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Händler
der vier Jahreszeiten
„Wenn
du viel hast willst du noch mehr ...“
„Deine
Sehnsucht kann keiner stillen
wenn
die Träume sich auch erfüllen.
Wenn
du viel hast willst du noch mehr
oh
Mama mia ich denk' oft an dein Lied.“ (1)
Hans
Epp (Hans Hirschmüller) flieht in den Krieg. Er flieht vor seiner Mutter
(Gusti Kreissl), einer hartherzigen Frau, die ihre Kinder – die Hans liebende
und verstehende Schwester Anna (Hanna Schygulla) und die der Mutter zugewandte
Heide (Heide Simon) – allein aufziehen musste. Sie will, dass aus Hans einmal
etwas wird, dass er sich bei dem, was er tut, nicht die Hände schmutzig
macht. Hans erträgt diesen moralischen und erniedrigenden Druck nicht und
geht zur Fremdenlegion.
Seine
Mutter ist die erste Frau, die Hans enttäuschte, weil er sie enttäuschte.
Diese beiden Enttäuschungen sind unterschiedlicher Art. Die Mutter drängt
auf das Äußere, das Vermittelte und Mittelbare, das Herrschende,
das Etwas-Her-Machende. Hans folgt ihr nicht. Diametral entgegengesetzt ist
seine eigene, innere, tief bohrende Enttäuschung über die Mutter,
die ihn weniger zu lieben scheint, als zu formen versucht. Doch weitere Frauen
in Hans Leben perpetuieren diese Enttäuschung, bauen in Hans Herz und Gemüt
ein düsteres Bild vom Menschen, zunächst die Frau, die im Film keinen
Namen trägt (Ingrid Caven), die Frau, die Hans immer geliebt hat, die Frau,
die anscheinend so ganz anders ist wie seine Mutter, die seinen Heiratsantrag
aber ablehnt, weil Hans, als er aus der Legion zurückkehrt, Obsthändler
wird, nachdem er aus dem Polizeidienst, den er zunächst als Beruf gewählt
hatte, entlassen worden war. Die große Liebe kann das mit ihrer eigenen
Herkunft und Familie nicht vereinbaren. Obwohl anders in ihrer Art als die Mutter,
knüpft sie den roten Faden weiter, der sich durch Hans Leben zieht: den
von ihm geforderten Erfolg als Gegenleistung für Liebe. Das Leben ist für
Hans ständiges Herausgefordertsein.
Hans
hat Irmgard (Irm Hermann) geheiratet, die Frau, die er nicht liebt. Die Frau,
die er auch liebt und die ihn versteht und vor dem Rest der Familie verteidigt,
seine Schwester Anna, kann er ja nicht heiraten. Und eine weitere Frau, Marile
Kosemund (Elga Sorbas), eine Prostituierte, sorgt unbeabsichtigt dafür,
dass Hans aus dem Polizeidienst geworfen wird, weil sie ihn nach ihrer Festnahme
auf dem Revier zu verführen versucht und der Vorgesetzte von Hans (Hark
Bohm) dies bemerkt.
Frauen
scheinen den Obsthändler zu zerstören. Und sicher ist dies ein Teil
der Wahrheit über den Obsthändler Hans Epp, aber eben nur ein Teil.
Fassbinder selbst äußerte sich zu seinem Film u.a. in diese Richtung:
„Hans stirbt, von Frauen zerstört und vom System allein gelassen. Er weiß,
was er tut.“ Fassbinder wäre allerdings nicht Fassbinder, wenn am Ende
des Films das Resümee gezogen werden müsste: Die Frauen sind alle
schuld. Der Film setzt nicht auf einseitiges Mitleid, auf Konfrontation gegen
die fünf Frauen. „Händler der vier Jahreszeiten“ eröffnet einen
neuen Reigen Fassbinderscher Filme, in denen der Regisseur seinem großen
Vorbild Douglas Sirk und dessen Melodramen der 50er Jahre (u.a. „Was der Himmel
erlaubt“, 1956; „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, 1958) folgt. Der Film ist
ein deutsches, besser ein Münchner Melodrama, allerdings doch in ganz anderer
Manier als bei Sirk, einig in der Aussage, oder vielleicht besser: erhärteten
Vermutung, dass Glück und Liebe in den herrschenden familiären Banden
nicht möglich sei.
„Buona
Buona Buona Notte Bambino mio
alles
was man will das kann man nicht haben.
