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Das
Geschlecht der Sterne
Sterne
werden geboren und müssen sterben. Doch sie haben kein Geschlecht. Deshalb
unter anderem fühlt sich Camille von ihnen angezogen. Nicht nur, weil sie
entdecken mußte, daß der Vater, der die Familie vor vielen Jahren
verlassen hat, mittlerweile eine Frau ist. Das ist verwirrend, doch die Auseinandersetzung
mit dem eigenen Körper und der eigenen Geschlechtlichkeit ist es mindestens
ebenso.
Camille
ist fast 13 Jahre alt, ein Alter, wo sich die Probleme nur so häufen. Besonders
für ein Mädchen, das nicht ganz so ist, wie es sein sollte: ein wenig
zu intelligent, ein wenig zu ernsthaft, ein wenig zu eigensinnig, ein wenig
zu schüchtern. Manchmal steht sie einfach da und guckt wie ein verlorenes
Schaf. Camille fühlt sich einsam und ungeliebt. „Glaubst du, ein Junge
kann sich in ein Mädchen verlieben, nur weil er ihr bei einem Vortrag zuhört?"
fragt sie die Mutter.
Zwischen
sich und den Rest der Welt hat die Hobbyastronomin Camille das Sternenuniversum
und ihren Vater geschoben. Beide sind weit entfernt. Wie eine Waffe hält
sie das Teleskop. Draußen, beim Sternengucken, scheint sie manchmal mit
anderen, magischen Kräften in Verbindung zu stehen.
„Lieber
Papa, ich bin es, Camille...," sagt eine klare Mädchenstimme. „Bitte,
hol mich hier weg!" Doch der Papa im fernen New York, an den Camille ihre
mit Herzchen dekorierten Hilferufe schickt, antwortet nie. Zu sehr ist er in
sein eigenes Leben verstrickt, selber zu schwach. Doch Camille, mit der Verbissenheit
der Verzweifelten, gibt nicht auf, klammert sich an den einzigen rettenden Fixpunkt
in ihrem Leben. Als er dann eines Tages als Marie-Pierre vor ihr steht - onduliert,
mit Lippenstift und Ohrclips („Findest du mich schön?") -, da beginnt
ihr Kampf um diese Liebe erst richtig.
Camilles
Ringen und Werben ist aus der Verlassenheit geboren. Und es ist der Versuch,
Fremdheit mit der Macht der Liebe zu bannen. Die Fremdheit des Vaters als Frau;
doch auch die Fremdheit der Heranwachsenden gegenüber der eigenen Entwicklung,
ihr Versuch, die Zeit anzuhalten, Kindheit zu konservieren im Beharren auf den
Bildern gemeinsamer Erinnerung: Spaziergänge, erzählte Geschichten.
Man
könnte dem Film vorwerfen, mit dem Thema Transsexualität allzu oberflächlich
und leichthin umzugehen. Doch DAS GESCHLECHT DER STERNE ist eben dies nicht:
ein Problemfilm über einen transsexuellen Vater. Erzählt wird vielmehr
eine Liebesgeschichte zwischen einer Tochter und einem Vater, und daß
dieser transsexuell ist, gehört zur Geschichte, ist aber so wenig „ihr
Thema", wie daß es zu vernachlässigende Nebensache wäre.
Zwei Suchende, die einander vorsichtig umkreisen. Doch DAS GESCHLECHT DER STERNE
reduziert die Frage nach der Geschlechtsidentität nicht auf eine Seite,
die des transsexuellen Vaters, sondern spiegelt die Suche des heranwachsenden
Mädchens nach sexueller Identifikation in der des Vaters - und umgekehrt.
Die „Verfremdung" durch das andere, das ,.falsche" Geschlecht des
Vaters, das auch das Autoritätsgefälle einer normalen Vater-Tochter-Beziehung
zu großen Teilen aufhebt, scheint es leichter zu machen, „befreiter"
von Gefühlen, Zärtlichkeit und Wünschen zu erzählen, die
viele Mädchenbiographien auszeichnen, ohne dort je eine Chance zu haben,
ausgesprochen, geschweige denn realisiert zu werden.
Irgendwann
sitzen Camille und Marie-Pierre auf dem Balkon, dunkle umstrahlte Silhouetten
vor dem Geblitzer unzähliger Galaxien. Genüßlich malen sie sich
eine gemeinsame Zukunft in den Wissenschaften aus, dann erklärt Marie-Pierre
der Tochter, daß sie ihren eigenen Weg zu gehen habe: spielerisches Zitat
einer klassischen Vater-Sohn-Situation. „Heißt das, man ist ganz allein,
Papa?" fragt Camille. Und der Vater/Marie-Pierre beginnt, ihr ein Wiegenlied
zu singen.
Kameramann
Eric Cayla überzieht die Geschichte mit einem sanften schimmernden Glanz.
Marianne Coquelicot-Mercier ist eine wunderbare spröde charmante Camille.
Und DAS GESCHLECHT DER STERNE ist eines der eigenwilligsten und anrührendsten
Mädchenporträts, das in letzter Zeit im Kino zu sehen war.
Silvia
Hallensleben
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
DAS
GESCHLECHT DER STERNE
LE
SEXE DES ETOILES
Kanada
1993. R: Paule Baillargeon. B: Monique Proulx (nach ihrem gleichnamigen Roman).
P: Jean-Roch Marcotte, Pierre Gendron. K: Eric Cayla. M: Yves Laferriere. T:
Viateur Paiement, Richard Besse. A: Real Quellette. Ko: Gaudeline Sauriol. Pg.
Les Productions Constellation/fOffice National du Film. V:
Atlas. L: 100 Min. FSK: 12, ffr. FBW:
besonders wertvoll. St:
23.2.1995. D: Doms Mercier (Marie-Pierre), Marianne Coquelicot Mercier (Camille),
Tobie Pelletier (Lucky), Sylvie Drapeau (Michéle), Luc Picard (J. Boulet),
Gilles Renaud (Jacob).
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