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Der Geschmack der Kirsche

 

Der Schatten eines Mannes fällt in eine Sandgrube. Von oben wird Sand nachgekippt, aber der Schatten bleibt an der Oberfläche, er verschwindet nicht. Herr Badii ist am Leben, obwohl er tot sein will. Die Bildsprache des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami ist von magischer Kraft und voller Bedeutung. Er verwendet sie sparsam, aber pointiert. In „Der Geschmack der Kirsche“ komponiert er mit Bildern einer kargen Landschaft die Grundierung eines Seelenzustands. Er lädt uns dazu ein, diesen Zustand zu besuchen, ihn zu erfahren.

 

Wird ein Moslem nicht binnen 24 Stunden nach seinem Tod beerdigt, fällt er ewiger Verdammnis anheim, sagt der Koran. Für einen lebensmüden gläubigen Moslem ist es ohnehin schwer genug, Selbstmord zu begehen, denn nach islamischer Lehre ist sich selbst zu töten eine jedem anderen Mord vergleichbare, schwere Sünde. Das größere Abschreckungspotential scheint jedoch die mit dem Unbeerdigtbleiben einhergehende Strafe zu sein. Erst vor diesem Hintergrund können wir Abendländler „Der Geschmack der Kirsche“ von Abbas Kiarostami besser begreifen.

 

Herr Badii, ein gutsituierter Mann mittleren Alters, fährt mit seinem Wagen durch die Randgebiete Teherans, an Baustellen, Müllhalden vorbei, auf der Suche nach einem Mann, der, gegen gute Bezahlung, verspricht Badiis selbst ausgehobenes Grab mit Erde zu füllen, nachdem Badii sich darin getötet haben wird. Weil er die Wahrheit über seinen angebotenen Job nur selten sofort verrät, sich aber gleichzeitig unfreundlich und aufdringlich verhält, werden ihm sexuelle Absichten unterstellt, begegnen ihm viele Angesprochenen misstrauisch.

 

Unermüdlich und lange sucht der Mann nach dem Geeigneten. Drei Männer sitzen nach einander bei ihm im Wagen, den die Kamera selten verläßt; minutenlang und starr ruht die Kamera auf ihnen oder auf Badii; lange Einstellungen konzentrieren sich auf die Gesichter, zeigen auch die kleinsten Regungen. Jedes Wort findet in „Der Geschmack der Kirsche“ seine angemessene mimische Entsprechung, und wie die Wörter wirken auch die mimischen Leistungen autark und wahrhaftig. Minutenlang folgt die Kamera dem Auto, das die Serpentinen des fast kahlen Hügels aus roter Erde hinaufschleicht zum Erdloch, in dem Badii sich in der Nacht zu töten gedenkt - eine langsame Bewegung hin zur Möglichkeit, zum Ort eines möglichen Todes, ein meditatives Umkreisen einer existenziellen Endlösung - während wir den Ton aus dem Wagen hören: die Überzeugungsversuche eines Todunglücklichen, ihm bei seinem Abgang behilflich zu sein.

 

Nun mögen wir zwar wissen, wie es um Herrn Badii steht. Wir sehen ihm seinen Todeswunsch an. In jeder seiner Bewegungen, Gesten, Worte offenbart sich Lebensüberdruss, doch wir erfahren nichts über eine Vorgeschichte, keinen einzigen Grund, der zu seiner Entscheidung geführt haben mag. So bleibt er ein (fast) unbeschriebenes Blatt, die Möglichkeit, uns vorzustellen, wir seien an seiner Stelle. Eine Chance, auf diesem Blatt anstatt seiner unsere Gründe zu notieren, weshalb das Leben unerträglich sei...

