstreifen der Universal Studios abhoben. Heutzutage
kann man die Farben nur noch erahnen, doch von seiner Faszination hat dieses
Stück Filmgeschichte kaum eingebüßt.
In
vielerlei Hinsicht unterscheidet sich Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts
von den namhaften Gruselstreifen der Konkurrenz. Der auf Charles Beldens
Story The Wax Works
basierende Film gilt als erster Vertreter des „Modernen Horrors“ - während
die Universal-Monster beispielsweise in finsteren Schlössern oder düsteren
Laboratorien herumspukten, verlegt Regisseur Michael Curtiz die Geschichte mitten
ins hektische Großstadtleben des damaligen New Yorks. Dementsprechend
gibt es jede Menge Nebenhandlungen, in die sich Curtiz mit zunehmender Spielzeit
verzettelt, so dass er manchmal den Faden für die eigentliche Horrorstory
zu verlieren scheint. Glenda Farrel (Lady
für einen Tag)
mag als Reporterin und Aushilfs-Detektivin Florence Dempsey die Handlung vorantreiben,
doch ihr übereifriges Herumschnüffeln wirkt bisweilen ziemlich nervend.
Ihre Rolle dominiert den Film so sehr, dass Fay Wray (King
Kong und die weiße Frau),
die sich hier als erste Scream Queen der Filmgeschichte die Lungen herausschreien
darf, in den Hintergrund gedrängt wird und erst im Finale richtig zum Einsatz
kommen darf. Lionel Atwill dagegen ist eine Traumbesetzung als experimentierfreudiger
Igor. Durch seine tolle Leistung verkörpert er perfekt den nach außen
hin freundlichen wirkenden Künstler, der sich nach erfolgter Demaskierung
durch Fay Wray – einem der schönsten Filmschocks der 30er Jahre – als geistig
und körperlich verkrüppeltes Scheusal entpuppt. Atwill und Wray wirkten
ebenfalls in dem bereits erwähnten Dr.
X
mit, der von Curtiz inszeniert wurde. Wer genau hinsieht, kann Fay Wray übrigens
als Wachsfigur „Marie Antoinette“ während der Eröffnungssequenz in
London sehen... wegen der Hitze der Studioscheinwerfer war man gezwungen, die
empfindlichen Wachsfiguren gegen menschliche Doubles auszutauschen!
1953
– während Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts
noch offiziell als verschollen galt – entstand ein 3D-Remake mit dem Titel House
of Wax,
hierzulande Das
Kabinett des Professor Bondi
betitelt. Vincent Price verkörpert in dieser atmosphärischen Neuauflage
den besessenen Künstler, der seine unfreiwilligen Ausstellungsstücke
durch nebelverhangene Gassen jagt. 1997 planten die italienischen Horrorfilmer
Lucio Fulci und Dario Argento ein weiteres Remake mit dem Titel Wax
Mask,
doch Fulci verstarb kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten. Effektspezialist Sergio
Stivaletti (Dämonen)
übernahm das Ruder und inszenierte mit Wax
Mask
sein Regiedebüt, welches die altbekannte Story variierte und mit einer
deftigen Portion Gore würzte.
Christian
Lorenz
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Das
Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts
Mystery
of the Wax Museum
Alternativtitel:
Das
Wachsfigurenkabinett
USA,
1933
75
Minuten, Farbe
Regie:
Michael Curtiz (= Michael Kertesz)
Drehbuch:
Don Mullay, Carl Erickson
Kamera:
Ray Rennahan
Musik:
Cliff Hess, Bernhard Kaun
Schnitt:
George Amy
Effekte:
Rex Wimpy
Produktion:
Henry Blanke
Darstelller:
Lionel
Atwill - Ivan Igor
Fay
Wray - Charlotte Duncan
Glenda
Farrell - Florence Dempsey
Gavin
Gordon - Harold Winton
Frank
McHugh - Jim
Edwin
Maxwell - Joe Worth
Allen
Vincent - Ralph Burton
Holmes
Herbert - Dr. Rasmussen
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