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Der
Glanz des Hauses Amberson
Der Nachfolger zu Orson Welles
gelobhudeltem „Citizen Kane“ beschreibt die tragische Geschichte der ruhmreichen
Familie Amberson zur Jahrhundertwende in Indiana, die ihre Blütezeit unfreiwillig
überwindet und über den eigenen Hochmut stolpert, mit sowohl menschlichen
als auch materiellen Konsequenzen. Es geht aber auch um die bürgerliche
Familie Morgan, die in die Verwicklungen der Ambersons sehr stark involviert
ist. Eugene Morgan, der im Jugendalter Isabel Amberson hofierte, verspielte
sich durch einen profanen Lapsus alle Chancen bei ihr. Nach knapp zwei Jahrzehnten
kehrt er schließlich als gemachter Mann, er ist erfolgreicher Automobilingenieur,
mit seiner Tochter Lucy zurück. Als Isabel zufällig just nach seinem
Wiederauftauchen verwitwet, hält der elegante Gentleman Eugene, ebenfalls wieder Single,
erneut um die Hand des sperrigen Frauenzimmers an. Doch auch diesmal gibt es
ein Hindernis. Es ist aber nicht Isabels verletzte Eitelkeit, sondern ihr verhätschelter
Sohn George, auf den sich ihre ganze Zuwendung konzentrierte und an dessen verdorbenem
Charakter sie mehr als nur eine Teilschuld trägt.
George schürt beim Zuschauer
Aversionen, denn er ist ein unsympathischer, herrischer und arroganter Egoist,
der, ethisches Bewusstsein entbehrend, glaubt, sich alles nehmen zu können.
So kann man seine Bemühungen gegenüber Lucy Morgan dahingehend bewerten,
dass ihm bewährte zwischenmenschliche Verhaltensmuster fremd zu sein scheinen.
Darüber hinaus hat er als Verfechter des gelebten Hedonismus eine ganz
eigene Auffassung vom "wahren Leben", das in keinem Fall darin besteht,
sich den Zwängen eines Berufes auszusetzen, sondern nur und ausschließlich
das zu tun, was ihm Freude bereitet, woraus sich eigentlich auch schon wieder
eine Art Zwang generiert.
Er lebt in starren Vorstellungen
und lehnt die Industrialisierung und den Fortschritt ab, da diese drohen, das
eher althergebrachte Geschäft der Ambersons sukzessive in den Ruin zu stürzen.
George projiziert diese Ablehnung auf Eugene Morgan, gegen den er ohnehin Animositäten
hegt, weil er durch ihn das öffentliche Bild der Ambersons gefährdet
sieht. Morgan avanciert also zum ultimativen Feindbild, zum ambivalenten Unheilsbringer
der Familie im geschäftlichen und gesellschaftlichen Sinn.
Die babyspeckige Sorglosigkeit
des verzogenen Nesthäkchens soll offensichtlich ein Dorn im Auge des damaligen
kleinbürgerlichen Sonntagnachmittagzuschauers sein, für den Arbeit
und Wohlstand in einem Kausalnexus stehen und der sich gerne empört, vor
allem über die, die anders sind und es trotzdem schaffen. Aber auch für
jedes andere Publikum erscheint der Versuch für diesen blasierten Bengel
Empathie zu empfinden zunächst ein ebenso aussichtsloses Unterfangen zu
sein wie einem engstirnigen Kreationisten Begriffe wie Urknall oder Darwin nahe
zu bringen. Die von ihm nicht für möglich geglaubte Härte des
Lebens, mit der er durch die Abweisung Lucys und den Bankrott der Ambersons
konfrontiert wird, verschaffen dann sogar für einen kurzen Moment die erwartete
Genugtuung. Der Rutsch durch das im Zuge des Kapitalismus immer breitmaschiger
werdende soziale Netz und damit verbunden die komplett vollzogene Umkehr der
Abhängigkeitsverhältnisse spiegelt aber nicht nur zwangsweise Georges
Perspektive sondern auch den Blickwinkel des Zuschauers, der die Frevel des
nun auf dem Rücken befindlichen Wohlstandskäfers schnell vergisst
und sich jetzt umso rascher in ihm und seinen Existenzproblemen wieder findet.
Was ein Glück, dass die Gesetzmäßigkeiten des klassischen Hollywoodfilms
der Sehnsucht nach Rettung Rechnung tragen und eine glatte Lösung vorsehen,
die Welles, vielleicht mehr wider-, denn bereitwillig schließlich auch
bringt, als er in Form des obligatorischen Moraldopings in einem pathosüberbordendem
Finale alle eventuellen Dualismen auflöst und George mit Eugene, Tradition
mit Fortschritt und den Zuschauer mit der „Glanz des Hauses Amberson“ Frieden
schließen lässt.
