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The
Halfmoon Files
Geisterstimme
aus dem Gestern
Singende Kriegsgefangene, vermessen im Halbmondlager
und auf Schellack gepresst: In seinem Filmessay "The Halfmoon Files"
(Forum) sichtet Philip Scheffner Deutschlands koloniales Erbe und den trügerischen
Wahrheitsanspruch der Ethnografie
Manchmal nimmt Philip Scheffner gern Umwege. So war
es auch bei seinem Projekt "The Halfmoon Files". Bereits 2002 erschien
seine CD mit Sounds aus Bombay, die Scheffner zu einer "Musique Concrète
der Stadt" collagiert hatte, wie er sagt. Bei Interviews vor Ort bekam
er dann den Hinweis, dass in der Nähe von Berlin während des Ersten
Weltkriegs ein Lager für indische Kriegsgefangene existierte. Plötzlich
saß die deutsche Kolonialgeschichte mit im Boot. Scheffner erfuhr, dass
Berlin ein Stimmenarchiv besitzt, das in dieser Zeit alle "Rassen"
der Erde akustisch klassifizieren sollte. Er recherchierte weiter, traf auf
Britta Lange, die am Max-Planck-Institut über Postkolonialismus forscht.
Aus dem gemeinsamen Interesse wurde ein Vortrag, mit dem die beiden durch Unis
touren. Zusätzlich soll dieses Jahr eine Ausstellung in Berlin folgen,
für die Scheffner noch eine CD mit historischem Material produzieren wird.
All das gehört zur Rührigkeit, wie man
sie von geübten Projektemachern kennt. Und doch ist bisher kein einziges
Mal von Scheffners Film "The Halfmoon Files" die Rede gewesen, mit
dem er nun im Forum vertreten ist. "Na ja, es war eben wie so oft auch
Zufall, dass überhaupt ein Film herausgekommen ist", erklärt
Scheffner, während er sorgfältig seine Zigarette zu Ende dreht. Noch
im Oktober hatte er eine lose Sammlung aus Texten, Bildern und O-Tönen
beim Talk in einem Berliner Kunstverein vorgestellt. Aber dann wurden an Silvester
"in sehr, sehr langen Sitzungen" die bereits vorhandenen DV-Aufnahmen
geschnitten und montiert. Ein ziemlicher Ritt, schließlich ist der Materialfundus
enorm disparat. Dokumentation, Bildessay, Hörspiel - der fertige Film verhandelt
vieles in einem. Es geht neben dem kolonialen Erbe Deutschlands auch um eine
Kritik am Wahrheitsanspruch der Ethnografie mit ihrem Vertrauen in dokumentarische
Bilder und darum, wer festlegt, wie Geschichte geschrieben wird.
Gerade deshalb ist Scheffner skeptisch: Objektivierbares
Wissen gibt es nicht, noch weniger lässt es sich darstellen. Diese Einsicht
war bereits wichtig, als der 1966 in Homburg geborene Video- und Soundkünstler
Anfang der 90er das Berliner "dogfilm"-Kollektiv mitgründete,
dessen Arbeiten von TV-"Soaps" für arte über die Ökonomisierung
von Mitte bis hin zu Beiträgen über die "Kein Mensch ist illegal"-Initiativen
reichten.
Das schwierige Verhältnis von gesellschaftlichen
Inhalten und künstlerischem Blick ist auch in "The Halfmoon Files"
ein durchgängiges Thema. Schon zu Beginn sieht man, wie sich kaum merklich
eine Flusslandschaft aus einer nebelverhangenen Suppe herauskristallisiert.
Dazu hört man eine Schallplatteneinspielung, die in Indisch die Welt "als
trügerische Form" besingt.
Die Stimme stammt von Mall Singh. Aufgenommen wurde
der Rhapsode nicht heute, sondern vor 90 Jahren, nicht in seiner Heimat, sondern
in Wünsdorf bei Berlin. Dort waren im Ersten Weltkrieg die gefangenen Soldaten
muslimischen und anderen nichtchristlichen Glaubens interniert. Araber, Afrikaner,
Koreaner und eben auch indische Sikhs. Weil in dem sogenannten Halbmondlager,
für das man 1915 sogar eine eigene Moschee errichtete, dermaßen viele
Völker und Kulturen zusammengepfercht waren, wurden schließlich die
Ethnologen, Sprachwissenschaftler und Anthropologen der Berliner Humboldt-Universität
auf diese Welt im Miniaturformat aufmerksam.
Feldforschung leicht gemacht: Bald begannen die Wissenschaftler
damit, die vermeintlich exotischen Kriegsgefangenen zu vermessen, ihre Feste
und Rituale zu studieren, vor allem auch ihre Sprachen aufzuzeichnen. Das alles
ist auf Filmen dokumentiert, die Scheffner jetzt als Samples in "The Halfmoon
Files" nutzt, in Zeitlupe einstreut oder mit Aufnahmen aus dem heutigen
Wünsdorf kontrastiert. Eine zentrale Rolle spielte damals der Sprachwissenschaftler
Wilhelm Doegen, der die "Königlich Preußische Phonographische
Kommission" leitete. Unter seiner Aufsicht sind 700 Aufnahmen in Wünsdorf
entstanden, die auf Schellackplatten gepresst wurden und heute noch im Berliner
Lautarchiv lagern. Für Scheffner ist Doegen "eigentlich so etwas wie
das abwesende Zentrum. Er hat als Erster erkannt, dass seine Aufnahmen nicht
bloß wissenschaftliche Belege waren, sondern eben auch Dokumente von Kunst
und Sprache."
Der Film spinnt diesen Faden fort - ist Doegen der
Künstler und Singh sein Medium? Aber dann ist da dieser blinde Fleck in
Doegens Wahrnehmung, auf den Scheffner eingeht. Sofort erscheint die Authentizität
der Aufzeichnungen fragwürdig, schon weil die Tondokumente den Gefangenen
abgepresst wurden. So erzählt der von Doegen befragte Singh, dass er aus
deutscher Gefangenschaft endlich nach Indien zurückkehren will, "wenn
Gott gnädig ist". Wenig später hört man ihn seltsam hysterisch
lachen, nachdem er dreimal "Heil!" gerufen hat.
Was danach aus Singh geworden ist, weiß heute
niemand. Sein Geburtsdorf existiert nicht mehr, seit Indien 1947 geteilt wurde;
und auch die hiesige indische Botschaft besitzt keinerlei Informationen über
den Mann, der aus der Provinz Punjab stammte. Deshalb auch nennt Scheffner seinen
Film "eine Geistergeschichte": weil sie von einem Menschen handelt,
der nur als Stimme noch präsent ist. Mehr Fakten, aus denen man sich ein
Bild machen könnte, hat man auch am Ende des Films nicht zur Hand.
Harald Fricke
Dieser Text ist
zuerst erschienen in der taz
The
Halfmoon Files
Deutschland
2007 - Regie: Philip Scheffner - Länge: 87 min. - Start: 20.9.2007
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