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Das Geheimnis von Oberwald
IL MISTERO DI OBERWALD (DAS GEHEIMNIS
VON OBERWALD) ist ein Ausnahme-Film unter den Arbeiten Antonionis. Zum ersten
Mal adaptierte er ein Theaterstück und wählte eine melodramatische
Vorlage, ein historisches Kostümstück Jean Cocteaus, das Trivialität
mit einer erlesenen Camp-Attitüde präsentiert. Er konzentrierte sich
auf eine experimentelle Ästhetik, die das Sujet verfremdet, das Melodrama
durch elektronisches Farb-Design modern stilisiert und gegen jede Einfühlung
abdichtet.
Die Farbdramaturgie funktioniert
als Brechung der Effekte und stellt sie als Pop-Manierismen aus. Sie vervielfältigt
die optischen Reize der Darstellung und modifiziert so das Dargestellte, ein
Spiel um Sentiment und Dekadenz.
Die Brechungen reichen nicht weiter.
Die Dramaturgie hält sich an Kontinuität. Die szenische Realisierung
geht von naturalistischer Abbildlichkeit aus: Wälder, Wiesen, ein Bergschloß
mit Turmzimmer, Bibliothek und Gewöibegängen, - darüber legen
sich atmosphärische Farbschleier. Die Schauspielerführung hat Züge
eines nüchtern präsentierenden Stils mit minimalen Posen und gestischen
Unterstreichungen, die die Aufmerksamkeit eher auf das Reservoir von psychologischen
Plausibilitäten als auf den abgehobenen Genuß an outriertem Kitsch
richten. Musik von Richard Strauss, Schönberg und Brahms zitiert gespaltene
fin-de-siecle-Romantik, anstatt sie als geliehen, ausgebeutet und entleert preiszugeben.
So ist IL MISTERO DI OBERWALD das perfekte Melodrama, die bessere Ausführung
von aktuellen Nostalgie-Fernsehspielen und illustrierten Adels-Kolportagen.
Monica Vitti spielt die Königin
eines Phantasie-Staates irgendwo in Mittel-Europa. Seit dem Mord an König
Friedrich am Tag ihrer Hochzeit - zehn Jahre zuvor - hält sie sich vor
dem intriganten Hof verborgen, zeigt sich nur verschleiert, überläßt
ihrer Schwiegermutter, der Erzherzogin, die Staatsgeschäfte, widmet sich
der Jagd und der Poesie, gibt zuviel Geld für die Künste und ihre
Schlösser aus und reist unruhig und einsam von einem Schloß zum anderen,
nur begleitet von dem treuen Herzog Willenstein (Luigi Diberti) und der ehrgeizigen
Hofdame Edith de Berg (Elisabetta Pozzi), ihrer Vorleserin.
In einer Gewitternacht wird in
Schloß Oberwald Alarm geschlagen, weil sich ein Spion in der Nähe
befinden soll. Sebastian (Franco Branciaroli) dringt verwundet durch das offene
Fenster zu der Königin vor, die gerührt seine Ähnlichkeit mit
Friedrich feststellt und sich unerschrocken zeigt mit dem Gleichmut einer Frau,
die schon lange mit der Welt abgeschlossen hat. Sebastian gibt sich als der
anarchistische Dichter zu erkennen, der ein Pamphlet gegen die Königin
und die verrotteten Verhältnisse veröffentlicht hatte, und beauftragt
ist, sie zu töten.
Der Königin hatte das Pamphlet
so gefallen, daß sie es am Hof verteilen ließ. Jetzt ist sie von
dem jungen Mann eingenommen, weil er der lang ersehnte Todesengel zu sein verspricht.
Aber Sebastian lehnt die Pistole ab, die sie ihm anbietet, und ist fasziniert
von ihr, was sie zu spöttischen Bemerkungen veranlaßt: er verliebe
sich in die Feindin und werde seinem Auftrag untreu, sobald er ihr persönlich
gegenüberstehe.
Sie pflegt und verbirgt ihn, erklärt
ihn vor Edith zu ihrem neuen Vorleser und erwidert seine Liebesgefühle.