Die starke Kürzung des Filmes
von ursprünglich 148 auf handlich-kompakte anderthalb Stunden sollte den
Film von überflüssigem Brokat befreien und an die Sehgewohnheiten
der Zielgruppe (die ist erwartungsgemäß wenig speziell und umfasst
wohl jeden) anpassen. Das schlussendliche Resultat hat im Wortsinne keine Zeit
sich zu entblättern und erweckt nicht selten den Eindruck als würden
wichtige Ereignisse fehlen, da sich die über Jahrzehnte verlaufende Entwicklung
in Zeitraffer abzuspielen scheint. Da überrascht die plötzliche Weltreise,
die Krankheit Isabels und auch der Glanz bröckelt nicht, sondern fällt
ganz plötzlich ab und stellt den Zuschauer vor vollendete Tatsachen. Durch
die rigorose Verstümmelung wird auch das Mitfühlen mit den Charakteren
erschwert. Die Figuren werden trotzdem überzeugend dargeboten, was wohl
vor allem daran liegt, dass Welles hier auf den Kern seines etablierten Ensembles
aus „Citizen Kane“ zurückgegriffen hat; im Einzelnen: Joseph Cotten, Agnes
Moorehead, Erskine Sanford und Ray Collins (auch wenn über die Beurteilung
einiger Aspekte kein einheitlicher Tenor besteht, so ist doch zumindest das
erstklassige Schauspiel in "Kane" mehr als konsensfähig). Welles
selbst, der sich durch unangebrachtes Understatement oftmals umso mehr in den
Vordergrund drängte, begnügt sich hier mit der Rolle des ironischen
Erzählers, der nicht ohne Seitenhiebe die Entwicklung der Industrialisierung
kommentiert, indem er mit ihr einhergehend eine zunehmende Dekadenz des intersozialen
Umgangs und traditioneller Werte heraufbeschwört.
Man hätte sich Welles auch
sehr gut als George vorstellen können. Eine lediglich hypothetische Möglichkeit,
mit der aber keineswegs eine Schmälerung der Leistung der B-Western-Ikone
Tim Holt beabsichtigt werden soll, der mit seiner sehr guten Interpretation
seiner sicherlich schwierigen Rolle die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu absorbieren
versteht.
Das Attribut "konventionell"
versteht Welles anscheinend als Brandmarkung, denn auch hier arbeitet er energisch
mit neuartigen Erzähltechniken, interessanten Überblendungen (sowohl
dialogtechnischer als auch bildtechnischer Art) und expressiven Schattenspielen.
In Sachen Soundtrack verlässt sich Welles aber auf Erprobtes und engagiert
mit Bernard Herrmann (u.a. „Citizen Kane“, „Psycho“, „Fahrenheit 451“, „Taxi
Driver“) erneut einen der Bedeutendsten seines Fachs, dem es gelingt, die dramatische
Entwicklung des Filmes trotz der fehlenden Mosaiksteine erstklassig zu unterstützen.
Der Zwang, sich unbedingt unterscheiden
zu müssen, ohne darauf bedacht zu sein, ob seine Visionen in der damaligen
Filmlandschaft realisierbar und publikumsverträglich sind, hat Welles schon
oft den Unmut des omnipotenten Studios eingebracht, das hier ein trauriges Exempel
statuierte und sich in Abwesenheit des Regisseurs ermutigt sah, den Film – euphemistisch
formuliert - zu redigieren. Bei dieser endgültigen Fassung (die herausgeschnittenen
Szenen wurden vernichtet, um eine spätere Rekonstruktion zu verhindern)
kann man nur mutmaßen, dass der Film seiner eigentlichen Prämisse
nicht vollends gerecht wird und daher nur mit dem Bewusstsein zu genießen
ist, dass er der normierenden Hollywoodschere zum Opfer fiel. Und so fehlt dem
ambitionierten Stückwerk „Der Glanz des Hauses Amberson“ die nötige
Kohärenz und damit der Titel gebende Glanz und dem Zuschauer bleibt nur
die Ahnung von etwas ganz Großem. Um Missverständnissen vorzubeugen:
der Film ist trotzdem eindeutig gut, aber eben leider nicht mehr.
Erik Pfeiffer
Der
Glanz des Hauses Amberson
THE
MAGNIFICENT AMBERSONS
USA
- 1942 - 88 min. – schwarzweiß - Erstaufführung: 10.7.1942 (USA)/22.7.1966
(BRD)
Regie:
Orson Welles
Buch:
Orson Welles
Vorlage:
nach dem Roman „The Magnificent Ambersons“ (1918) von Booth Tarkington
Kamera:
Stanley Cortez
Musik:
Bernard Herrmann
Schnitt:
Robert Wise
Darsteller:
Joseph Cotten (Eugene Morgan), Dolores Costello (Isabel), Anne Baxter (Lucy),
Tim Holt (George), Agnes Moorehead (Fanny), Ray Collins (Jack), Erskine Sanford
(Roger Bronson), Richard Bennett (Maj. Amberson), Orson Welles (Erzähler)
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