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Hamburger
Lektionen
Aus dem Mund des Schauspielers
Manfred Zapatka kommen fremde Worte. Wir sehen, dass es nicht seine Worte sind,
denn er hat sie sich nicht angeeignet. Nicht nur liest er sie vor, denn er hat
sie nicht auswendig gelernt. Nicht nur stellt er nicht dar, was er spricht.
Es sind auch Worte, die man ihm, spielte er einen, dem sie zu eigen sind,
niemals abnähme. Es sind die Worte eines Hasspredigers.
Was Manfred Zapatka spricht, was
Romuald Karmakar ("Der Totmacher") filmt, ist die wörtliche Übersetzung einer Frage-und-Antwort-Veranstaltung,
die Mohammen Ben Mohammed Al Fazazi im Jahr 2000 in einer Hamburger Moschee
hielt. Es ist jene Moschee, die drei der Attentäter des 11. September besuchten,
auch Mohammed Atta. Ob sie bei diesen beiden Terminen im Jahr 2000 zugegen waren,
werden die, die es wissen, keinem verraten.
Manfred Zapatka sitzt auf einem
Stuhl, zwei Schemeltischchen neben sich, einer links, einer rechts. Der Hintergrund
ist neutral, eine Wand wie im Museum, die nicht sich, sondern das, was zu ihr
kontrastiert, zur Geltung bringt. Vom Schemel linker Hand nimmt Zapatka den
Text, den er liest, auf dem Schemel rechter Hand legt er ihn wieder ab. Drei
oder vier unterschiedliche Einstellungen kennt die Kamera, eine von halbrechts
halbnah, zwei Frontale, eine davon ein Close-Up aufs Gesicht des Darstellers,
der nichts darstellt außer dem Vorlesenden, der er ist. Nur wenige Male
nimmt eine Einstellung das Gesamtarrangement in den Blick: den Mann auf seinem
Stuhl, die Schemel, den Raum. Kaum Ablenkungsmanöver, nur gelegentlich
wird ein Zettel reingereicht, nur gelegentlich fällt der Schatten des Körpers
des Regisseurs (oder eines Helfers) auf die Wand hinter Zapatka.
Volle Konzentration auf den Text.
Der Prediger Fazazi widmet sich theologischen Fragen, in einiger Ausführlichkeit.
Es geht, zum Beispiel, um den genauen Termin des Beginns des Ramadan. Sorgfältig
ist der vorgelesene Text dabei übersetzt - der Schriftsteller Sten Nadolny
fungierte als Schlussredakteur eines ganzen Fachübersetzerteams -, zwischendurch
immer wieder unterbrochen durch Erläuterungen von Begriffen, die termini
technici sind und auch im arabischen Original genannt werden. "Bidaa"
etwa, was Reform heißt und als Abweichung vom Koran und der Sunna grundsätzlich
von Übel ist.
Oder "halal", das heißt
"erlaubt". Es geht darum, ob es erlaubt ist, sich am Eigentum der
Ungläubigen zu vergreifen. Ja, wird der Prediger sagen, es ist "halal",
denn die Ungläubigen haben es den
Muslims immer schon gestohlen. Da wird wenig
verklausuliert. Weil man - auch immer schon - im Krieg ist mit den Ungläubigen,
ist es auch erlaubt, sie zu töten, um nicht getötet zu werden.
Wie Fazazi diesen Sprengstoff
in theologische Haarspaltereien hineinfaltet und in rituell wiederkehrende Formen
wickelt, das gibt einen guten Eindruck, vermutet man, vom Denk- und Empfindungsmilieu
des Fundamentalismus. Eingeblendet werden auch immer wieder die Reaktionen des
in der Zapatka-Lektion natürlich nicht nachgestellten Publikums: lautes
Lachen, unterdrücktes Kichern. Das Einverständnis zeigt sich so, nachvollziehbar,
auch und erst recht im nicht Ausgesprochenen.
Romuald Karmakar verfremdet die
Worte des Fundamentalisten und bringt sie uns damit so nahe wie möglich.
Er enthysterisiert, so weit das nur geht, unseren Bezug zum Gesprochenen und
zu den Taten, die es impliziert. Die "Hamburger Lektionen" sind -
wie es schon der ähnlich verfahrende Vorgänger "Das Himmler Projekt"
war - ein Versuch skeptischer Aufklärung. Was aus dem folgt, was man zu
hören und sehen bekommt, lässt der Film ganz offen. Dass einem Hören
und Sehen und damit das Denken vergeht: dagegen setzt er die ganze Kraft seiner
abklärenden Nüchternheit.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Hamburger
Lektionen.
Deutschland 2006 - Regie: Romuald Karmakar - Darsteller: (Sprecher) Manfred Zapatka - Länge: 133 min. Start (D): 20.9.2007
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