Sebastian bestürmt sie, in die Stadt zurückzukehren, die Staatsgeschäfte
wieder zu übernehmen und der Korruption ein Ende zu machen. Sie zeigt sich
überzeugt und trifft Vorbereitungen, um mit Hilfe von Willenstein den Hof
im Handstreich zu entmachten. Aber die gekränkte Edith von Berg informiert
den Polizeichef Graf Föhn (Paolo Bonacelli), - die wahre Machtfigur des
Staates -, der den Hof in der Balance halten will. Edith arrangiert ein Treffen
zwischen Sebastian und Graf Föhn, bei dem dieser dem jungen Anarchisten
drakonische Strafe androht, falls er die Königin nicht von der Idee auf
Rückkehr abbringe. Um dem Arrest zu entgehen, ohne die Liebe und die Überzeugung
verraten zu müssen, nimmt Sebastian das langsam wirkende Gift aus dem Amulett
der Königin, - ihre »letzte Rettung«. Beim Abschied verspottet
sie seinen Todesmut, nimmt seiner Tat den Sinn, indem sie ihre Liebe als Heuchelei
darstellt. Sebastian folgt ihr auf dem Weg zur Kutsche und erschießt sie.
Sterbend erklärt sie ihm diese letzte Täuschung als einzig möglichen
Schachzug, um ihn zur Erfüllung seiner Aufgabe zu zwingen und ihr Todesengel
zu sein.
IL MISTERO DI OBERWALD ist Antonionis
zweite Fernsehproduktion; wie bei dem China-Film CHUNG KUO kam der Impuls dazu von außen. 1979 schlug das staatliche
italienische Fernsehen RAI Antonioni ein Remake von Rossellinis Film L’Amore vor. Monica Vitti sollte darin
die Rolle übernehmen, die Anna Magnani gespielt hatte. Die Absicht war
spektakulär, da das Remake eines Films von zwei so populären historischen
Größen mit modernen elektronischen Fernsehtechniken realisiert werden
sollte und die RAI damit demonstrieren konnte, daß die Kontinuität
der Filmgeschichte in den Innovationen des Fernsehens bewahrt bliebe. Eine neue
Zusammenarbeit von Antonioni und Monica Vitti nach sechzehn Jahren versprach
cineastische Publizität: der Mythos der »Trilogie« und von
DESERTO ROSSO konnte wiederbelebt werden und die Vision von Tradition und zukünftiger
Ästhetik hätte sich ideal verbunden in Antonionis experimenteller
Farbästhetik und Vittis Popularität als Komödiantin, die sie
nach der Trennung von Antonioni gewonnen hatte. Antonioni und Vitti empfanden
die Idee eines Remakes von Rossellini als Sakrileg und Antonioni setzte die
Adaption des Theaterstücks L'aigle à deux tétes von Jean Cocteau durch. Cocteau hatte das Melodram 1946 mit Anspielungen
auf die Ermordung der österreichischen Prinzessin Elisabeth (Sissy) und
König Ludwig II. von Bayern geschrieben. Seine eigene Filmversion mit Edwige
Feulliere und Jean Marais (1948) übersteigerte die Sentimentalität
des Stoffes derart, daß Antonioni den Film als Cocteaus schlechteste Arbeit
für das Kino kritisierte. Ihm lag an dem Gerüst der Geschichte, so
daß er die klar herausdestillierten Gefühle atmosphärisch mit
monochromen Einfärbungen betonen konnte. Er kürzte das Stück
zusammen mit Tonino Guerra, so daß das Drama um die Protagonisten zentriert
wurde, ohne die Konventionen des Genres in Zweifel zu ziehen. So ist eine Geschichte
entstanden, die nicht von Liebe erzählt, sondern von deren Abwesenheit.
Die Gefühle sind Manövriermasse in einer Deklamation mit tödlichem
Ausgang, in dem der junge Mann sein Debakel als Gefühlsapotheose erlebt
und die Dekadenz der Königin nach ironischen Täuschungstaktiken siegt,
weil sie die Gefühle erlebt und zugleich als Beweis ihrer Kurzlebigkeit
nutzt. Monadenhaft machen die Figuren andere zu Instrumenten ihrer Zwecke, die
Königin ist radikaler im Konstatieren der falschen Gefühle und zugleich
bis ans Ende in sie verstrickt, - selbst in einem Melodram, das sein Sujet als
»sophisticated camp« präsentiert, bleibt Antonioni bei den
typischen Mustern, vor allem seiner frühen Filme.
