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Herbstgeschichte
Ein sonniger Herbst. Und auch
wenn es nachts schon etwas kühler wird, sind die Tage noch fast sommerlich,
nur das Licht und die Farben verdeutlichen uns, dass es mit der Hitze ein Ende
hat - und die Weintrauben, die kurz vor der Lese stehen. Ein idealer Herbst,
ein Wunsch-Herbst. Und wo man hinsieht Weinberge, Hügel, Wiesen, auch Wald.
Nur im Rhône-Tal herrscht Hektik, Lärm, und Baustellen verunzieren
die Landschaft. Hier oben aber, in Bourg-Saint-Andéol (Ardèche),
ist
Stille, und zwei Frauen, zwei Freundinnen noch aus Schulzeiten gehen durch die
Reben. Die Winzerin Magali (Béatrice Romand) und die Buchhändlerin
Isabelle (Marie Rivière), die im 26 km entfernten Montélimar (Drôme)
arbeitet, beide Mitte 40, betrachten die Reben, die Pflanzen und das Unkraut,
das sich zwischen den Rebstöcken breit macht, und spekulieren darüber,
ob es möglich ist, aus dem Côtes du Rhône einen gut und lang
gelagerten Spitzenwein zu machen. Magali lässt das Unkraut stehen, weil
sie keine Pestizide anwenden will.
Wieder einmal zelebriert Eric
Rohmer im letzten Teil seines Jahreszeiten-Zyklus eine Liebesgeschichte im Entstehen,
eine Annäherung an die Nähe zweier Menschen aufgrund der Nähe
vor allem von drei Frauen. Isabelle ist verheiratet und hat eine Tochter, die
demnächst heiraten wird. Sie sorgt sich um Magali, die ganz allein oben
in den Weinbergen in einem wunderschönen Haus lebt. Magali, die zu ihrer
Tochter in Orange kaum noch Kontakt und zu ihrem Sohn Léo (Stéphane
Darmon) eher ein distanziertes Verhältnis hat, ist Männern gegenüber
eher scheu und unbeholfen, fast ängstlich. Doch Isabelle meint, Magali
müsse endlich einen Partner haben. So denkt auch die quirlige Freundin
Léos, die junge Studentin Rosine (Alexia Portal), die ein sehr freundschaftliches
Verhältnis zu Magali hat. Rosine hatte einmal eine kurzfristige Beziehung
zu ihrem ehemaligen Philosophielehrer Étienne (Didier Sandre), bevor
sie sich mit Léo befreundete, der, wie sie sagt, nur eine "Übergangslösung"
sei. Rosine befindet sich sozusagen in der Experimentierphase, was Beziehungen
angeht. Und sie denkt daran, Étienne mit Magali zu verkuppeln - nicht
zuletzt auch aus einem sehr egoistischen Grund: Sie wäre Étienne
los, der immer noch hinter ihr her ist. Spekulation Nummer 1.
Derweil gibt Isabelle heimlich
eine Kontaktanzeige auf - im Namen von Magali, die davon nichts ahnt - und lernt
daraufhin tatsächlich sehr schnell einen gewissen Gérald (Alain
Libolt) kennen, der natürlich (ebenfalls ahnungslos) glaubt, bei Isabelle
handle es sich um Magali. Isabelle findet Gérald sehr sympathisch und
erkundet bei drei Treffen mit ihm, ob er ein Mann für Magali sein könnte.
Spekulation Nummer 2.
Während Rosine Étienne
dazu überreden kann, auf der Hochzeit von Emilia (Aurélia Alcaïs),
der Tochter Isabelles, zu erscheinen, um ihn mit Magali bekannt zu machen -
was sie der Winzerin auch erzählt -, gesteht Isabelle Gérald, dass
nicht sie, sondern ihre Freundin Magali diejenige sei, für die sie die
Anzeige aufgegeben hat. Gérald reagiert darauf relativ gelassen - und
erklärt sich bereit, Magali ebenfalls auf Emilias Hochzeit kennen zu lernen ...
