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Geheimnisse
einer Seele
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Inhalt: Ein Chemieprofessor hat, nachdem sich der Vetter seiner Frau zu Besuch
angemeldet hat, einen konfusen Traum, der in dem Versuch kulminiert, seine Frau
mit einem Dolch zu erstechen. Am nächsten Tag ist er von einer ihm unerklärlichen
Furcht besessen, Messer zu berühren. Als er schließlich, mit seiner
Frau alleine, dem Zwang, jenen Mord tatsächlich zu begehen, beinahe nachgibt,
flieht er aus der Wohnung zu seiner Mutter, die ihm dringend rät, einen
Psychoanalytiker aufzusuchen. Er folgt ihrem Rat. Der Arzt hilft ihm in mehreren
Sitzungen, sich an Einzelheiten des Traumes zu Erinnern, ihn zu deuten, die
Ursachen zu erkennen und schließlich die Phobie zu überwinden. (Quelle:
tonfinder.de)
Gewissermaßen:
Ein Lehrfilm. Entstanden in einer Zeit, in der die raunenden Dunkeleien der
psychoanalytischen Gründertexte sich bereits für das (unheimliche)Unterhaltungskino
anboten, in der die Psychoanalyse selbst aber, so zumindest mein Eindruck, noch
nicht ganz so akzeptiert gewesen ist und ihre Theoreme (oft fälschlicherweise,
natürlich) in den Diskursen anonym geworden sind. Freud selbst war im Vorfeld
der Produktion angesprochen worden, hatte sich als Berater allerdings nicht
zur Verfügung gestellt. Diese Aversion gegen den Film (der, im übrigen,
seinen Auftritt auf dem Parkett der Geschichte des Menschen fast zeitgleich
mit Freud unternahm, am Endpunkt des 19. Jahrhunderts, dessen mit vorrangiges
Projekt wohl die Schaffung von (und der Wille zu) Transparenz ist) war dabei
ganz grundsätzlicher Natur. So kann man es hier im Zitat nachlesen, dass
Freud die Abstraktionen der Psychoanalyse als im Film nicht darstellbar charakterisierte.
Einem Freudschüler kam dann in Folge die Aufgabe der beratenden Mitarbeit
zu.
Freuds
skeptische Haltung mag sich zumindest an diesem fertigen Film als berechtigt
erweisen. Denn der Lehrfilm, eigentlich schon: Werbefilm, wirkt heutzutage (und
vermutlich aber schon: damals) sehr reduziert, wenn nicht gar reduzierend, zurechtkonstruiert
und somit rein inhaltlich geradewegs grobschlächtig. Wie so oft verkehrt
der angestaubte Lehr- und Werbefilm mit den Jahren somit seinen Effekt und stellt,
selbstverständlich nicht intendiert, damit Schwächen und Unschärfen
der Psychoanalyse regelrecht bloß, sehr zur Erheiterung im Kinosaal im
übrigen. Und mit dem Auftritt des Psychoanalytikers im Film verrät
der Film seinen Gegenstand schon fast (ob hier wohl ein Augenzwinkern über
die Dekaden hinweg bemerkbar wird? Wohl kaum, der Gedanke aber - Film als Flaschenpost
nicht über Weltmeere, sondern über Jahrzehnte hinweg - gefällt
mir just in diesem Moment so gut, dass ich das hier hinschreiben muss): Er,
der dem Neurotiker den im Wirtshaus verlorenen Schlüssel nachträgt,
und wie eine zwielichtige Gestalt aus dem Schatten tritt, dabei die Worte "Es
hat sicher einen Grund, dass sie nicht gerne nach Hause kommen wollen"
spricht, er also ist es, der dem Neurotiker und seinem Film das Unheimliche
anträgt, den Neurotiker schlussendlich in die Verwirrung treibt (um dann,
später, demütig beim Psychoanalytiker vorzusprechen, der ihn auch
prompt überrascht begrüßt, er hätte ihn ja so früh
bei sich nun nicht erwartet. Theodor Reik, dessen Texte zur Psychoanalyse ich
(bislang, bei noch geringer Übersicht) sehr schätze, bezeichnete die
Psychoanalyse auch als Überreste der Magie in der Neuzeit. „Geheimnisse
einer Seele“ tritt dazu in Korrespondenz, indem er den Psychoanalytiker in der
Tat als eine Art Schamanen inszeniert, als einen zunächst unheimlichen
Eremiten, der über Geheimwissen verfügt und offenbar auch nicht an
die Grenzen der Physik gebunden ist.
