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Ghetto
Der Filmverleih wirbt mit einem
fünf Jahre alten Schreiben des litauischen Außenministeriums.
"13. Oktober 2000. Der Spielfilm
'Ghetto" ist Teil des nationalen litauischen Holocaust-Gedenkprogramms.
Es entsteht in Zusammenarbeit mit neun Ländern (Holland, Deutschland, Polen,
Frankreich, England, Schweden, USA, Israel, Italien) und soll ein internationales
Holocaust-Gedenkprogramm fördern. gez. Botschafter für Spezialaufträge."
Mit offizieller Unterstützung
von Valdas Adamkus, Präsident der Republik Litauen, kommt der Film jetzt
ins Kino, um seine repräsentative Aufgaben zu erfüllen. Es geht wohl gar nicht anders, die
Last der Vorgaben zu tragen, als auf eine Bilderbuchästhetik zurückzukommen,
wie sie beim Staatsfilm und anderen feierlichen Anlässen dem Protokoll
entspricht. Als Zuschauer hat man es dann schwer, dem Film näherzutreten,
was doch aber wünschenswert wäre, wenn man es nicht nur zur Kenntnis
nehmen, sondern es erleben will, was im letzten Weltkrieg im Ghetto von Vilna
geschah.
Zugrunde liegt das Theaterstück
von Joshua Sobol. Der junge Ghettokommandant (Sebastian Hülk, "Berlin,
Berlin") lebt dort auf unbekümmerte Weise die Herrschaft über
Leben und Tod aus. "Betört" (Presseheft) von der schönen
Sängerin Haya, befiehlt er den Juden, das Theater wieder zu eröffnen.
Bald wird es sein Stammplatz. Doch ach, 1943, "das Kriegsglück der
Deutschen wendet sich" (Presseheft). Stalingrad!
Wenden wir uns den Juden zu. Führer
der jüdischen Ghettopolizei ist Heino Ferch ("Der Untergang"). Ständig handelt er die Zahl der Juden hinunter,
die er für die Erschießungen selektieren soll. Das macht er mit der
Ferch-eigenen stoischen Ruhe, die gleichwohl "Rührung aufkommen läßt;
er findet seinen richtigen Platz immer deutlicher in Filmen zur Vergangenheitsbewältigung"
(Presseheft). Er ist also unser Mann. Aber leider kann er sich gegen einen Ghettobewohner
nicht durchsetzen, der unter all den litauischen Namen auffällt. Weiskopf
also, Geschäftemacher, und "habgierig, wie er ist, kümmert ihn
sein Profit mehr als das Überleben seiner Landsleute - statt möglichst
viele von ihnen durch eine Arbeitserlaubnis zu retten, hält er seine Flickschneiderei
rentabel, indem er so wenig Mitarbeiter wie möglich beschäftigt"
(Presseheft). Pfui. Gut, daß der Jude von Partisanen erschossen
wird. Denn die sind auch da. Das Ghettotheater ist ein Meer von roten Fahnen.
Wo bleibt unser Ghettokommandant?
Er wird sich absetzen. Eine große Zukunft wartet auf Sebastian Hülk.
Auch Ulrich Tukurs Karriere startete 1984 nach der legendären "Ghetto"-Aufführung
im Staatlichen Schauspielhaus Hamburg (Inszenierung: Peter Zadek). Schon damals
war die Vergangenheit bewältigt, indem man sich beschwingt im charmanten
Ghettokommandanten wiederfand, und ich schwöre, die vielen Zitate aus dem
Presseheft treffen den Punkt.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Konkret
Ghetto
Deutschland
/ Litauen 2005 - Regie: Audrius Juzenas - Darsteller: Heino Ferch, Sebastian
Hülk, Erika Marozsán, Vytautas Sapranauskas, Andrius Zebrauskas,
Maragrita Ziemelyte, Alvydas Slepikas, Jörk Lamprecht - FSK: ab 12 - Länge:
110 min. - Start: 8.6.2006
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