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Die
Große Depression
„Made
in Germany“ – ein Etikett für Mutlosigkeit und Dauerpessimismus? Konstantin
Faigle tourt durch Deutschland, um die „große Depression“ zu bestimmen
– und findet heraus: Wir jammern zu viel. Aha.
Endlich
muss Schluss sein mit dem Gejammer in Deutschland! Denn Deutschland jammert
auf hohem Niveau. Eigentlich geht es uns gar nicht so schlecht, schließt
Konstantin Faigle am Ende seines Films, so schlimm, wie die Medien und ihre
Rezipienten verkünden, ist es um uns gar nicht bestellt. Soso. Faigle wird
Vater, und um herauszufinden, in welchem Land seine Tochter geboren wird, begibt
er sich als Stimmungsmesser auf eine Reise quer durch die Heimat. Ist es wirklich
ein einziges Jammertal, durch das er da tourt, oder dienen die düstren
Parolen bloß billiger Politstrategie?
Gleich
zu Beginn schießen Fernsehzitate über die Leinwand: Rau, Schröder
und Merz bestätigen die miserable und aussichtslose Lage. „Mit 16.500 Euro
Schulden kommt jedes Kind hier auf die Welt“, beschwört Merz. Ob er das
seiner Tochter antun kann, fragt Faigle sich dann und spinnt damit den roten
Faden des Films. Selbst angeblich Hypochonder („Zementallergie“) und von Schwermut
fast erdrückt, möchte er wissen, ob wir tatsächlich dauernd schwarz
sehen und wenn ja, welche Gründe es dafür gibt und was man dagegen
tun kann.
Dazu
befragt er seine Mitmenschen. Auch Professor Dr. Florian Holsboer vom Max-Planck-Institut
bestätigt die negative Stimmung: Es herrsche eine „gehemmte Depression“
im Lande, die zwar recht milde erscheinen mag, dennoch aber großen Einfluss
ausübe. Genmanipulation könne dagegen kaum etwas ausrichten, da sei
die Forschung noch nicht so weit. So ist es unmöglich, sich des Erbguts
des Inders aus Kerala, „dem glücklichsten Menschen der Welt“, zu bedienen,
um den Deutschen ein ebenso breites Grinsen aufs Gesicht zu zaubern, klagt Faigle
am Ende des Gesprächs.
Seine Interviewpartner sollen einen Querschnitt der
Gesellschaft liefern. Unter anderem geben Walter Jens, der selbst unter Depressionen
litt, Vera F. Birkenbihl, die so genannte Meme - populärwissenschaftliche
Denkmodelle - als Allheilmittel begreift, und Alice Schwarzer Auskunft über
Gründe und Umgang mit der Krankheit. „Über Depression muss viel mehr
gesprochen werden, sie ist nicht ehrenrühriger als eine Blinddarmentzündung“,
sagt Walter Jens, und Alice Schwarzer sinngemäß: „Depressive Männer
sind sexy.“ Des Weiteren kommen Faigles Familie, Schülerinnen und ein paar
Touristen zu Wort. Vielleicht braucht Deutschland einen König, so wie die
nüchternen, aber humorvollen Briten, fragen sich letztere, als sie den
als Ludwig II. verkleideten Minibusfahrer vor Schloss Neuschwanstein fotografieren.
Insgesamt aber fühlen sich alle ganz wohl.
Seichter,
alberner Humor durchzieht den Film des selbsternannten Dokumentaristen. Nicht
auf ernste Art und Weise soll die Lage der Nation analysiert werden, nein, in
unterhaltsam-ironischer Manier. Uns wird vor Augen geführt, wie lächerlich
die Jammerei ist; denn eigentlich geht es uns gut – wenn wir nur wollten. „Deutsche,
hört mit dem Jammern auf!“ – mit diesem Spruch zieht Faigle bei der Leipziger
Montagsdemo durch die Straßen. Selbstverständlich erntet er damit
Ärger, eine Diskussion entfacht. Ihr Fazit ist: Es fehlt an Arbeit. Doch
woher nehmen und nicht stehlen? Die Demonstranten erhalten nur wenige Minuten
Redezeit im Film, dann rauscht der Provokateur weiter zu einer heitereren Station:
Starnberg, der „glücklichsten Stadt im Land“.
Faigle
bedient sich der gleichen Methode wie Michael Moore. Zu Beginn stellt er eine
Frage, auf die eine Antwort er zu suchen vorgibt – und zwar mittels Kamera.
Doch seine These steht schon fest, nur noch die Argumente fehlen, oder eher:
die Menschen, mit denen er diese illustrieren kann. Wichtig bei dieser Pseudo-Beweisführung
ist, dass sie nicht ins „Intellektuelle“ verfällt. Damit aus dem schweren
Thema trotzdem ein leichter Film entsteht, werden Thesen und ihre Vertreter
nur gestreift oder gleich ins Lächerliche gezogen. Zwischendurch gibt es
noch ein Musikvideo von Barbarossa, Versuchsmäuschen in einem rosa Luftballonwald
und Puppentheater über Deutschlands Geschichte. Und damit wirklich alle
erfahren, dass nach jedem Regen Sonnenschein folgt, wurde stets unter blaustem
Himmel gedreht.
Der
Regisseur tut es seinen Kollegen von Weltverbesserungsmaßnahmen (2005)
gleich, die ebenso zu denken scheinen: Je weniger Ernst und je mehr Bum-Bum,
desto eher schrumpfen die Probleme. Mit Pauken und Trompeten ziehen sie durchs
Land. Anstatt für Utopien zu kämpfen wie etwa die Dreierbande in Die
fetten Jahre sind vorbei
(2004) oder das Duo in Quereinsteigerinnen (2005),
stampfen sie ernsthafte Ideen zu Brei oder vermeiden sie von vornherein. Faigles
heiter-distanziertes Geplänkel über „Dichter und Denker“ und „Richter
und Henker“ ist keine Form von Selbstironie, sondern nervige Narzissmus-Rhetorik.
Ein Jammer!
Sarah-Mai
Dang
Dieser Text ist zuerst erschienen bei www.critic.de
Die
Große Depression. Eine Komödie zur Lage der Nation
Deutschland
2005; 92 Minuten; Regie: Konstantin Faigle; Mit Alice Schwarzer, Walter Jens,
Florian Holsboer, Hans Faigle, Josefine Faigle, Vera F. Birkenbihl, Ortwin Renn,
Günter Jerouschek
Kinostart:
1.9.2005
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