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Götter
der Pest
That there's no way to win ...
„Here
we go again
She's
back in town again
I'll
take her back again
One
more time
Here
we go again
The
phone will ring again
I'll
be her fool again
One
more time.“ (1)
„Götter
der Pest“ gehört zu jenen Frühwerken Fassbinders, in denen er an den
film noir anknüpfend den Gangsterfilm zum Ausgangspunkt einer „einfachen“
Geschichte nimmt, die von „einfachen“ Menschen erzählt, die sich „einfach“
aus ihrem Milieu nicht lösen können. Doch schon in diesen frühen
Filmen werden die „großen“ Themen der späteren, den Melodramen von
Douglas Sirk ähnelnden Filme wie etwa die der so genannten „BRD-Trilogie“
(„Lola“,
„Die
Ehe der Maria Braun“,
„Die
Sehnsucht der Veronika Voss“),
angedeutet: die Unmöglichkeit einer Liebe frei von Zwängen, Fassbinders
(Ver-)Zweifeln daran, die Geschlechterbeziehungen, in denen Frauen oft stärker
als Männer sind – und auch sensibler für alles mögliche –, und,
wenn man so will, auch die fast schicksalhafte Verstrickung von Personen in
die Geschichte und die Verstrickung der Geschichte in die Personen, die Analogie
zwischen Geschichte und Biografie usw.
„Götter
der Pest“ ist nicht frei von einem gewissen Sarkasmus, etwa wenn Franz kurz
vor seinem Tod den Satz röchelt „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Oder
wenn Fassbinder den Decknamen des Gangsterbosses mit „Schlöndorff oder
so ähnlich“ angibt (Bezugnahme auf den Regisseur Volker Schlöndorff).
Auch eines seiner größten Projekte kündigt sich in gewisser
Weise in „Götter der Pest“ schon an, wenn Franz in einem Hotel seinen Namen
mit „Franz Biberkopf“ angibt. Später wird Fassbinder in einem Monumentalwerk
für das Fernsehen Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ in 13 Folgen
und einem Epilog in einer Gesamtlänge von 887 Minuten inszenieren (1979/80).
Franz (Walsch) ist der Name für Fassbinder, der auch in anderen Filmen
auftaucht, und für Döblins Franz Biberkopf.
•
I N H A L T •
München,
Stadelheim. Franz Walsch (Harry Baer) wird entlassen. „Bis zum nächsten
Mal“, hört man eine Stimme. Der Franz trägt eine Lederjacke, einen
Schnurrbart und lange Koteletten. Meist schweigt er, wirkt niedergeschlagen.
Wie eine Maschine scheint er zu funktionieren, der Franz. In einem Café
erkundigt er sich telefonisch nach Johanna (Hanna Schygulla). Die Johanna arbeitet
in einer Bar, sie singt dort. Der Franz holt sie ab. Sie gehen was essen, in
irgendeinem Restaurant. Dort sieht der Franz die Margarethe (Margarethe von
Trotta). Kurz schauen sich die beiden in die Augen. „Jetzt bist du da“, sagt
die Johanna und liebkost ihn. „War’s schlimm?“ fragt sie ihn. „Auch nicht anders
als draußen“, antwortet der Franz.
Was
soll er machen, der Franz? Er sucht seine alten Kumpels, seinen Bruder Marian
(Marian Seidowsky) und dessen Freundin Magdalena (Ingrid Caven), er mietet sich
in einem Hotel ein unter dem Namen Franz Biberkopf, zahlt nicht und türmt.
Magdalena nimmt ihn mit zu sich. Marian ist verschwunden. Sie zieht ihn aus,
und der Franz lässt es mit sich geschehen, wie er fast alles mit sich und
überhaupt geschehen lässt.
Inzwischen
ist die Polizei auf seiner Fährte. Der Kommissar (Yaak Karsunke) und der
Polizist (Jan George) wollen an den Kopf der Bande heran, den „Gorilla“. Der
Polizist will es über Johanna versuchen, an die er sich ranmacht. Währenddessen
erfährt Franz von der Carla (Carla Egerer), die Pornoheftchen verkauft
und immer informiert ist, wo der „Gorilla“ wohnen soll. „Er nennt sich Schlöndorff
oder so ähnlich.“ Er geht hin, aber in der Wohnung liegt nur ein Toter
– sein Bruder Marian. Der Franz nimmt auch das gelassen, geht zu Margarethe,
in die er sich verliebt hat, weil die Johanna wollt er sowieso los werden, weil
sie sich zu sehr an ihn hängt, ihm keine Freiheit lässt. Dabei weiß
der Franz gar nicht so recht, was das ist: Freiheit.
Als
die beiden die Wohnung verlassen, trifft der Franz auf seinen alten Kumpel Günther
(Günther Kaufmann), und zu dritt fahren sie zu Joe (Micha Cochina) und
verbringen einen Nachmittag auf dessen Bauernhof. Franz kann nicht anders: Mit
Joe plant er erneut einen Überfall. Es wird Tote geben ...