Buona
Buona Notte schlaf ein mein Junge
Sehnsucht
wirst du immer im Herzen tragen.
Das
hat mir Mamia abends immer vorgesungen
wenn
ich von meinem Bett aus
durch
ein kleines Fenster
alle
Sterne sehen wollte
und
nicht einschlafen konnte.“ (1)
Zugleich
hat die Geschichte von Hans und den anderen sowohl einen zeitlich klar umrissenen,
historischen Bezug: die Nachkriegszeit der 50er Jahre und die Auswirkungen der
nationalsozialistischen „Vorzeit“, als auch einen ebenso deutlich strukturierten
Realitätsbezug im Hinblick auf die Verhaltensmuster der Handelnden: Das
Milieu, das Fassbinder uns zeigt, ist stimmig. Der Kitt, der die Personen zusammenhält,
ist das ökonomische Gesetz, das Geld, der geldliche Zwang. Hans ist Obstverkäufer
und leidet unter der zänkischen, kontrollierenden Art seiner Frau Irmgard,
die in ihm jeden Ansatz von Freiheit und Zartheit, von positiven Gefühlen
ignoriert, ja zu zerstören sucht. Hans flüchtet zu seinen Trinkgenossen
in die Kneipe. Und als er eines Tages betrunken nachts nach Hause kommt, verprügelt
er im Suff Irmgard vor den Augen der Tochter. Als Irmgard am nächsten Tag
zu seiner Familie flieht – so stellt sie diesen Schritt dar, so wirbt sie für
sich –, wird das ganze Ausmaß an Fremdbestimmung fassbar, der Hans unterworfen
ist und gegen die er nichts tun kann, weil er nicht gelernt hat, mit solchen
Konflikten in einer Weise umzugehen, die es ihm ermöglicht, wieder zu atmen.
Der Mutter entkommt er nur durch Flucht in den Krieg. Dem Rausschmiss bei der
Polizei entkommt er durch vordergründige Akzeptanz der Maßnahme,
wenn er vor seinen Saufkumpanen von Verständnis für seine Vorgesetzten
spricht. Der mit Scheidung drohenden Irmgard aber entkommt Hans nur durch einen
Herzinfarkt.
Die
Konflikte in der Geschichte um Hans und Irmgard und die anderen bilden eine
Art für die Figuren unerreichbares Zentrum, um das sie sich gruppieren,
anstatt diese zu lösen. Wie traumatisiert kreisen sie um ihre eigenen Widersprüche,
ohne in ihnen selbst sich zu erkennen. Ein Verhalten gibt ein anderes und löst
wieder ein drittes aus. Ein Wort gibt das andere und produziert ein drittes.
Die einen, wie Hans, fallen aus dem Kreislauf heraus, weil sie ihn durchbrechen
wollen, aber nicht können, denn dazu bedürfte es der anderen oder
wenigstens eines anderen. Die anderen aber reproduzieren durch ihr Verhalten
nur die Systematik des Regelwerks, das sie nicht durchschauen können. Der
Verlust, der dabei entsteht, ist Resultat des permanenten Verlierens, das sie
als Aufrechterhaltung ihrer Subjektivität missverstehen. Wenn Irmgard nach
der Beerdigung von Hans das Pferd einfach wechselt und Harry vereinnahmt, dann
ist das nicht in erster Linie Boshaftigkeit, Skrupellosigkeit oder Gefühlskälte.
Sie reproduziert „nur“ die Mechanismen, die sie gelernt hat, weil sie keine
anderen kennt. Die Kälte ist ihr nicht bewusst; sie ist Teil des Beziehungssystems.
Und Fassbinder erweist sich in dieser Hinsicht Freud näher als etwa Marx.
Hans
ist am Ende. Er darf nichts Schweres mehr tragen nach seinem Herzinfarkt. Er
darf nicht mehr trinken. Irmgard, die sich während seines Aufenthalts in
eine kurze Affäre mit einem gewissen Anzell (Karl Scheydt) eingelassen
hat, kommt auf die Idee, jemanden einzustellen, der mit dem Obstwagen durch
die Hinterhöfe zieht. Irmgard setzt auf die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen
Basis der Familie, die allein Anerkennung und Konsistenz der Subjektivität
zu versprechen scheint. Sie hat momentan keine Alternative. Anzell ist verheiratet.
