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Über
dem Jenseits
Die
Geisterstadt der Zombies
(Titel der Wiederaufführung)
Nach
WOODOO - DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (ZOMBI 2, 1979) fertigte Lucio Fulci
eine ganze Reihe ungemein blutrünstiger Genre-Filme. Obwohl der Mann so
viele bemerkenswerte, ja manchmal richtig hervorragende und originelle Filme
gedreht hatte, wurde er nach seinen Zombie-Schockern unglücklicherweise
auf diese Splatter-Arbeiten reduziert. Gerade im Ausland feierte man ihn nun
wegen dieser Produktionen, die, obzwar gelegentlich wirklich gut gemacht, weit
entfernt davon sind, Fulci in Höchstform zu präsentieren.
Lucio
Fulci, einstmals Journalist und Filmkritiker, machte sich einen Namen mit einer
gänzlich anderen Art von Film: Nach zahlreichen Drehbüchern begab
er sich 1959 auf eine lange Reise durch das Gebiet der "commedia all´italiana",
des öfteren mit Italiens Starkomiker Totò. Diese Komödiengattung
verband schwankhafte Komik mit dem Erbe des Neorealismus, dessen sozialkritischen
Anteile in die lauten Clownesken der Varietékomik einflossen. Das Bürgerliche
und Reiche war stets die Zielscheibe des Spottes der Arbeiterklasse, welche
die große Masse des Publikums stellte. Gute Manieren wurden dabei ebenso
häufig durch den Kakao gezogen wie unsoziales Verhalten gegenüber
den Minderprivilegierten.
Über
eine lange Kette von Komödien, Western, Krimis und Thrillern gelangte Fulci
durch WOODOO - DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES gänzlich unerwartet zum
Horror-Film. Obwohl er in seinen früheren Produktionen vereinzelt krasse
Gewalt verwendete, war das Phantastische ein Bestandteil, der dem Oeuvre Fulcis
weitgehend unbekannt war. Was Fulci bei den vielen Schockern, die er im Gefolge
von WOODOO erschuf, sicherlich zugute kam, war seine Neigung zu auffallender
Optik: Zooms, schräge Kameraperspektiven und experimentelle Spielereien
sind bereits in seinen frühesten Filmen festzustellen.
Ob
L'ALDILÀ nun der beste Fulci-Zombie ist, ist Geschmackssache. Mit Sicherheit
ist das Buch von EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (PAURA NELLA CITTÀ DEI
MORTI VIVENTI, 1980) wesentlich schlüssiger und dramaturgisch wirksamer;
L'ALDILÀ aber entzückt das Auge des unvoreingenommenen (und hoffentlich
hartgesottenen) Betrachters mit einer derart sprunghaften Erzähllinie,
dass es leicht fällt, ihn wohl als surrealsten aller Zombiefilme zu begreifen.
Die
Handlung beginnt im Louisiana des Jahres 1927. In einem alten Hotel, das auf
den Namen "Zu den 7 Toren" [Anm.: deshalb der amerikanische Erstaufführungs-Titel
SEVEN DOORS OF DEATH] hört, treffen Dutzende fackelschwingender Dörfler
ein, die alle aus einem klassischen UNIVERSAL-Film geflohen zu sein scheinen.
(Dieser Eindruck wird in der englischen Fassung noch dadurch intensiviert, dass
die Eingangsszene vollständig in Schwarzweiß gezeigt wird. Tatsächlich
scheint die alte deutsche Video- bzw. Kino-Fassung die einzige gewesen zu sein,
in der dort Farbe waltet.) Das Gewitter im Hintergrund lässt Böses
erwarten. Und recht so, denn die Dörfler nehmen sich einen Maler vor, dessen
Ruf vor Ort scheinbar nicht der Beste ist. Man schleppt den Unglücklichen
in den Keller, wo er erst an die Wand geschmiedet und dann mit ungelöschtem
Kalk übergossen wird. (Hier sollte der bereits erwähnte hartgesottene
Zuschauer darauf achten, dass das Landei, das den ersten Griff in den Eimer
voll Glück macht, selber einige Spritzer auf die Hand bekommt und nicht
einmal die Miene verzieht: Das Landleben härtet eben ab!)
