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Heimkehr
der Jäger
"Alles
Gute von der Pute"
"Die
Sprachlosigkeit ist natürlich
auch
Thema des Films. Denn Bilder
sind
ja nicht geschwätzig. Es gibt
zwei
Welten: die Welt des Museums
und
der Alltagswelt, die den Kopisten
aus
dem Tritt bringt und in die
Selbstfalle
lockt. Die Sensibilität für
Details
zerfällt in der Supermarktwelt.
Wie
bei ,Charm's Zwischenfälle' geht
es
um einen Mann, der verschwindet."
(Michael
Kreihsl)
Man
könnte sagen, dass Entfremdung das Thema des österreichischen Regisseurs
Michael Kreihsl in seinem 2000 entstandenen, auf der Berlinale hoch gelobten
Film ist. Entfremdung sowohl als das Sich-Fremd-Fühlen eines Mannes in
seiner Umgebung, als auch als wachsende Nivellierung dieser Umgebung und der
in ihr lebenden Menschen zu einer ausschließlich durch Waren und Geld
definierten Welt der Kälte und Gleichgültigkeit.
Franz
(Ulrich Tukur) ist Kopist am Kunsthistorischen Museum, bei der Arbeit umgeben
vor allem von Bildern von Pieter Brueghel d.Ä., Giuseppe Arcimboldo, Rembrandt
und vor allem einem Stilleben von Juan Sánchez-Cotán mit dem Titel
"Apfel, Kohl, Melone und Gurke" aus dem Jahr 1602 - ein Gemälde,
das Franz fasziniert, ja in seinen Bann zieht, das er unbedingt kopieren will,
für das er entsprechende Objekte in der Wirklichkeit sucht. Franz lebt
allein, getrennt von seiner Frau und seiner kleinen Tochter, die er nur ab und
zu sehen darf, und irgendwann entzieht ihm seine Ex-Frau ganz und gar den Zugang
zur Tochter.
Franz
scheint zu vereinsamen, nicht weil er es will, sondern weil er von seiner Umgebung
zu etwas gemacht werden soll, was er nicht ertragen kann: zu einem unter vielen,
zu einer konturlosen, ent-individualisierten Person, an der nichts Subjektives,
kein Eigensein, keine Phantasie, geschweige denn etwas Besonderes mehr zählt.
Als
seine Frau ihn von der Polizei vor die Tür setzen lässt, weil er sich
gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft hat, um seine geliebte Tochter
zu sehen, beginnt für Franz so etwas wie ein stiller Amoklauf gegen die
kalte Umgebung. Franz rebelliert. Er zerstört eine Plakatwand vor seiner
Wohnung auf der anderen Straßenseite, auf der ein mit zu einem lästig
lächerlichen Ausdruck verzerrten Gesicht abgebildeter Egg-Head mit Brille
verkündet
"SCHON
WIEDER EIN GEWINN!"
Franz
wird aggressiv und zugleich zieht er sich in die Phantasiewelt des Museums zurück.
Er fühlt sich angezogen von Rembrandts kleinem Selbstportrait, auf dem
der Meister sich mit verzweifeltem Gesichtsausdruck, der auf depressive Stimmung
rückschließen lässt, gemalt hat. Brüder im Geiste, Brüder
im Gefühl.
Franz
duldet die Gleichgültigkeit seiner Umgebung nicht mehr. Er attackiert mit
dem Auto einen Busfahrer, der beim Parken seines Gefährts den Motor laufen
lässt; er zwingt eine Aufsichts-person des Museums (Johannes Silberschneider),
ihm ein altes Gewehr und einen Helm auszuliefern. Als moderner Don Quichote
stellt er sich hinter zu einem Schutzwall aufgebauten Zementsäcken auf,
um Arbeitern an einem Supermarkt entgegenzutreten. Eine Planierraupe vertreibt
ihn.
Ein
Lichtblick scheint Franz Leben zu durchdringen - die blutjunge Kassiererin im
Supermarkt Mathilde (Julia Filimonow), die des öfteren im Museum sitzt,
eher sich ausruhend, als die Bilder betrachtend. Mathilde interessiert sich
für den merkwürdigen Mann, selbst als dieser in seinen grotesken Reaktionen
auf Banalitäten fast durchdreht.