Und als sich eben dieser bei Hans meldet, um als Obstverkäufer von ihm
eingestellt zu werden, lockt Irmgard Anzell in eine Falle: Er, der in den ersten
Wochen korrekt abgerechnet hatte, soll ein bisschen mehr pro Kilo Äpfel,
Birnen usw. verlangen; den Überschuss würde sie sich dann mit ihm
teilen. Was Anzell nicht weiß: Hans beobachtet ihn, ob er korrekt abrechnet,
und kommt dahinter. Anzell ist für Irmgard jetzt eine Bedrohung.
Alle
kalkulieren. Es sind die Kalkulationen eines hierarchischen, auf „kaltblütige“
Leistung und Erfolg gestützten Systems, in dem Betrug, Intrige, Egoismus,
Gewalt und die Warenform der Beziehungen die Regel sind. Man gibt nicht einfach
her, ohne etwas dafür zu bekommen. Und ein Mehrwert muss auch dabei sein.
Das kurzzeitige Glück nach der Einstellung zunächst von Anzell, später
von Hans altem Freund Harry (Klaus Löwitsch), den er zufällig in einer
Kneipe wieder trifft, ist trügerisch. Irmgard hat sich längst mit
diesen Regeln abgefunden; sie ist Teil dieses Systems, dessen Funktionsweise
ihr nur praktisch bewusst ist. Sie handelt danach, ohne zu wissen, was sie da
eigentlich tut. Die Zärtlichkeit hat in der Beziehung von Irmgard und Hans
aus verschiedenen Gründen keine Chance. Irmgard weiß von Hans großer
Liebe. Hans kalkuliert auch, aber in anderer Weise. Er hat Sehnsüchte,
Träume und lebt sporadisch in ihnen. Er setzt sein ganzes Leben auf diese
Sehnsüchte, im Film wunderbar ausgedrückt durch das Lied von Rocco
Granata, dessen Text selbst die Widersprüchlichkeit von Wunsch und Wunscherfüllung
dokumentiert.
„Aus
der Heimat trieb mich das Fernweh
und
da draußen fand ich das Heimweh.
Ja
die Sehnsucht ist mir geblieben.
Oh
Mama mia heut kann ich dich versteh'n.
Buona
Buona Buona Notte ...“ (1)
Doch
gleichzeitig herrscht nicht nur Sympathie für den Protagonisten des Films,
für Hans. Denn sowohl seine Mutter, als auch seine Frau handeln aus einem
instinktiven Gefühl der Sorge heraus, um sich, um ihre Familie. Aus dem
Spannungsverhältnis zwischen dieser Sorge und den damit verbundenen Ängsten
hier, der „kulturellen Verarbeitung“ dieser Gefühle durch die herrschende
Mentalität einer von Geld und Gewalt beherrschten Gesellschaft dort – ein
sich bedingendes, teils eruptiv, teils depressiv sich äußerndes Verhältnis
– gewinnt Fassbinder die (Melo-)Dramatik der Handlung. Eruptiver Ausbruch (Hans
verprügelt Irmgard) und Herzinfarkt (der Wendepunkt in der Geschichte,
ab dem ein Zurück, oder besser ein „Vor“ zu anderen Ufern nicht mehr möglich
ist) kennzeichnen die melodramatischen Schnittpunkte des Films, unterfüttert
durch die „einfache“ Sprache der Figuren und den visuellen Realismus der Handlung.
In
der Figur der Anna, der Schwester von Hans, finden wir scheinbar eine Stütze,
einen Punkt des Widerstands, der Rebellion gegen die herrschende Moral der Unmoral
und der kalten Berechnung. Und tatsächlich ist Anna die einzige, die Hans
verteidigt und ihre Schwester, ihre Mutter und ihren Schwager (Kurt Raab) bezichtigt,
Hans zu verachten. Im entscheidenden Moment allerdings, als Hans seine große
Liebe noch einmal aufsucht, aber nicht mit ihr schlafen kann, und dann seine
Schwester, die unter Zeitdruck ein Manuskript fertigstellen muss, versagt auch
Anna. Anna, ob sie es will oder nicht, schält sich einzig als Kommentator
der Verhältnisse heraus, nicht als Rebell gegen sie. Der ökonomische
Druck wirkt bis in die letzten Winkel und verhindert, dass Anna erkennt, welchen
Weg Hans nun gehen wird: Er trinkt in der Kneipe einen Schnaps nach dem anderen
– auf seine Mutter, den Rest der Familie, seine Frau usw. Irmgard, Harry und
die Männer, mit denen Hans immer gesoffen hat, schauen zu, bis er tot ist.
