zur startseite
zum archiv
Der
Goldene Kompass
Obacht in Oxford!
Nicole Kidman zwischen schmuddeligen Intrigen
und klarer Bergluft: In "Der Goldene Kompass" verschwinden Kinder
auf mysteriöse Weise.
Dies ist ein 180-Millionen-Dollar- Spektakel nach
einem Millionenauflagen-Buch, ein Star-Film, der seine Mega-Stars gern ins Gebirge
schickt. Daniel Craig zum Beispiel führt eine solche unglückliche
Randexistenz, und Nicole Kidman muss sich ihre Leinwandauftritte mit einem melancholischen
Affen teilen. Souverän dagegen die beiden Oldtimer Sam Elliott und Ian
McKellen. Sam darf in aufrechter Mark-Twain-Manier paradieren und Sir Ian leiht
- ein Königreich für einen Eisbären! - seine Stimme dem unerschütterlichen
Iorek, dem Bärenkönig im Exil, verbannt in die schmutzigen Menschenstädte,
auf die Marktplätze und in die Schaubuden. Der Film ist konsequent in seinem
Kontrast zwischen schmuddeligen Intrigen - in bourgeoisem, doppelzüngigem
Milieu - und einer Sehnsucht nach Reinheit, einem Drang in die klare Polarregion.
Er schlägt sich schnell auf die Seite des Volks, der derben, ruhelosen
Menschen, die sich zusammenfinden im Kampf gegen Fanatiker und Funktionäre.
Philip Pullman, Verfasser der zugrunde liegenden Romantrilogie "His Dark
Materials", ist ein Oxfordianer mit Bodenhaftung - in seinen Gyptern haben
sich Freunde wiedererkannt, die im Boheme-Viertel Jericho leben, auf einem Hausboot
auf dem Kanal.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht das
Mädchen Lyra (Dakota Blue Richards in einem couragierten Leinwanddebüt),
die in einem College in Oxford lebt und einiges mitkriegt von den Machtspielen
des mysteriösen Magisteriums. Sie kriegt den Goldenen Kompass in die Hände,
ein Alethiometer, das - wie denn nicht - der Erkundung der Wahrheit dient, einer
vielfarbigen und -deutigen Wahrheit. Ihr bester Freund wird verschleppt, nicht
das erste Kidnapping in Oxford - es heißt, die Kinder würden in einem
Labor im Norden grausamen Experimenten ausgesetzt, um sie in willfährige
Wesen zu verwandeln.
Weil mit dem Magisterium durchaus kirchliche Instanzen
gemeint sein könnten, hat der Film schon vor dem Start in den USA den Unmut
religiöser Gruppen hervorgerufen. Fantasy steht dort unter Generalverdacht,
und durch die Harry-Potter-Serie steigert sich der Erregungsgrad von Jahr zu
Jahr. Im Oktober schon denunzierte die Catholic League for Religious and Civil
Rights die Kompass-Leute quasi als Dealer, der Film "verkaufe Atheismus
an die Kinder". Die katholische Autorin Sandra Miesel bringt ein Buch über
Pullman heraus, das den Autor einen "Rattenfänger des Atheismus"
nennt. Die katholischen Bischöfe sehen es eher gelassener, für sie
ist das eine Geschichte gegen Autoritarismus, für Individualismus. Pullman
entdeckt in der Tat ungeahnte Aspekte in den Elementen der christlichen Glaubenslehre,
bei ihm wird der Sündenfall mit kreativem Potential aufgewertet und Staub,
sonst eher diffus verteufelt, gilt als erkenntnisfördernd. Gott sieht sich
in die Ecke des scharlatanischen Wizard
of Oz gesteckt. Den Regisseur Chris
Weitz kennt man von der "American Pie"-Trilogie, die er mit seinem
Bruder Paul produzierte, und von "About
a Boy", nach Nick Hornby mit
Hugh Grant. Er hat in Cambridge studiert und kennt sich mit Milton ausgezeichnet
aus, der Pullman den Titel lieferte für seine Trilogie, mit dem dunklen
Basismaterial, aus dem Gott seine Welten formte.
"Der Goldene Kompass", der erste Teil der
Trilogie, von New Line Cinema, der "Herr
der Ringe"-Firma, produziert,
ist subtiler und kühner als die gewohnte Festtags-Fantasy, der Output der
Potter-Maschine. In dieser Welt haust die Seele nicht im Körper, sondern
manifestiert sich in Tieren, die den zugehörigen Menschen treu begleiten,
sich für ihn engagieren, je nach Stimmung auch die Gestalt wechseln. Eine
wunderbare Kommunikation, das Kino als Schauplatz der Psyche. Selbst die eisig
schöne Über-Blondine Nicole Kidman wirkt, wenn sie sich einsam an
ihr Äffchen schmiegt, auf einmal verletzbar und schutzbedürftig.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Süddeutschen Zeitung
Der
Goldene Kompass
THE
GOLDEN COMPASS, USA 2007 - Regie, Buch: Chris Weitz. Nach dem Roman von Philip
Pullman. Kamera: Henry Braham. Schnitt: Peter Honess, Anne V. Coates, Kevin
Tent. Produktionsdesign: Dennis Gassner. Mit: Nicole Kidman, Dakota Blue Richards,
Daniel Craig, Sam Elliott, Eva Green, Christopher Lee, Tom Courtenay, Derek
Jacobi, Simon McBurney, Ian McKellen. Warner, 118 Minuten.
zur startseite
zum archiv