Sebastian als Terrorist, der Polizeichef
als zentrale Machtinstanz eines korrupten Staates, die Dekadenz der Königin,
die ihren Mörder insgeheim erwartet, ihn als Todesengel mystifiziert und
darin unbekannte erotische Stimulationen verspürt, - diese dramaturgischen
Scharniere der Fabel forderten nach der Uraufführung von IL MISTERO DI
OBERWALD in Venedig (1980) zu Vergleichen mit der italienischen Realität
heraus. Aber die Eindeutigkeit, widerspruchslose Kontinuität und raffinierte
Rekonstruktion von Konventionen verschließen den Film gegen Interpretationen,
die auf Realismus zielen. Der Stoff ist in diesem Film ein Vehikel für
Antonionis Farbästhetik mit den Mitteln der Elektronik. Er erklärt
die Wahl des Stücks damit, daß es ihm die Chance bot, intellektuell
unbeteiligt zu bleiben: »Natürlich sind mir die Königin und
der Anarchist egal . . . Jedenfalls habe ich nicht versucht, die Geschichte
zu verkitschen, etwas, das mir sowieso fernliegt. Ich habe versucht, neutral
zu bleiben. Wenn der Film kitschig wird, dann weil das Sujet ist, was es ist.
Man kann keine Wunder mit der Kamera erreichen, wenn man an einen Text wie diesen
gebunden ist. Ich glaube, heutzutage ist niemand zu Wundern fähig, nicht
einmal der Allmächtige ... Ich möchte noch immer machen, was ich zu
Zeiten von DESERTO ROSSO einen >Gewaltangriff auf die Realität< nannte.
Das Sujet ist in diesem Fall nicht realistisch . . ., aber es gibt noch Wege,
die Farbe gewalttätig einzusetzen. Zum Beispiel kann man die Grautöne
aus einem Bild herausnehmen oder man kann eine zwiespältige Figur rosa
zeigen.« [M. A. in einem Interview von John Francis Lane in Sight und Sound,
Vol.49, Nr. 1, Winter 1979/80]
Antonioni arbeitete mit den elektronischen
Kameras der RAI, aber nahm manche Szenen in zwei Fassungen auf. Eine war im
Bildaufbau mehr auf den Fernsehschirm orientiert, die andere in Einstellungsgrößen
und Kamerabewegungen mehr auf die Kinoleinwand. IL MISTERO DI OBERWALD sollte
auch als Kinofilm gezeigt werden und Antonioni bestand bei der Produktion darauf,
die Illusion des weiteren Raums in einer zweiten Schnittfassung für die
Leinwandprojektion zu inszenieren. Nachträglich wurden dann die Bilder
eingefärbt, d.h. elektronisch mit monochromen Farb-Rastern überzogen.
Das Prinzip dieser Farbdramaturgie
war, die Innenräume in warmen naturalistischen Tönen zu halten und
äußere atmosphärische Einbrüche und Strömungen zu
verfremden. Die Wälder um das Schloß nehmen im Gewitter die Orange-Töne
von Blitzen an, beim Ausritt der Königin wechselt die Landschaft in die
klare Kühle von Blau und Gelb, Rot-Töne untermalen die Gartenszene
mit den Liebesbekenntnissen des Paares. Die Farbtupfer sorgsam dekorativ verstreuter
Blumenarrangements auf der Wiese wirken wie Bouquets in der Naturszenerie. Der
Polizeichef ist ständig umgeben von einer violetten Wolke, deren Farbsymbolik
Radioaktivität assoziiert.
Die Nachbearbeitung verlief unter
schwierigen Bedingungen, weil Antonioni weniger Zeit zum Ausprobieren der für
ihn neuen Technik hatte, als nötig gewesen wäre. Die elektronischen
Einrichtungen der RAI waren in engen Zeitplänen auch für die fortlaufende
aktuelle Produktion disponiert. Ein weiteres, mehr als nur organisatorisches
und finanzielles Problem war die Übertragung des fertigen elektronischen
Bandes auf 35-mm-Filmmaterial. Antonioni ließ in kalifornischen Spezialstudios
die Kopie anfertigen, aber 1980 war die Überspieltechnik noch so wenig
ausgereift, daß sich die Zeilenauflösung auf dem Filmstreifen als
Grauschleier bemerkbar machte und so die Farbdramaturgie um ihre eigentlichen
Effekte brachte. Die bloß atmosphärische Akzentuierung eines in seiner
Filmographie ungewöhnlich konventionellen Stoffs, die zudem technisch unzulänglich
war und ihren Schauwert verlor, nahm die meisten Kritiker gegen den Film ein.
Das Resultat auf der Leinwand verriet nichts mehr von dem behaupteten revolutionären
Charakter des Experiments. Antonionis Reverenz an die künftige Generation
von Video-Konsumenten schien zu sehr alten Formen verhaftet.