Keiner steht auf, um ihn zurückzuholen, weil keiner fähig ist, die
Situation überhaupt zu begreifen. Harry wird im wahrsten Sinn des Wortes
Hans Nachfolger als Ehemann und Geschäftsmann des Obsthandels. Selbst die
kleine Renate scheint damit einverstanden, hat er ihr doch bei den Hausaufgaben
geholfen.
Auf
dem Friedhof steht etwas abseits nur eine, Hans große Liebe, die um ihn
trauert. Und nicht nur diese Schlussszene lässt deutlich werden, wie die
Gefühle der Charaktere gnadenlos fremdbestimmt werden – so gnadenlos, dass
dieses Fremde längst zum Eigenen geworden ist. Hans, aus dessen Perspektive
auch diese Schlussszene gedreht wurde, so, als ob er seiner eigenen Beerdigung
und dem Verhalten der anderen zuschauen würde, ist bewusst in den Tod gegangen.
Dieser Schritt ist tatsächlich selbstbestimmt. Und das Tragische, was sich
darin manifestiert, ist die Tatsache, dass sich Freiheit für ihn erst im
Tod herstellt. Die Binnenperspektive des Films erlaubt sowohl den Realismus
der Milieuschilderung, als auch die Melodramatik der Geschichte, die Fassbinder
erzählt.
•
D V D •
Der
Rainer Werner Fassbinder Foundation und der e.m.s.-new-media ist es zu verdanken,
dass bislang 19 Fassbinder-Filme seit 2002 auf DVD erscheinen konnten, darunter
auch „Händler der vier Jahreszeiten“. Die Boxen umfassen jeweils zwei DVDs
mit umfangreichem Zusatzmaterial, u.a. einem Kurzfilm Fassbinders von 1967 („Das
kleine Chaos“) sowie ein Filmporträt von 1977. Die Filme wurden durch ein
aufwändiges und kostenintensives Verfahren neu abgetastet und haben trotz
ihres Alters und der zum Teil schlechten Vorlagen eine außerordentliche
Ton- und Bildqualität. Der Film ist in Farbe zu sehen, Tonformat mono,
Untertitel Englisch. Die Gesamtspielzeit beider DVDs beträgt 281 Minuten.
Auf der ersten DVD befindet sich zudem ein aufschlussreiches Interview mit dem
Hauptdarsteller Hans Hirschmüller, aufgenommen 1992, zehn Jahre nach Fassbinders
Tod.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Prädikat:
besonders wertvoll
Wertung
DVD: 10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: www.yopi.de
(1)
Rocco Granata: Buona Notte Bambino (1963). Granata,
Jahrgang 1938, in Belgien lebender Schlagersänger italienischer Herkunft,
hatte 1959 einen Welthit: „Marina“. Ende der 80er Jahre erlebte er ein Comeback,
auch mit deutschsprachigen Titeln.
Händler
der vier Jahreszeiten
Deutschland
1972, 85 Minuten
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Musik:
Rocco Granata („Buona Notte Bambino“)
Director
of Photography: Dietrich Lohmann
Schnitt:
Thea EymPsz
Produktionsdesign:
Kurt Raab
Hauptdarsteller:
Hans Hirschmüller (Hans Epp, Obsthändler), Irm Hermann (Irmgard, seine
Frau), Hanna Schygulla (Anna, Schwester von Hans), Andrea Schober (Renate, Tochter
der Epps), Gusti Kreissl (Mutter von Hans), Heide Simon (Heide, Hans zweiter
Schwester), Kurt Raab (Kurt, Heides Mann), Klaus Löwitsch (Harry Radek),
Karl Scheydt (Anzell), Ingrid Caven (Hans große Liebe), Peter Chatel (Dr.
Harlach), Lilo Pempeit (Kundin), Walter Sedlmayr (Verkäufer eines Obstkarrens),
El Hei ben Salem (Araber), Hark Bohm (Polizist), Daniel Schmidt, Harry Baer,
Marian Seidowski (drei Bewerber), Michael Fengler (Playboy), Rainer Werner Fassbinder
(Zucker), Elga Sorbas (Marile Kosemund, Prostituierte)
Internet
Movie Database:
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