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Gentleman
(I
Can’t Get No) Satisfaction
Oskar Roehlers Debütfilm: "Gentleman"
Der Dreh dieses Debütfilms von Oskar Roehler
war eine Tortour. Eine Woche vor Drehbeginn sprangen zwei Darsteller und der
Produzent ab, später wurde das Filmteam wegen Verdachts auf Drogenmissbrauch
und Gewaltpornographie verhaftet – finanziert hat Roehler seinen Film mit dem
Erbe seiner Großmutter. Deshalb wohl singt Frank, die Hauptfigur, einmal
einen schlechten Blues: „Oma, why are you tot?“
„Gentleman“ ist ein wilder, kruder „American
Psycho“-Verschnitt um einen sadistischen
Killer without a cause, dessen Weg die Gewaltspirale hinunterführt in eine
Orgie aus Drogen und Leichen. Der Film ist dabei weniger stringent als Roehlers
Zweitwerk „Silvester
Countdown“, mit einigen Mängeln
in Kameraführung, Darstellung, Nachsynchronisation. Und mit einigen Lücken
in der Handlung, in den Beziehungen der Figuren zueinander: Beim Schnitt sei
er oftmals nicht zu bremsen, sagt Roehler, er schneide Szenen manchmal zu rigide
heraus, wenn sie ihm nicht gefallen; Löcher und Holprigkeiten nimmt er
dabei gerne in Kauf.
Angefangen hat er als Co-Autor und Setrunner in Schlingensiefs
„Terror 2000“, „aber meine Geisteshaltung ist melancholischer,
düsterer“, meint Roehler im ausführlichen Interview, in dem er sich
(durchaus auch kritisch) über seine Filme und seine Karriere äußert.
Zu Anfang erst mal ein paar Gags: Frank Wolff (der
sich manchmal, beim Telefonat mit einer Escort-Agentur, auch Frank Seltsam nennt)
im Kaufhaus, wütend, weil der bestellte WonderBra noch nicht da ist; sein
Auto wird geklaut, die Nutte hat Aids. Und Germaine, auf die er scharf ist,
kommt mit ihrem Lover in sein Appartement, dafür hat er doch extra für
sie und die kleinen Spielchen, die er vorhat, ein Callgirl bestellt… Eine Party,
die ausartet, Mord, Folter, ausgeklügelte Gewaltakte. Aber kein Erleichterung
seines Luststaus, keine Befriedigung, nirgends. Nicht im Konsum, nicht in Sex,
nicht in Drogen noch in Gewalt. Doch der Frust muss raus, und im Keller stapeln
sich Leichen.
„Gentleman“ ist aufgeladen mit der Mischung aus Bizarrem,
Makabrem, Aggressivem, auch Ironischem, die vor allem die frühen Roehler-Filme
ausmachte. Böser Witz und harte Gewalt verbinden sich, Erklärungen
gibt es nicht, lakonisch führt das Geschehen immer weiter ins Abgründige.
Die DVD ist Teil einer Reihe von Debütfilmen,
die die Anfänge der interessantesten aktuellen deutschen Filmregisseure
vorstellen; und beleuchtet als solche den störrischen Erstling eines Regisseurs,
der inzwischen zusammen mit Bernd Eichinger das
Populäre ausprobiert. Ein Erstling,
in dem schon alle Themen angelegt sind, die Roehler auch in „Agnes
und seine Brüder“, auch in „Elementarteilchen“ bearbeitet (daselbst freilich stilistisch glatter,
psychologisch raffinierter, dramaturgisch eingängiger): Sex und die Einsamkeit
des Individuums, die Unmöglichkeit von Liebe und Glück, tiefe, bittere
Ironie neben bösen Scherzen. Und eine Radikalität des Filmemachens,
die sich in „Gentleman“ auch in der Unmittelbarkeit des Filmdrehs selbst ausdrückt:
Der Schuss Heroin, den sich Hauptdarsteller Kurt Leiner setzt, war echt.
Harald Mühlbeyer
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Gentleman
D
1995.
Regie,
Produktion, Drehbuch, Schnitt: Oskar Roehler
Kamera:
Lorenz Haarmann.
Musik:
Guido Schwarz.
Darsteller:
Kurt Leiner (Frank Wolff), Inga Busch (Germaine), Oskar Roehler (Malek), Gunda
Ebert, Heike Hanold, Nora Jenssen.
Länge:
59 Minuten
Anbieter:
Filmgalerie 451
Extras:
Interview mit Oskar Roehler (30 Minuten), Kinofilmographie mit allen Trailern.
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