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Heilt
Hitler!
Die Tragödie eines Einzelgängers: wie einer
aus dem Krieg zurückkommt, in die Heimat, in die Gegenwart, und den Augenblick
verpaßt hat, da alles von neuem begann. Den Wiederaufbau hat er verschlafen,
das macht ihn zum Outlaw, zum Wanderer, jenseits der Gesellschaft und ihrer
Zeit.
Angefangen hat es für den deutschen Soldaten
Herbert im Inferno, Stalingrad 1943. In einem finsteren Kellerloch gipst er
sich ein von Kopf bis Fuß, das ist seine Rückzugstaktik. Der Gipspanzer
funktioniert als Zeitmaschine, als die Russen kommen, ist Herbert daraus verschwunden.
In den letzten Jahren sind die Dokumentarbilder aus
dem Zweiten Weltkrieg farbig geworden, das hat unsere geschlossene Schwarzweißvision
dieser Zeit aufgebrochen. Auf dem grobkörnigen Farbmaterial rücken
die Bilder aus der Vergangenheit näher an uns heran. Für HEILT HITLER!
ging Achternbusch noch weiter als die Hollywoodregisseure damals, die für
ihre Filme an der Front von 35 mm zu 16 mm wechselten. Das Innenministerium
will ihm das Filmen verleiden und enthält ihm 60.000 Mark für den
DEPP vor, also dreht er, seine Freunde und sich ausbeutend, auf Super 8.
Herberts Wiederkehr ist vorprogrammiert: Sie werden
auferstehen, lautet die Parole im Gedenkbunker für den Unbekannten Soldaten
im Münchner Hofgarten. Wie ein Tiefkühlschläfer taucht Herbert
hier, ganz der gleiche, heute wieder auf.
Die Deutschen haben wohl, zu diesem Schluß
kommt er schnell, Stalingrad wiederaufgebaut, nach dem Endsieg, nun schaut es
aus wie München und wird wohl Hitlerdorf heißen oder gar Hitlergrad.
Und womöglich haben sie dreißig Kilometer vor der Stadt auch einen
Starnberger See angelegt.
Unter den Passanten im sonnigen München ist
Herbert, zögernd, bleich, verunsichert, eine Karikatur des weißen
Kolonialisten und Herrenmenschen, der sich eine fremde Welt aneignet. HEILT
HITLER! funktioniert wie ein ethnologischer Film, Herberts Blick, frech und
forschend, braucht die Wendigkeit und Roheit der Super-8Kamera, die keine Distanz
kennt zwischen dem, der schaut, und dem, was er sieht.
Geschichten gehen bei Achternbusch von Orten aus,
die provozieren seine Erinnerungen, an Erlebtes und Erfundenes, an das, was
war und was sein könnte: das Wunder von Stalingrad, das „KZ" von Andechs,
die Rose von New Orleans. Die Geschichte steckt in der Gegenwart, wird nicht
abgeschoben durch die Erklärungen nachgeborener Besserwisser. Hitlers Heilung,
wieviel hätte das verändert?
Komplizierter als die große Geschichte ist
für Herbert die seiner Familien. Wenn er, durch den Zeitrutsch junggeblieben,
seine alten Geliebten und ihre Kinder trifft, ist das die Gehurt eines freien,
verantwortungslosen Vaters: ein Sieg über die Gesetze der Genealoeie und
der Kontinuität, über die Eindeutigkeit von Geschichte und Gesellschaft.
Im Krieg steckten seine Frauen einen abgeschossenen amerikanischen Piloten gleich
in Frauenkleider, nach dem Krieg, darauf schaut auch die Kirche, gilt wieder
strikte Geschlechtertrennung.
Erst das Ende ist wieder wie im Paradies, wie im
Hollywoodkino. Ausgelassen streift Herbert mit seiner Enkelin Anita durch die
Wiesen um den Starnberger See, nun ist er wirklich daheim. In den beiden könnten
die Kinofans, auf einen zweiten Blick, Ethan Edward und seine Debbie wiedererkennen.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 7/86
Heilt
Hitler!
Bundesrepublik
Deutschland 1985. R, B und P: Herbert Achternbusch. K: Herbert Achternbusch,
Gunter Freyse, Adam Olech. T: Hartmut Geerken. Ko: Ann Poppel. V: Filmwelt.
L: 3828 m (140 Min.). FSK 18, nffr. St: Frühjahr 1986. D: Gunter Freyse
(Gunter und Traudylein), Herbert Achternbusch (Herbert die Krücke), Gabi
Geist (Gaby und Gabylein), Waltraud Galler (Traudy), Annamirl Bierbichler (Annamirl
und Annamirl), Anita Geerken (Annytta und Anita), Judith Achternbusch (Mädchen),
Luisa Francia (Luise), Josef Bierbichler (Bauer), Franz Baumgartner (Herr).
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