Eric Rohmers Filme gelten manchem
als (übertrieben) dialoglastig. Von mir aus. Ich liebe diese Dialoge, hier
vor allem zwischen Magali, Isabelle und Rosine, sowie zwischen Rosine und Léo
und zwischen Isabelle und Gérald. Alles wird intensiv diskutiert, natürlich
vor allem Beziehungen, mögliche Beziehungen, was Liebe ist und was nicht,
was Glück sein könnte und was eher nicht - und so weiter. Rohmer "testet"
einmal mehr die (psychologischen, lebensweltlichen) Grenzen in Bezug auf die
individuellen Möglichkeiten seiner Akteure aus. Das ist meinem Empfinden
nach einfach nur ein Genuss, zumal Rohmer in all seinen Filmen des Jahreszeiten-Zyklus
mit unterschwelligem Humor arbeitet. In "Conte d'automne" steigert
sich dieser Humor zum Schluss hin fast zur Komödie, ohne dass die Geschichte
ins Nirvana des Absurden oder Unwirklichen abdriften würde. Keine Chance.
Rohmer bleibt bei der Sache: den Möglichkeiten des Glücks und den
Umständen, unter denen Liebe möglich ist.
Er zeigt uns eine überaus
sympathische Frau im Alter von 45 Jahren, Magali, eine jener leicht dunkelhäutigen
Südfranzösinnen, deren Mutter oder Vater wohl tunesischer Herkunft
ist - eine Frau, die sich hinter ihren üppigen schwarzen Haaren und ab
und an hinter einer Brille zu verstecken scheint. Sie traut den Männern
nicht und sie traut sich nicht, was Männer betrifft. Entweder, sagt sie,
sei sie von den Männern enttäuscht oder die Männer von ihr oder
beide voneinander. Und vor allem würde sie nicht initiativ werden. Keine
günstigen Bedingungen für eine dauerhafte Beziehung - nicht einmal
für ein Kennenlernen -, zumal Magali ihr einsames Domizil in den Bergen
kaum verlässt.
Isabelle weiß darum und
entschließt sich zum Betrug (Motto: Geht der Eimer nicht zum Brunnen ...),
ja, zu einer Art Intrige, indem sie sich für Magali ausgibt und eine Kontaktanzeige
aufgibt. Rosine weiß auch darum, aber sie handelt ganz offen - und Rosine
hält sowieso kein Blatt vor dem Mund - und will zwei Fliegen mit einer
Klappe schlagen, denn, so kalkuliert sie, sie könnte ja den drängelnden
Étienne an Magali loswerden. Kuppelei? Sicher, irgendwie schon, aber
eine durchaus freundschaftliche, liebevolle Geste der beiden Freundinnen.
Was kann schon passieren? Es kann
im schlimmsten Fall schief gehen - ohne dass deshalb die Freundschaft Magalis
mit den beiden Frauen Schaden nehmen würde. Es ist die Beengtheit des Lebens,
dass vor allem Isabelle, aber auch Rosine bei Magali erkennen und dass beiden
Sorgen bereitet. Magali ziert sich, zwei kleine Schubse erzeugen Energie und
bringen Leben in ihr Leben.
Rohmer erzählt diese Geschichte
aber nicht nur in Dialogen - die hier eher etwas dürftiger gesät sind
als in den anderen Teilen des Vierjahreszeiten-Zyklus -, sondern vor allem einmal
mehr in beeindruckenden Bildern einer herbstlichen, sonnigen Landschaft, einer
ländlichen Idylle, die so viel mehr ist als nur Idylle. Rohmer scheint
das Dörfliche, Ländliche, Kleinstädtische sowieso mehr zu lieben
als die Großstadt, das Noch-Halb-Bäuerliche mehr als das Industrielle.
Auch in den anderen Filmen des Zyklus zieht es die Akteure immer mal wieder
hinaus, z.B. aus Paris. "Wintermärchen" spielt in der Provinz, "Sommer"
in der Bretagne und "Eine Frühlingserzählung" zwar in Paris, aber die Beteiligten zieht es in ihren entscheidenden
Stunden doch eher aufs Land.