Von der »Attacke auf die
Realität der Farben« blieb die Attacke auf die Realität der
Farbgebungen im Fernsehen übrig, gezielt auch auf die mangelnde Stilsicherheit
und Präzision im Verarbeiten von trivialen Versatzstücken, die in
Fernsehfilmen ihre Künstlichkeit meist verschleiern. Die ironischen Qualitäten
von Antonionis Fernsehfilm werden im Programmzusammenhang sichtbar. Aber auch
als Auseinandersetzung mit der TV-Realität ist IL MISTERO DI OBERWALD kein
Schlüsselfilm geworden. Antonioni distanziert sich absolut von dem Stoff,
so daß er das Genre nicht verarbeitet. Die Brechungen sind minimale Modifikationen
der ästhetischen Mittel, sie schließen die Ironisierung der Produktions-
und Rezeptionsmuster nicht mit ein (L'AMOROSA MENZOGNA war 1948 ein vielschichtiges Experiment in diese Richtung). So
ist der Film die virtuose Variierung der seriellen Fernsehproduktion von Melodramen,
eine Art Übersetzung des Zeige-Charakters der Pop-Bilder aus den 60er Jahren
auf das elektronische Medium. Das Theaterstück von Cocteau funktioniert
wie Andy Warhols Bilder von mythischen Filmstars, die Farbverfremdungen stellen
ihren Charakter als Abziehbilder aus, die Antonioni nun als späte Entdeckung
in den Strukturen von Fernsehbotschaften wiederfindet.
Der resignative Zug in seiner
subjektiven Haltung zu IL MISTERO DI OBERWALD, Technik als Fortschritt zu feiern
ohne das »Wunder« eines adäquaten Erzählstoffs zu finden,
ist in IDENTIFICATIONE DI UNA DONNA am Ende selbst ironisiertes Thema, wenn
der Filmregisseur Niccola vor den unlösbaren realen und filmischen Liebesgeschichten
in die Chiffren einer opulenten Science-Fiction-Vision ausweicht. [Antonioni
experimentiert inzwischen mit Video-Clips. Im Frühjahr 1984 inszenierte
er den Video-Clip zu Gianna Nanninis Song Fotoromanza]
Claudia Lenssen
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Michelangelo Antonioni; Band 31 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1987.
Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung der Autorin Claudia Lenssen und des Carl Hanser Verlags.
Das Geheimnis von Oberwald
IL
MISTERO DI OBERWALD.
Italien
1979
Regie: Michelangelo Antonioni - Drehbuch: Michelangelo Antonioni,
Tonino Guerra, nach dem Bühnenstück L’Aigle à deux tétes von Jean Cocteau. - Kamera: Luciano Tovoli. – Kamera-Führung: Gianni Bonaldi, Annibale Menin,
Giuseppe Muraro. – Kamera-Kontrolle:
Claudio Mornata. - Elektronischer Schnitt: Michelangelo Antonioni, Francesco
Grandoni. - Video-Mischung: Antonio Giglio Fiorito. - Ton: Gianfranco Desideri.
- Ton-Überwachung:
Fausto Ancillai - Videomagnetic: Claudio Gandini. - Technische Koordination: Carlo Torelli. - Musik: Richard Strauß, Arnold Schönberg,
Johannes Brahms - Musikalische Beratung: Guido Turchi. - Bauten: Mischa Scandelli. – Mitarbeit: Athos Mastrogirolamo, Angelo Santucci, Damiano Mastrorocco. - Kostüme: Vittoria Guaita. - Beratung für Farb- und elektronische Effekte:
Franco De Leonardis. - Regie-Assistenz:
Wanda Lazzarino.
Darsteller: Monica Vitti (Die Königin), Paolo Bonacelli (Graf
von Foehn), Franco Branciaroli (Sebastian),
Luigi Diberti (Felix, Herzog von Willenstein), Elisabetta Pozzi (Edith von Berg), Ahmad
Saha Alan (Tony, stummer Diener). - Produktion: RAI-TV, Kanal 2, Polytel International.
- Gesamtorganisation: Sergio
Benvenuti, Alessandro von Normann,
Giancarlo Bernardoni. - Organisation: Bruno Cavagna, Vittorio Petri. - Format:
Video, Farbe. – Original-Länge:
129 min. – Deutsche Version: 123 min. - Uraufführung: 3.9.1980, Filmfestival
Venedig. - TV: 4.10.1982 (ARD); 19.5.1984
(S3). Verleih: in der BRD nicht verliehen.
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