 

Die Hauptfigur ist also auch eine Projektionsfläche, ein von uns getragenes und angereichertes Ich, das (mithilfe unserer Augen) deshalb beginnt, auf die Welt zu schauen, weil es die Welt noch ein letztes Mal braucht: nämlich, um sich von ihr befreien zu können. Herr Badii ist dazu gezwungen, vor seinem Abschied mit einem x-Beliebigen eine Vereinbarung zu treffen, was bedeutet, dass er aus einem durchschnittlich lebensbejahenden Menschen nicht nur einen Totengräber, sondern auch einen Beihelfer zum Selbst-Mord machen muss. Denn nur dessen Bereitschaft ihn zu begraben wird ihn zu seiner Tat befähigen. Unter keinen Umständen will Herr Badii riskieren, dass sein toter Körper länger als 24 Stunden unentdeckt und unbeerdigt bleibt. Was er für diesen Fall befürchtet, muss für ihn noch unerträglicher sein als sein Leben.

 

Deshalb versucht Herr Badii Kontakt zu knüpfen, die Kandidaten zu erforschen, herauszufinden, wer zu dieser makabren Hilfe geeignet ist, bevor er sie zu früh mit seiner Frage konfrontiert. Weil er sie und ihre Lebenshaltungen einschätzen muss, handelt „Der Geschmack der Kirsche“ nicht nur von seiner Hauptfigur Badii, sondern ebenso von den Männern, die er befragt.

 

Badii ist ein Iraner. Er begegnet einem jungen Kurden aus der iranischen Armee, einem Afghanen und Koranseminaristen und einem alten türkischen Tierpräparator.  Keiner dieser Männer hatte oder hat ein leichtes Schicksal. Armut oder die Flucht vor Krieg hat sie in den Iran verschlagen. Die menschlichen Existenzen in „Der Geschmack der Kirsche“ stehen im Zusammenhang mit den Schicksalen ihrer Völker, sind Ausdruck ihrer Kulturen, ihrer Religiosität aber auch ihrer ganz persönlichen Biografien. Nicht nur das Gesicht Badiis ist von schweren Erfahrungen gezeichnet. Doch bei den Männern, die er trifft, bekommen wir deshalb eine Ahnung davon, warum sie aussehen, wie sie aussehen, weil sie über sich erzählen.

 

„Wenn Sie mir nichts über sich sagen, kann ich Ihnen nicht helfen.“ sagt der alte Türke zu Badii. Er ist der einzige, der ihm helfen will - in jeder Hinsicht. Herr Badii schweigt zum ersten Mal sehr lange. Und er hört sehr lange zu.

 

Dass wir das auch tun, fordert dieser Film von uns ein. Wenn wir es unterlassen, werden wir den „Geschmack der Kirsche“ „quälend langweilig“ und „nichtssagend“ finden, so wie der populäre US-Kritiker Roger Ebert. Aber wenn wir genau hingucken, zuhören - wenn wir in der  Atmosphäre eines staubigen Tages am Rande von Teheran den Boden der menschlichen Sinnfrage erspüren, ist es, als seien wir da gewesen, und als hätten wir mit jemandem einmal sehr offen über unsere innersten Gedanken und Gefühle gesprochen. Wenn ein Film so etwas leisten kann, dann ist er nicht nur ein Meisterwerk, sondern auch ein zutiefst humanistisches Geschenk an uns alle.

 

Andreas Thomas, April 2003

 

 

 

Der Geschmack der Kirsche

TA'M E GUILASS

Iran / Frankreich - 1997 - 99 min.

FSK: ab 6; feiertagsfrei

Verleih: Pandora

Erstaufführung: 16.7.1998

Fd-Nummer: 33215

Produktionsfirma: Abbas Kiarostami Prod./Ciby 2000

Produktion: Abbas Kiarostami

Regie: Abbas Kiarostami

Buch: Abbas Kiarostami

Kamera: Homayoun Payvar

Schnitt: Abbas Kiarostami

Darsteller: Homayoun Ershadi (Herr Badii)

Abdolhossein Bagheri (Tierpräparator)

Afshin Bakhtiari (Arbeiter)

Ali Moradi (Soldat)

Hossein Noori (Seminarist)

Ahmad Ansari (Baustellenwächter)

Goldene Palme für den Besten Film, Cannes 1997

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