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Der
große Japaner - Dainipponjin
Der Vergleich zwischen einem Superhelden
und einem kompakten Regenschirm wirkt ungewöhnlich, doch leuchtet er ein:
von ihrer nützlichen Seite zeigen sich beide nur im Zustand voller Entfaltung,
während sie sich sonst durch knirpshafte Unauffälligkeit auszeichnen.
Während aber Clark Kent alias Superman wohl nur deshalb den Schussel hinter
dicken Brillengläsern gibt, um aus dem Verborgenen heraus operieren zu
können, lernen wir den realen Japaner hinter einem Monsterkiller und Koloss
namens Dainipponjin als veritablen Nerd kennen, als langhaarigen, nachlässig
gekleideten, trübselig durch Tokio schlurfenden Interviewpartner, dem jede
noch so banale Auskunft mühsam aus der Nase gezogen werden muss. Halb Mockumentary
im Stil von Woody Allens „Zelig", halb Monstermovie à la „Godzilla", wurde „Der große Japaner"
entwickelt und inszeniert vom japanischen Starkomiker Hitoshi Matsumoto - der
sich für die Credits um zwei Konsonanten erleichtert hat. Zudem spielt
„Hitosi Matumoto" den Midlife-Crisis-geplagten Supermann selbst.
Actionfans, die sich ins Kino verirren,
dürfte der Film eher enttäuschen, überwiegen doch die Szenen
aus dem Alltag eines Menschheitsretters, der weit unten auf der nationalen Beliebtheitsskala
angekommen ist. Wie letztlich jeder Popmythos in den Bedingungen seiner Entstehungszeit
wurzelt, erweist sich „Der große Japaner" als kaum verschlüsseltes
Psychogramm des männlichen Japaners schlechthin. Nur sporadisch ist die
anspruchsvoll-komplexe, aber durchweg fesselnde Absteigergeschichte mit Computertrickduellen
zwischen einem riesigen Dainipponjin und diversen Mutantenmonstern garniert.
Doch auch die Effektszenen spiegeln gesellschaftliche Probleme wie Generationskonflikte,
Bindungsunfähigkeit, sexuelle Frustration, Umweltverschmutzung und Konsumterror
wider. So versucht die an Daisato/Dainipponjin mehr und mehr herumkrittelnde
Managerin, ihren Klienten als Werbeträger einzusetzen. „Meine Hüften
gehören mir", wehrt sich Daisato - vergeblich.
Die Illusion, es könnte Spaß
machen, ein Superheld zu sein, nimmt uns Matumoto von Anfang an. Damit sein
Protagonist in die lila Riesenunterhose eines ins Gigantische aufgeplusterten
Sumo-Ringers passt - eine japanische Version von Hulk vielleicht -, muss er
sich regelmäßig einer schmerzhaften Transformationsprozedur mittels
Starkstroms unterziehen, umrahmt von einem albernen buddhistischen Ritual, das
als überflüssige nostalgische Zutat entlarvt wird. Früher war
alles besser: Seit sechs Generationen kämpfen die Männer in Daisatos
Familie gegen alle möglichen Monstren. Der geliebte Großvater war
Idealist, der Vater ging am eigenen Größenwahn zugrunde, und dem
Sohn ist kaum mehr als die Selbstachtung eines städtischen Abfallentsorgers
geblieben. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, zumal Daisatos einziger Spross
ein Mädchen ist, das von der Mutter von ihm ferngehalten wird. „Wir leben
getrennt", gibt die Noch-Ehefrau zu Protokoll,
„auch wenn Daisato das noch nicht richtig gemerkt hat."
Fad geworden ist die Liebe, dreckig der
Krieg: Gegen armselige Manga-Gestalten wie das Mietshäuser zerdrückende
„Quetschmonster", das amüsiersüchtige „einbeinige Hüpfmonster"
oder das „böse starrende Monster", dessen schlangenartiger Penis in
einem in jeden Winkel vordringendes Auge mündet, könnte man Godzilla
fast für eine Stil-Ikone halten. Mit der schrumpfenden Popularität
des Helden nimmt auch seine Kampfkraft ab. Zusätzlich machen ihm noch peinlich
an die Öffentlichkeit dringende Familienangelegenheiten zu schaffen: Während
der demenzkranke Großvater aus dem Altenheim flüchtet, sich selbsttätig
vergrößert, auf Fabrikschornsteinen wie auf Bierflaschen bläst
und mit Passagierflugzeugen rumspielt, scheint Daisatos Vater als gigantische
Teufelsfigur wiederauferstanden zu sein, gegen deren Tritte der Sohn machtlos
ist. Der einst große Japaner liegt am Boden und kann nur durch einen vierfachen
Deus ex machina auf die Beine kommen: Ohne amerikanischen Beistand geht es offenbar
nicht, und so führt Matumoto für sein brechtsches Finale eine in den
US-Flaggenfarben gehaltene Superheldensippe ein, die der Inkarnation des Bösen
ordentlich eins auf die Hörner gibt. Die trashige Schlussperformance erinnert
von fern an die Aktionskunst von Paul McCarthy und ereignet sich in einer Modell-Stadtlandschaft,
die an den billigen Godzilla-Filmsets der 50er- bis 70er-Jahre orientiert ist.
Warum verzichtet Matumoto hier auf Digitaleffekte? Einerseits könnte er
das Budget zu diesem Zeitpunkt der Dreharbeiten schon überzogen haben.
Andererseits scheint in der Trash-Gestaltung des Finales ein perfider Hintersinn
verborgen zu sein: Schließlich sind die USA am Godzilla-Mythos nicht ganz
unschuldig - folgt man der Interpretation des Monsters als Allegorie der Atombombenabwürfe
auf Hiroshima und Nagasaki. Und demgemäß scheint sich Dainipponjin,
der seine Daisato-Existenz am Ende ganz abgestreift zu haben scheint, auch nicht
übermäßig zu freuen, dass er, in Form einer an Fäden hängenden
Plastikpuppe, von den Super-Amis in einen gemalten Himmel entführt wird.
Die Flugträume ausgedienter Regenschirme sehen bestimmt anders aus.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Zu diesem Film gibt’s im
archiv der
filmzentrale mehrere Texte
Der
große Japaner - Dainipponjin
Japan
2007 - Originaltitel: Dai-Nipponjin - Regie: Hitosi Matumoto - Darsteller: Hitosi
Matumoto, Riki Takeuchi, Ryunosuke Kamiki, Itsuji Itao, Haruka Unabar - FSK:
ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 113 min. - Start: 17.7.2008
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