Vierundfünfzig
Jahre später erbt die schöne Lisa das Hotel und schickt sich an, den
alten Kasten wieder auf Vordermann zu bringen. Leider ist die Periode der Akklimatisierung
von Unfällen gesäumt, die den Leuten widerfahren, die sich mit der
Renovierung befassen. Ein Bauarbeiter stürzt unglücklich vom Gerüst;
ein Klempner geht in den Keller und verliert ein Auge; ein Schlappenschammes
fällt von einer Leiter und wird von Spinnen zernagt!
Was
für ein Glück, dass Lisa auch einige erfreuliche Gestalten zur Seite
stehen, wie etwa der Landarzt Dr. McCabe, dessen Sunnyboy-Auftreten ihn als
typischen Italo-Helden dieser Periode ausweist. Auch ist da die blinde Emily,
bei der schon der Hall, der auf ihrer Stimme liegt, andeutet, dass sie nicht
ganz koscher ist.
Fulci
gibt in diesem Film Vollgas. Man fühlt sich erinnert an Lydia Lunch, die
ja nur zu gerne (und zu laut) bekennt, dass Stille nicht ihre Sprache sei. Genauso
führen in Fulcis Film alle formalen Komponenten ein fast unheimliches Eigenleben,
die eine vollkommen verquere Gruselmär, deren Charaktere sich meistens
benehmen wie die Narren, zu einer ungemein atmosphärischen Reise in eine
Comic-Strip-Paralleldimension umformt, die das Kunststück fertig bringt,
die bewusst künstliche Präsentation von Zirkusattraktionen in den
Kontext einer klassischen Geistergeschichte und deren traditionellen Gruselmomente
zu integrieren. In Fulcis Slapstick-Zauberwelt knirschen Bohlen wie Sägewerke,
platschen Kopfwunden wie zerberstende Fässer und werden Spinnen begleitet
von einer Geräuschkulisse, die sich zusammensetzt aus dem Quietschen von
Mäusen, dem Schrapen und Knautschen von namenlosen Materialien und sogar
dem Fiepen von Radiowellen. Und was das Lustigste ist: Es funktioniert! Auf
eine sehr eigenartige Weise, zugegeben, aber es fällt schwer, sich dem
mysteriösen Charme des Films zu entziehen, der eindeutig jenseits (= L'ALDILÀ)
des unfreiwilligen Humors liegt. Es ist so, als wäre Alice statt ins Wunderland
in einer Irrenanstalt geraten, und nicht alle Menschen, denen sie dort begegnet,
sind nett ...
Es
sind sehr viele schöne Einfälle in dem Film: Die Bilder, die der Maler
vom Anfang gemalt hat, mit ihren unheimlichen Landschaften, die das wirklich
unheimliche Ende des Filmes vorbereiten; Blut, das aus dem Nichts in Wasserlachen
erscheint oder aus Wänden läuft; na ja, und halt diese unglaublichen
Vogelspinnen, die auf einmal ausgerechnet in der Stadtverwaltung auftauchen,
nur um einen Charakter fachgerecht zu zerpflücken ... (Lucio Fulci absolviert
hier einen Gastauftritt als Beamter mit Blick auf die Mittagspause - wohl bekommt's!)
Der
künstliche Gothic-Zirkus des Filmes findet sich auch in der Musik von Fabio
Frizzi wieder, deren Chor unausgesetzt intoniert: "Do-ve sor-ge cre-a-tu-ra?"
- was für eine Zeile, was für eine Musik! Die Kameraarbeit von Sergio
Salvati steht in Fulci-Produktionen immer für Zooms und Tiefenschärfe-Spielereien
in rauen Mengen; so auch hier, der Film ist hyperaktiv.
