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"Heimat"-Trilogie
Sommer 1981: Die US-Soap „Dallas“ fegt dienstags
deutsche Straßen leer, während der Regisseur Edgar Reitz im Hunsrück
begonnen hat, seine „Heimat“-Serie zu drehen, die im Herbst 1984 erstmals ausgestrahlt
wird. Der Ölmilliardärs-Trash und der tragikomische Kosmos „einfacher
Leute“ aus dem Hunsrück – wie dehnbar das Medium doch ist! Klebt die „Dallas“-Endlosschleife
sklavisch an der Fernsehkonvention, oszilliert die „Heimat“-Saga eigentümlich
zwischen Fernseh- und Kinoerzählung: Reitz’ opus magnum überstieg
den Fernsehalltag, drohte ihn des öfteren zu sprengen, war aus aufführungspraktischen
Gründen aber auch fürs Filmtheater kaum geeignet. Es gebührt
dem Medium DVD, die jetzt als Gesamtedition erschienene „Heimat“-Trilogie im
besten Licht erscheinen zu lassen.
Erstmals ist nun eine Gesamtschau auf dieses Erzählpanorama
möglich. Reitz’ immenses Talent, Historie und Einzelschicksale zu verknüpfen,
tritt umso deutlicher zutage. Es beginnt 1919 in Schabbach, in der Wohnküche
der Familie Simon, und endet in eben derselben Hunsrückgemeinde, mit den
Tränen der Nachfahrin Lulu am Neujahrsmorgen 2000. Dazwischen spannt Reitz
einen gigantischen erzählerischen Bogen, ohne je dem Totalitätswahn
anheim zu fallen oder sich in überflüssigen Details zu verzetteln.
Mit dem Sprung von der „zweiten Heimat“ zu „Heimat 3“ – die mit dem Mauerfall
beginnt – lässt Reitz kühn zwei Jahrzehnte unter den Tisch fallen,
und selbst Hauptfiguren verschwinden sang- und klanglos, wo die Story woanders
hindrängt. Was ist im Verlauf der 1950er-Jahre aus den ungleichen Eheleuten
Eduard und Lucie Simon, der schrillen Ex-Bordellbesitzerin, geworden? Hat die
schöne Altistin Evelyne nach 1964 ihren afrikanischen Freund geheiratet?
Überhaupt: Hochzeiten und Todesfälle, Geburten und Jahrestage, sonst
dramatisches Futter für Fernsehserien, werden erstaunlich oft unter den
Erzählteppich gekehrt. Und die Feiern? Lichtjahre vom „Ewing-Barbecue“
auf der Southfork-Ranch entfernt, geraten das Schabbacher Dorffest am Ende des
ersten und das Oktoberfest im Finale des zweiten „Heimat“-Teils zum grotesken
Abgesang. Die „Akt“-Schlüsse der Trilogie bringen Scherben, Hörstürze,
desillusionierte Gesichter.
Zur verbindenden Figur aller drei Staffeln wird Hermann
Simon, der zwischen 1982 und 2003 von drei sehr verschiedenen Darstellern verkörpert
wurde. Als musikbegeisterter, unglücklich verliebter 16-Jähriger tritt
Hermann zuerst in der Wirtschaftswunder-Folge „Hermännchen“ in den Vordergrund,
bricht am Ende der Episode mit der Familie und wird zur Zentralfigur in Staffel
zwei, die seinen Weg in München vom Musikstudenten zum aufstrebenden Komponisten
Neuer Musik verfolgt. „Die zweite Heimat“, ebenso grandios gelungen, doch von
ganz anderem Flair als ihre Vorgängerin, schildert die studentenbewegten
1960er-Jahre. Auch hier wird, anhand von 30 ineinander verwobenen Figurenschicksalen,
gewissermaßen von Heim- und Fernweh erzählt. Doch die Sehnsucht gilt
nicht Orten, sondern Personen: Paargeschichten geben hier den Ton an. Von Hermann
und der Cellistin Clarissa, die erst spät wirklich zueinander finden, konnte
Reitz dann auch in „Heimat
3“ nicht lassen. Im Berlin des Novembers
1989 erleben sie ihre private Wiedervereinigung und ziehen gemeinsam in ein
Fachwerkhaus im Hunsrück.
Die dritte Staffel, die sich mitunter etwas distanzlos
ans politisch-gesellschaftliche Geschehen der 1990er-Jahre klammert, profitiert
einmal mehr von der magischen Musik von Nikos Mamangakis und hat in Thomas Mauch
und Christian Reitz würdige Nachfolger des brillanten Kamerastils von Gernot
Roll, der die vorhergehenden Teile fotografierte. Das besondere Kennzeichen
des „Heimat“-Zyklus, der Wechsel zwischen Schwarz-weiß- und Farbaufnahmen,
wird bis zum Schluss beibehalten. „Wenn wir uns vom Alltagsrealismus lösen
und ins Pathos, ins Allgemeingültige erheben, herrscht Schwarz-weiß
vor“, begründete Reitz die zwitterhafte Ästhetik der „Heimat“-Filme
einmal. Eine erschöpfende Erklärung ist das nicht. Das Changieren
der Bilder wird doch wohl eher von der vielschichtigen Musikalität der
Erzählung bedingt und ähnelt Tonartwechseln in einer Symphonie.
„Ich habe bemerkt, dass ich diese Heimat erst bei
den Vorbereitungen zum Film kennen lerne. Es ist eine Welt, die ich mit meinem
Verstand wiederentdecke“, spricht der gebürtige Hunsrücker Reitz in
Christa Tornows Fernsehfilm (1982), die ins DVD-Set ebenso integriert ist wie
begleitende Dokumentationen der Dreharbeiten zum zweiten und zum dritten Teil.
Im Bonusmaterial vermisst man andere gelungene Fernseh-Dokus wie Utz Kastenholz’
„Schabbach ist überall“. Aber das ist zu verschmerzen, schließlich
hat es mehr Schabbach als auf diesen epischen 3.217 Minuten nie gegeben.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst 25/2006
„Heimat“-Trilogie.
Arthaus
Premium, limitiert (Sonderkonfektionierung). Enthält „Heimat 1 – Eine deutsche
Chronik“, „Heimat 2 – Chronik einer Jugend“, „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“
(1979-2003). FSK ab 12. Länge: ca. 3.217 Min.
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