Kreihsl
verzichtet in "Heimkehr der Jäger" (der Titel des Films ist zugleich
Titel des Gemäldes von Brueghel, das allerdings ursprünglich "Jäger
im Schnee" hieß) weitgehend auf Dialoge. Kreihsl lässt Bilder
sprechen - in einer derart subtilen Art und Weise, dass es einem manchmal kalt
den Rücken hinunter läuft. Er zeigt Franz als einen Menschen, der
in seiner Rebellion mehr als hilflos gegen die eingefahrenen Pfade einer durch
die neoliberale Ideologie mehr schlecht als recht verkleisterten Wirklichkeit
anrennt, die gar keine Wirklichkeit mehr zu sein scheint. Hier "wirkt"
nichts mehr, hier finden sich keine wirkenden und wirklichen Menschen, hier
funktioniert nur alles, wie es soll. So sieht es jedenfalls Franz, wenn auch
"nur" zugespitzt in seiner eigenen Verzweiflung.
Doch
er sieht es noch genauer. Er ist Kopist, ein Mann, der sich auf das Detail konzentrieren
muss, auf die Details im Bild. Dies wird ihm zum tragikomischen Verhängnis
in seinem Leben außerhalb des Museums. Denn wenn Franz in den Details
der neoliberal verformten Welt sieht, was diese Welt so tragisch gleichgültig
gemacht hat, dann muss einer verzweifeln - und erst recht er. Franz sieht sein
Scheitern, weil die Welt um ihn herum nach Maßstäben des Mitgefühls,
der Humanität, der Phantasie, der Lebendigkeit gescheitert ist. Nur in
Mathilde sieht er noch einen Schimmer des Alten, zu dem es kein Zurück
zu geben scheint. Als die Polizei auf ihn als "Auffälligen" aufmerksam
geworden ist, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Ein fast schon Fassbinder
ähnliches Ende kennzeichnet den Film.
Es
läuft, wie es läuft. Im Supermarkt verkündete eine Tonbandstimme
"Alles Gute von der Pute". Menschen werden verwöhnt - mit Einheits-Schinken
und ähnlichem. Kontinuierliches Verwöhnen führt zur Gewöhnung.
Fragt niemand mehr, mit was er verwöhnt wird?
• D
V D •
"Heimkehr
der Jäger" ist bei absolut medien auf DVD erschienen. Die gegenüber
der Kinofassung vom Regisseur leicht veränderte DVD-Version glänzt
durch hervorragende Bild- und Tonqualität. Zu bemängeln ist allerdings,
dass das wenige Bonusmaterial kaum zum Verständnis des Films beiträgt
und den Horizont des Betrachters nicht gerade erweitert. Denn die kurzen und
mageren Interviews mit Regisseur und Hauptdarsteller fallen eher in den Bereich
"nette Werbung" und Allgemeinplätze.
Wer
den Film wirklich liebt, gibt vielleicht auch € 24,99 (bei amazon und jpc) für
die DVD aus. Ich halte diesen Preis für ziemlich übertrieben, auch
wenn mir der Film sehr gefallen hat.
Wertung
Film: 9,5 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 7 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:
Heimkehr
der Jäger
(int.
Titel: Hunters in the Snow)
Österreich
2000, 80 Minuten
Regie:
Michael Kreihsl
Drehbuch:
Michael Kreihsl, unter Mitarbeit von Barbara Zuber
Musik:
Bizet, Händel, Saluzzi, Maria Kalaniemi, M. A. Cesti
Kamera:
Oliver Bokelberg
Schnitt:
Clemens Böhm
Produktionsdesign:
Christoph Kanter
Darsteller:
Ulrich Tukur (Franz), Julia Filimonow (Mathilde), Nikolaus Paryla (Kopist),
Johannes Silberschneider (Museumswächter)
Weitere
Informationen:
http://www.heimkehrderjaeger.at
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0233854
©
Ulrich Behrens 2005
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