Was
soll man noch zu den Darstellern sagen? David Warbeck ist erneut eine Bank als
Held und versprüht weltmännische Gewandtheit mit jedem Schritt, den
er macht. Catriona MacColl besitzt genügend Liebreiz, um auch dem grimmigsten
Zombie den Kopf zu verdrehen. Beide können auf dem Audiokommentar der jüngst
erschienenen US-DVD von ANCHOR BAY vernommen werden, die kaum Wünsche offen
lässt.
Hingewiesen
sei noch auf die eine klassische Szene während des Schlussansturms der
modernden Lieblinge, als der in einen Fahrstuhl eingekeilte David Warbeck versucht,
seine Freundin zu beschützen, indem er eine Handfeuerwaffe lädt: Er
steckt die Patrone direkt vorne in den Lauf! Scherzkeks Warbeck erwähnte
in Interviews, dass er in jedem Film versuche, so etwas hineinzuschmuggeln.
In JÄGER DER APOKALYPSE (L'ULTIMO CACCIATORE, 1980, Regie: Antonio Margheriti)
etwa überredete er einen Kollegen, sich einen Zigarettenfilter in die Nase
zu stecken, so dass der Rauch in der Großaufnahme nur aus einem Loch quoll
... Recht so - die Zeit ist reif für subversiven Humor!
Christian
Kessler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei: http://www.buio-omega.de/
Bitte
auch ansehen: http://www.christiankessler.de/
Über
dem Jenseits
Die
Geisterstadt der Zombies
(Titel der Wiederaufführung)
Originaltitel:
L'ALDILÀ
Alternativtitel:
THE BEYOND (USA/Großbritannien)
SEVEN
DOORS OF DEATH (US-Erstaufführung von "Aquarius Releasing")
L'AU-DELA
(Frankreich)
EL
MAS ALLA (Spanien)
HOTEL
DER VERDOEMDEN (Niederlande)
E
TU VIVRAI NEL TERRORE! L'ALDILÀ
(Publicity-Titel)
Land
und Jahr: Italien 1981
Regie:
Lucio Fulci
Produktionsfirma:
Fulvia Films S. r. l., Rom
Produktion:
Fabrizio de Angelis
Drehbuch:
Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo & Lucio Fulci
Story:
Dardano Sacchetti
Kamera:
Sergio Salvati
Schnitt:
Vincenzo Tomassi
Musik:
Fabio Frizzi (US-Version von "Aquarius Releasing": Mitch Tuspeh, Ira
Tuspeh)
Make
Up-Effekte: Giannetto de Rossi
Ton-Effekte:
Enzo Di Liberto
Darsteller:
Catriona MacColl (Lisa Merrill), David Warbeck (John McCabe), Cinzia Monreale
(Emily), Antoine St. John [= Michel Antoine] (Schweik, der Maler), Veronica
Lazar (Martha), Anthony Flees (Larry), Giovanni de Nava (Joe, der Klempner),
Al Cliver [= Pier Luigi Conti] (Harris), Michele Mirabella (Martin Avery, der
Architekt), Giampaolo Saccarola (Arthur, der Hausangestellte), Maria Pia Marsala
(Jill, Joes Tochter), Laura De Marchi (Mary-Ann, Joes Frau), Lucio Fulci (Bibliothekar,
ungenannt) u. a.
deutsche
Erstaufführung: 22.04.1981
Verleih:
Alemannia/Arabella
Format:
1:2,35
Laufzeit:
88 Minuten (= 2355 Meter, deutsche Kino-Version); Originallänge: 88 Minuten
Home-Entertainment
Video:
VMP;
GM
VILM (als ÜBER DEM JENSEITS);
Astro
(als E TU VIVRAI NEL TERRORE! L'ALDILÀ).
DVD:
Anchor
Bay Entertainment, USA.
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