Weiterhin
interessant ist ein kleines Detail, das mit etwas Lust als subversive Rebellion
des Films (nicht unbedingt seines Machers) gesehen werden könnte: Der idyllisierende
Prolog, der den Neurotiker als geheilt, als geretteten Ehemann schon fast campy vor
Heimatfilmkulisse mit Berghütte, Angelerfolg und Familienglück inszeniert,
lässt den Geheilten aus lauter Freude über den Anblick seiner Frau
nebst Nachwuchs, von ihm unbemerkt, die soeben gefangenen Fische wieder in den
Fluß fallen lassen. Ein Missgeschick, das, zuvor, als ein unbewusstes
Agieren gegen eine an sich unerfreuliche Situation zu interpretieren gewesen
wäre. Ist der Mann also gar nicht geheilt? Ist ein Missgeschick manchmal
auch gar nicht inszeniert? Ist diese Unschärfe des Films dessen eigenes
Missgeschick, das von seinem Unbehagen gegen seine eigene Position kündet?
Wie auch immer die Antwort ist: Der achtlos ins Wasser platschende Fang bleibt
im Film ein Fremdkörper, ein kleiner Reibepunkt.
Ist
„Geheimnisse einer Seele“ deshalb ein schlechter Film? Nun keineswegs! Der Film
fungiert als naher Verwandter zum Horrorfilm und arbeitet dessen Nähe zur
Psychoanalyse als textuellem Steinbruch schön heraus: Jeder, der sich mit
dem Horrorfilm näher beschäftigt, wird aus dem Pabstfilm seinen Gewinn
ziehen. Deutlich wird dies vor allem an den wahnwitzigen und sehenswerten Traumsequenzen,
die drei Jahre vor „Ein andalusischer Hund“ diesen schon erahnen lassen ("vorwegnehmen"
wäre ein zu starkes Wort und auch nicht recht passend). Über mehrere
Minuten hinweg bilden diese eine phantasmagorische Insel innerhalb des Filmes,
auf die später, in der analytischen Situation, immer wieder zurückgegriffen
werden wird. Ein ästhetisches Erlebnis von ganz eigener Qualität,
ungemein bildgewaltig und formal hervorragend inszeniert. Es ist diese formale
Güte, die, mehr noch als bei dem dahingehend auch nicht uninteressanten
„Die freudlose Gasse“, diesen Pabstfilm, zumal im Kino, jenseits des Dokumentcharakters
als Kommentar zur Psychoanalyse zu einem sehenswerten Erlebnis macht. War auch
schon die Gasse immer wieder von kleinen Momenten durchbrochen, wo Pabst ganz
dem Film als solchem zum Recht verhalf, bäumen sich solche Momente in „Geheimnisse“
regelrecht gegen den narrativen Fluß auf. Eine nicht verwirklichte, sich
dem Plot nicht fügen wollende Tradition des Kinos spricht hier durch den
Film, die uns vermutlich Bilder und Ereignisse auf Zelluloid geschenkt hätte,
von denen man, in der Tat, nur träumen kann.
Thomas
Groh
Dieser
Text ist zuerst erschienen im:
Geheimnisse
einer Seele
Deutschland
- 1926 - 95 min. - schwarzweiß
Drama
Erstaufführung:
24.3.1926/28.11.1984 NDR
Produktionsfirma:
UFA (Neumann-Film)
Produktion:
Hans Neumann
Regie:
Georg Wilhelm Pabst
Buch:
Colin Ross, Hans Neumann
Kamera:
Guido Seeber, Curt Oertel, Walter Robert Lach
Musik:
Giuseppe Becce
Darsteller:
Werner
Krauss (Professor Martin Feldmann)
Ruth
Weyer (Frau Feldmann)
Pawel
Pawlow (Psychiater Orth)
Jack
Trevor (Vetter)
Ilka
Grüning (Mutter)
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