•
I N S Z E N I E R U N G •
„I've
been there before
And
I'll try it again
But
any fool knows
That
there's no way to win
Here
we go again
She'll
break my heart again
I'll
play the part again
One
more time.“ (1)
Die
Geschichte vom Franz, der aus seiner Haut nicht heraus kann, der sich im Gefängnis
nicht besser oder schlechter fühlt als draußen, ist in ihrer Art
derart minimalistisch inszeniert, dass sie fast schon zu einem eineinhalbstündigen
Klischee gerät. Doch dieses Klischee ist letztlich nichts anderes als ein
auf ein absolut Notwendiges reduzierter film noir. Fassbinder erspart sich sozusagen
jeden Schnörkel, jede Nebenhandlung, jedes Wort, das „zu viel“ wäre,
jede optische „Überreizung“, ja sogar jede Überpointierung seines
Helden oder irgendeiner anderen Figur. Nur so konnte der Film im übrigen
auch im Münchner Unterschicht-Milieu spielen, so dass er als eigenartige
Form des film noir glaubwürdig bleibt. Der Held ist ein armer Tropf, sprachlos
der Welt, seiner Welt wie der, der er nicht zugehört, gegenüberstehend
– ein Melodrama ohne bombastische Auswüchse, reduziert auf den Franz und
die Johanna und die Margarethe und ein paar andere.
Die
Welt, in der Franz groß geworden ist und lebt und aus der er nicht heraus
kommt („but any fool knows that there’s no way to win“, wie es in dem Titelsong
heißt), ist eine merkwürdig gefühllose Welt, wenn es um den
Tod des Bruders, das Verlassen von Johanna, die Aktionen der Polizei usw. geht.
Eine Männerwelt, in der diese Männer fast schon schematisch ihrem
Muster folgen, das sie mit anderen verbindet: hier Franz und Günther und
Joe, dort der Kommissar und sein ermittelnder Polizist. Den Frauen bleibt es
vorbehalten, emotional zu reagieren. Johanna will ihren Franz wieder haben.
Ihre enttäuschte Liebe (nachdem Franz zu Margarethe gegangen ist) treibt
sie in den Verrat, so, wie Margarethes Liebe diese zum Verrat des letzten „großen
Coup“ von Franz und Günther bewegt. Wieder einmal sind es die Frauen, die
die Handlung entscheidend lenken, auch Carla, die die entscheidenden Informationen
weiterleitet.
Doch
es sind auch die Frauen, die sich täuschen, sich selbst etwas vormachen.
Als Franz zeitweise bei Magdalena unterkommt, taucht Johanna bei ihr auf. Franz
gehöre ihr. Ihre Begründung drückt ihre Verzweiflung und ihre
Selbsttäuschung aus: „Er mag blond, das weiß doch jeder.“ Auch Margarethe
täuscht sich in den Männern und sich selbst. Sie will ein Geschäft
aufmachen, ist zur Not bereit, für Franz auf den Strich zu gehen, alles,
um an Geld zu kommen, ohne in das Verbrechen zurückzukehren; aber Franz
lässt sich nicht abhalten. Und Carla? Die Pornoheftchen-Verkäuferin?
Sie muss mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie Informationen an Johanna
weitergegeben hat.
„Götter
der Pest“ ist sozusagen – wenn man im nachhinein auf Fassbinders Gesamtwerk
zurückschaut – eine Art vorbereitende Übung, eine Annäherung
an den von ihm selbst gesuchten Film seiner Filme. Ich vermute, dass „Berlin
Alexanderplatz“ tatsächlich „der“ Fassbinder-Film ist, wenn man es aus
seiner Sicht betrachten würde, zumindest in einem vorläufigen Sinn,
wenn man davon absieht, was er nach seinem letzten Film „Querelle“ noch vor
hatte.
Die
in „Götter der Pest“ visualisierten gescheiterten Existenzen aus der Unterwelt,
die Verlierer, die ihrem Verlorensein nichts entgegenzusetzen haben, weil sie
es nicht können oder wollen, sind andererseits auch bereits hier „nur“
eine Art Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse der Nachkriegszeit,
die für Fassbinder zum zentralen Thema etlicher seiner Filme wurde.
•
D V D •
Der
Rainer Werner Fassbinder Foundation und der e.m.s.-new-media ist es zu verdanken,
dass bislang 19 Fassbinder-Filme seit 2002 auf DVD erscheinen konnten, darunter
auch „Götter der Pest“. Die Boxen umfassen jeweils zwei DVDs mit umfangreichem
Zusatzmaterial, u.a. einem Kurzfilm Fassbinders von 1966 („Der Stadtstreicher“)
sowie der Dokumentation „Life, Love & Celluloid“. Die Filme wurden durch
ein aufwendiges und kostenintensives Verfahren neu abgetastet und haben trotz
ihres Alters und der zum Teil schlechten Vorlagen eine außerordentliche
Ton- und Bildqualität. Der Film ist in schwarz-weiß zu sehen, Tonformat
mono, Untertitel Englisch. Die Gesamtspielzeit beider DVDs beträgt 273
Minuten.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei:
(1)
Text und Musik von Steagall and Lanier.
Götter
der Pest
Deutschland
1970, 91 (88) Minuten
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Musik:
Peer Raaben
Director
of Photography: Dietrich Lohmann
Schnitt:
Rainer Werner Fassbinder
Produktionsdesign:
Kurt Raab
Darsteller:
Hanna Schygulla (Johanna), Margarethe von Trotta (Margarethe), Harry Baer (Franz),
Günter Kaufmann (Günther), Carla Egerer (Carla), Ingrid Caven (Magdalena
Fuller), Jan George (Polizist), Lilo Pempeit (Mutter), Marian Seidowsky (Marian),
Micha Cochina (Joe), Yaak Karsunke (Kommissar), Hannes Gromball (Supermarkt-Chef),
Rainer Werner Fassbinder (Porno-Kunde), Kurt Raab (Kneipengast), Katrin Schaake
(Wirtin), Lilith Ungerer (Mädchen im Café)
Internet
movie database: http://german.imdb.com/title/tt0065808
©
Ulrich Behrens 2004
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