Gérald schildert Rohmer
als einen "Verpflanzten" und wieder "Versetzten". Er war
lange Jahre in Algerien und wurde repatriiert. Ein ruhiger, sanfter Zeitgenosse,
der nicht drängelt, aber nichtsdestotrotz weiß, was er will und was
er nicht will. Allerorten wird kalkuliert, abgeschätzt. Als er Magali kennenlernt,
sagt er zu Isabelle, er könne sich durchaus vorstellen ... Die Akteure
bei Rohmer können sich immer durchaus vorstellen ... . Sie entstammen
nicht jener verblendeten und verblendenden Hollywood-Romanze, die so wenig bis
gar nichts mit den wirklichen Verhältnissen, insbesondere auch Geschlechterbeziehungen,
zu tun haben. Rohmers Menschen können sich einfach nur vorstellen, dass
es klappen könnte. Es sind Akteure, die uns sehr nahe sind, in denen wir
uns spiegeln können. Wie Magali und Gérald, die sich nähern,
sich kennen lernen - und am Schluss hat man dann den gewissen Eindruck, diesen
Eindruck, dass da etwas im Entstehen ist, ein Entstehen von Nähe und Zärtlichkeit,
die Rohmers Filme ebenso durchziehen, wie sie von Zweifel und Optimismus zugleich
durchwachsen sind.
Rohmer steckt den Rahmen ab und
lässt seinen Handelnden doch den Freiraum, diesen Rahmen zu erweitern -
nicht in einem revolutionären Sinn, weit entfernt, sondern eher in einer
Art aufgeklärtem Katholizismus kleinstädtischer Prägung. Dabei
spielt Religion in einem engeren Sinne in diesen Filmen gar keine nennenswerte
Rolle - eher schon die religio, die Rückbeziehung und Rückversicherung
der Akteure untereinander. Hierher gehört das unbestimmte Verhältnis
von Schicksal und freiem Willen, in dessen Rahmen sich seine Akteure bewegen.
Für Magali scheint es schicksalhaft, dass sie keinen Partner hat. Der Wille
ihrer Freundinnen ist es, dem entgegenzuarbeiten. Heraus kommt eine Chance für
Magali.
Hierhin gehören auch die
intellektuell überformten Dispute über die Liebe - so als wenn man
diese Diskurse nur bräuchte, um sich zu stimulieren. Dahinter aber kommt
- zum Schluss jedes Films des Zyklus - etwas zutage, was kaum auf intelligente
Dialoge der Beteiligten oder gar Philosophiediskurse zurückzuführen
ist: Ein Happyend des spezifischen Rohmer-Kosmos. Nach jedem Rohmer-Film kann
man sich eigentlich sicher sein: das hat Hand und Fuß, das, das ist die
Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann.
Magali und Étienne - unvorstellbar.
Magali und Gérald - sehr gut vorstellbar. Der Film endet mit einem Fest,
beim Tanz nach der Hochzeit, bei der Musik, die alle Beteiligten zufrieden,
ja eigentlich glücklich erscheinen lässt.
DVD
Format : Couleur, PAL
Region: Region 2
Sprache: Französisch
Format: 1.33:1
Studio: G.C.T.H.V.
Erscheinungsdatum:
20. Juni 2000
Leider existiert
auch dieser Film lediglich auf einer DVD in französischer Sprache (ebenso
in einer englischen Version). Leider, leider. Bild- und Tonqualität lassen
nichts zu wünschen übrig. Extras sucht man auf der DVD allerdings
vergeblich. Wozu auch? Rohmers Filme sprechen für sich selbst. Zudem sind
alle Filme des Jahreszeiten-Zyklus des Öfteren auf arte oder 3sat zu
sehen.
Wertung: 10 von
10 Punkten.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen in:
Herbstgeschichte
(Conte d'automne)
Frankreich 1998, 112 Minuten
Regie: Eric Rohmer
Drehbuch: Eric Rohmer
Musik: Claude Marti, Gérard Pansanel, Pierre Peyras, Antonello
Salis
Kamera: Diane Baratier
Schnitt: Mary Stephen
Darsteller: Marie Rivière (Isabelle), Béatrice Romand (Magali), Alain Libolt (Gérald), Didier Sandre (Étienne), Alexia Portal (Rosine), Stéphane Darmon (Léo), Aurélia Alcaïs (Emilia), Matthieu Davette (Grégoire), Yves Alcaïs (Jean-Jacques)
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